Pflege in der Coronakrise «Öffentlichkeit realisiert endlich, wie wichtig die Pflege ist»

Von Jennifer Furer

20.3.2020

Nähe schaffen aber trotzdem Ansteckungen vermeiden: Pflegerinnen und Pfleger stehen derzeit vor einer doppelten Herausforderung. (Symbolbild)
Nähe schaffen aber trotzdem Ansteckungen vermeiden: Pflegerinnen und Pfleger stehen derzeit vor einer doppelten Herausforderung. (Symbolbild)
Bild: Getty Images

Das Coronavirus bringt das Pflegepersonal ans Limit. Noch ist der Höhepunkt der Krise nicht erreicht. Zwei Pfleger erzählen aus ihrem Alltag in einer psychiatrischen Einrichtung.

Respekt gebührt jenen Menschen, die in Zeiten der Coronakrise ihre eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund rücken, um anderen Menschen zu helfen. Zu diesen zählen in diesen Tagen die Pflegefachkräfte. 

Während für den grössten Teil der Bevölkerung Social Distancing angesagt ist, schaffen Pflegerinnen und Pfleger Nähe zu Patienten, die darauf angewiesen sind. Etwa jene zwei, die aus der Nordwestschweiz stammen und jeweils in einer psychiatrischen Einrichtung arbeiten.

Das Paar will nicht mit Namen und Gesicht an die Öffentlichkeit. Sie möchten den Aussagen, die sie als Pflegerin und Pfleger tätigen, kein Gesicht geben, sondern im Namen vieler sprechen.

Im Interview erzählen sie vom Alltag mit psychisch Kranken in Zeiten des Coronavirus, von der Angst selbst angesteckt zu werden – und sie sprechen über das Unverständnis für Leute, welche die Forderungen des Bundes nicht ernst nehmen.  

Was ist momentan die schwierigste Herausforderung, mit der ihr umgehen müsst?

Er: Ich arbeite auf der geschlossenen Abteilung und habe mit Akutpatienten zu tun. Bei uns häufen sich die Überstunden. Es stellt sich derzeit die Schwierigkeit, wie wir diese wieder kompensieren können. Gerade auch, wenn wir davon ausgehen müssen, dass wir erst am Anfang der Corona-Krise stehen und es künftig auch bei den Pflegern zu Ausfällen kommen kann. Dann wiederum müssen wir schauen, dass wir genug Leute haben, welche sich um die Patienten kümmern können.



Sie: Ich arbeite auf einer offenen Abteilung. Auf dieser ist es den Patienten, die nicht fürsorgerisch untergebracht sind, erlaubt, rauszugehen. Auch am Wochenende dürfen sie nach Hause. Dadurch sind wir Pfleger immer wieder dem Risiko ausgesetzt, dass Patienten das Virus in die Klinik bringen.

Könnte man diese Bewegungsfreiheit nicht einschränken?

Sie: Solange der Bund keine Ausgangssperre erlassen hat, ist das nicht möglich. Die Klinik hat schon mögliche Einschränkungen vorgenommen. Patienten dürfen sich beispielsweise nicht auf dem Areal mit anderen Patienten treffen. Auch Besuch ist nicht erlaubt. Die Patienten sind aber erfinderisch: Einer hat beispielsweise seinen Vater am Rand des Areals getroffen. Wir können ihn dann nur darum beten, den Mindestabstand von zwei Metern einzuhalten.

Er: Auch bei uns ist es nicht ganz einfach, die Autonomie des Patienten dermassen einzuschränken und sie nicht herausgehen zu lassen. Das kann auch zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustands führen.

Ihr arbeitet sehr eng mit Patienten zusammen. Wenn sich beispielsweise einer in einem ausserordentlichen Zustand befindet, müsst ihr den Patienten in manchen Fällen festsetzen. Habt ihr keine Angst, euch anzustecken?

Sie: Angst ist das falsche Wort. Es macht mir aber schon Sorgen. Ich gehöre aufgrund meines Asthmas zu den Risikopatienten. Da ich noch jung bin und mich mein Alter gewissermassen schützt, arbeite ich so lange, wie es geht. Ich probiere mich mit einer Maske und Handschuhen zu schützen und halte mich, wann immer möglich, riskanten Situation fern.

Er: Ich selber habe keine Angst vor einer Ansteckung. Mir bereitet mehr Sorgen, wenn ich dadurch meine Freundin anstecke.

Doppelte Herausforderung: In psychiatrischen Einrichtungen müssen das Coronavirus in Schach gehalten und gleichzeitig kranke Menschen gepflegt werden.
Doppelte Herausforderung: In psychiatrischen Einrichtungen müssen das Coronavirus in Schach gehalten und gleichzeitig kranke Menschen gepflegt werden.
Bild: Keystone

Mit jeder Einweisung eines neuen Patienten steigt das Risiko, dass das Virus in die Klinik kommt. Dagegen können Kliniken nicht viel tun.

Er: Das ist so. Wir müssen alle Patienten aufnehmen, welche fürsorgerisch untergebracht werden müssen, sprich: selbst- oder fremd gefährdet sind. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Coronavirus auch in psychiatrischen Einrichtungen grassiert.

Seid ihr darauf vorbereitet?

Er: Die Klinik hat bereits jetzt Vorkehrungen für eine Quarantänestation getroffen. Dort drin sollen Patienten behandelt werden, die positiv auf Covid-19 getestet wurden.

Wer pflegt diese?

Er: Es wurde gefragt, ob es Freiwillige gibt, die das machen möchten. Ich habe vorläufig abgelehnt, weil meine Freundin Risikopatientin ist. Es gibt aber Pfleger, die sich gemeldet haben.

Denkt ihr, das durch das Coronavirus vermehrt Leute die Klinik aufsuchen werden, weil sie mit der aktuellen Situation nicht umgehen können?

Sie: Wir gehen davon aus, ja. Eine solche Situation triggert Menschen, die durch eine psychische Erkrankung vorbelastet sind, beispielsweise Erkrankte aus dem schizophrenen Formenkreis.

Er: Wenn die Kapazitäten steigen, müssen wir auch die Aufnahme einiger Patienten hinterfragen. Für Leute, die nicht akut selbst- oder fremd gefährdet sind, müssen wir andere Lösungen suchen. Das heisst aber nicht, dass sich psychisch Kranke nicht mehr an uns wenden dürfen. Es gibt keinen Aufnahmestopp.



Der Einsatz von Pflegerinnen und Pflegern stösst in der Bevölkerung auf viel Dankbarkeit. Leute klatschen zu vorgegebenen Zeiten auf ihren Balkonen, um ihre Solidarität kundzutun. Wie nehmt ihr diese wahr?

Er: Wir nehmen diese Solidarität gern an. In Basel beim Spital haben Fans des FC Basel ein Transparent aufgehängt, auf dem steht: «Unsere Helden tragen nicht blau-rot, sondern weiss». Das ist unglaublich motivierend.

Sie: Ja, die uns entgegengebrachte Dankbarkeit ist sehr schön. Die breite Öffentlichkeit realisiert endlich, dass die Pflege ein wichtiger Beruf ist. Ich hoffe, diese Solidarität reisst nicht ab, wenn wir die Corona-Krise überstanden haben. Patienten mit schlimmen Erkrankungen, die der Pflege bedürfen, wird es leider immer geben.

«Pflege: Jeder will sie, keiner will dafür bezahlen»: Schon mehrfach hat das Pflegepersonal für mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen gestreikt.
«Pflege: Jeder will sie, keiner will dafür bezahlen»: Schon mehrfach hat das Pflegepersonal für mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen gestreikt.
Keystone

Wie sieht die Zusammenarbeit unter den Pflegern aus?

Sie: Die Zeit schweisst uns zusammen. Die Solidarität ist sehr gross. Wir helfen einander. Ich habe zum Beispiel angeboten, dass ich in der Nacht um 2 Uhr ausrücke, sollte jemand vom Nachtdienst kurzfristig erkranken und ausfallen.

Ist die jetzige Zeit womöglich auch eine Chance für eine steigende Anerkennung der Pflege?

Sie: Wir kämpfen schon lange für fairere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Wenn diese Forderungen endlich Anklang finden würden, wäre dies eines der einzig guten Dinge dieser furchtbaren Lage.

Er: Mir kommt gerade ein Spruch in den Sinn, der im Moment in den sozialen Medien die Runde macht: «Jetzt betteln alle darum, dass die Pfleger durchhalten. Als die Pfleger gebettelt haben, hat niemand zugehört.»

Seid ihr wütend auf die Leute?

Er: Nein, das sicher nicht. Was mich beschäftigt, kann man eher als Unverständnis ausdrücken. Ich verstehe nicht, warum Leute immer noch nicht kapieren, wie ernst die Lage ist. Wenn sie sich weiter so verhalten und sich in Gruppen in den Park setzen, stecken sich immer mehr Leute an. Das Gesundheitssystem droht an seine Grenzen zu kommen und dadurch auch wir Pfleger.

Sie: Ich frage mich, was den Leuten im Moment fehlt, um die Lage richtig einzuschätzen und sich an die Regeln zu halten. Sind es fehlende Informationen oder fehlt die Aufklärung? Dort müsste man meiner Meinung nach ansetzen.



Die Massnahmen, die der Bund erlassen hat, sind für euch kaum umsetzbar. Ihr könnt nicht einfach Homeoffice machen. Wie nehmt ihr diese Diskrepanz zwischen euch und dem Rest der Bevölkerung wahr?

Sie: Das habe ich mir noch gar nicht überlegt. Für mich ist es selbstverständlich, auch in diesen Zeiten meinen Job zu machen.

Er: Dadurch sind wir so beschäftigt, dass uns eigentlich gar keine Zeit bleibt, um uns Gedanken darüberzumachen, dass wir gerade an der Front arbeiten müssen.

Welche Massnahmen trefft ihr selber, um das Virus nicht aus der Klinik nach Hause wiederum nicht von Zuhause in die Klinik zu tragen?

Sie: Wenn wir nach Hause kommen, ziehen wir die Kleider, die wir in der Klinik getragen haben sofort aus und waschen sie. 

Er: Wir halten uns selbstverständlich auch an die Vorgaben des Bundes: Kein ÖV, genügend Abstand zu anderen Menschen und regelmässiges Händewaschen. Im Moment treffen wir uns auch nicht mit unserer Familie oder Freunden.

Wie entspannt ihr euch in diesen turbulenten Zeiten?

Sie: Gutes Essen. Wir freuen uns immer auf den Abend, wo wir zusammen kochen. Manchmal gönnen wir uns etwas Leckeres vom Lieferdienst. Erst kürzlich haben wir Sushi bestellt. Zudem gehen wir mit unserer Hündin in die Natur. Das entspannt auch.

Er: Wir schauen auch, dass wir uns nicht allzu viel und permanent Nachrichten konsumieren und uns so immer mit dem Coronavirus beschäftigen. Manchmal finde ich es deshalb viel entspannter, arbeiten zu gehen: Da haben wir keine Zeit, um aufs Handy zu schauen und uns mit schlechten Nachrichten zu beschäftigen.

Die Coronavirus-Krise: Eine Chronologie

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