«Eine so beängstigende Situation – das hätte ich nie geglaubt»

Paolo Beretta

19.3.2020 - 11:16

Yasmin Boschetti: «An das Tragen von Maske sind wir uns schon länger gewöhnt, denn die benutzen wir auch während einer normalen Grippezeit.»
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Die Türen verschlossen, Besuche verboten: Die Altersheime im Tessin sind wegen des Coronavirus seit Tagen von der Aussenwelt abgeschottet. Wie erleben Pflegepersonal und Bewohner diese Isolation? Ein Interview.

Mit den Besuchsverboten für die Alters- und Pflegeheime im Kanton wollen die Tessiner Behörden die älteren Menschen vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus schützen. Auch im Sozialzentrum Onsernonese (CSO) in Russo werden diese Massnahmen umgesetzt.

Wie hat sich das Leben im Heim verändert? Drohen die älteren Menschen gar zu vereinsamen? «Bluewin» hat mit der Pflegedienstleiterin Yasmin Boschetti gesprochen.

Frau Boschetti, wie ist die Lage in Ihrem Sozialzentrum?

Ich hätte nicht geglaubt, dass ich als Pflegekraft einmal eine derart schwierige und beängstigende Situation erleben würde. Die Lage ist ernst, sehr ernst sogar. Ich bin deshalb froh, dass uns die Tessiner Behörden klare Richtlinien vorgeben.

Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Die Arbeitsbelastung ist in den letzten Wochen und Tagen ständig gewachsen. An das Tragen von Maske sind wir uns allerdings schon länger gewöhnt, denn die benutzen wir auch während einer normalen Grippezeit. Was jetzt neu dazu gekommen ist: Wir tragen ausschliesslich Einwegkittel und wir waschen uns viel öfter die Hände und desinfizieren sie noch regelmässiger.

Ja, es ist alles ein bisschen komplizierter und umständlicher geworden. Eine besonders grosse Herausforderung für uns, aber auch die Bewohnerinnen und Bewohner, ist zudem die präventive Isolierung. Bereits beim kleinsten Verdacht auf eine Ansteckung mit dem Coronavirus werden die Bewohner in unserem Heim sofort isoliert.

Wie geht es Ihrem Team und Ihnen persönlich?

Die Situation hat uns definitiv enger zusammengeschweisst. Wir sind noch mehr zu einer Familie geworden. Und obwohl die Situation ernst ist, sind wir nach wie vor alle positiv gestimmt und wissen, dass wir gut aus der Sache herauskommen werden.

Yasmin Boschetti: «Die Situation hat uns definitiv enger zusammengeschweisst. Wir sind noch mehr zu einer Familie geworden.»
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Haben Sie den Bewohnerinnen und Bewohnern eigentlich die ganze Wahrheit über die Epidemie gesagt?

Diejenigen, die noch über normale intellektuelle Fähigkeiten verfügen, wissen alles. Sie lesen Zeitungen, hören Radio, schauen TV. Sie sind manchmal, also was die Zahlen der Epidemie und ihren Verlauf betrifft, sogar noch besser informiert als wir.

Komplizierter ist es mit unseren Gästen, die psychische Probleme haben. Sie haben andere Prioritäten im Alltag. Sie haben meist auch nicht sehr häufig Kontakt mit anderen Menschen, sondern gehen zum Beispiel einmal am Tag die Vögel füttern. Ihnen müssen wir jetzt erklären, dass das in nächster Zeit leider nicht mehr möglich ist. Das ist oft nicht einfach. 

Wie hat sich das Leben im Seniorenheim sonst noch verändert?

Viele Gruppenaktivitäten können wir zurzeit nicht mehr durchführen, weil dabei die Sicherheitsabstände nicht mehr gewährleistet wären. Basteln geht zum Glück nach wie vor – mehrere Bewohnerinnen und Bewohner bereiten zurzeit Dekorationen für Ostern vor.



Belastet das Besuchsverbot die Bewohnerinnen und Bewohner?

Einige unserer Bewohner bekommen so gut wie nie Besuch, andere jedoch schon. Anfangs war es sehr schwer für diese Menschen, niemanden mehr zu sehen. Mütter, deren Kinder sehr regelmässig vorbeikamen, haben geweint. Für einige Bewohnerinnen und Bewohner reicht das Telefon eben nicht aus, weil die Hörfähigkeit im Alter nicht mehr die beste ist. Aber dann hatten wir eine Idee.

Welche?

Wir machen jetzt Face-Time- oder Skype-Anrufen, was die Bewohnerinnen und Bewohner, aber auch wir vom Pflegepersonal am Anfang ziemlich aufregend fanden. Bei diesen Anrufen gibt es zwar weniger Privatsphäre, aber es war sehr schön, die Freude der Bewohner zu sehen, wenn Sie ihre Verwandten und Freunde auf dem Bildschirm sehen.

Sie sind Grenzgängerin – wie viele Ihrer Kolleginnen und Kollegen, die im Tessiner Gesundheitssektor arbeiten. Haben Sie Angst vor einer möglichen Grenzschliessung?

Am Anfang gab es viel Stress und auch Angst, weil wir keine richtigen Informationen hatten. Denn es war lange nicht klar, ob die Grenzen nun geschlossen werden oder nicht. Dies führte zu viel Unsicherheit, obwohl uns die Heimleitung sofort eine kostenlose Unterkunft zur Verfügung gestellt hat. Jetzt, da die Situation etwas klarer ist, sind wir weniger beunruhigt. Trotzdem habe nach wie vor einen Koffer mit Kleidern im Auto. Ich bin also auf alles vorbereitet.

Yasmin Boschetti: «Wir machen jetzt Face-Time- oder Skype-Anrufen, was die Bewohnerinnen und Bewohner, aber auch wir vom Pflegepersonal am Anfang ziemlich aufregend fanden.»
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Wie funktioniert der Grenzübergang heute?

Wir werden bei der Einreise in die Schweiz und bei der Rückkehr nach Italien systematisch kontrolliert. Wir müssen alle notwendigen Dokumente vorweisen: Also die Arbeitserlaubnis und die von unserem Arbeitgeber zur Verfügung gestellte Bescheinigung mit allen Kontaktdaten. Ich habe auch immer eine Kopie meines Arbeitsvertrags dabei.

In den sozialen Medien wurden verschiedene Gruppen für Grenzgänger gegründet, die im Tessin im Gesundheitssektor arbeiten.

Die grosse Welle der Solidarität in den sozialen Medien freut mich sehr. Auf Facebook gibt es etwa die Gruppe «Frontalieri Ticino», die im Bedarfsfall Zimmer und Räume im Tessin zur Verfügung stellt. Es ist schön, so viel Anerkennung erfahren zu dürfen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Nur eines: Wir alle müssen das Virus ernster nehmen. Ich sehe immer noch zu viele Menschen um mich herum, die nach wie vor die Augen vor der Gefahr verschliessen. Ich wünschte, die Personen würden wirklich endlich alle zu Hause bleiben. Nur so können wir diese Epidemie stoppen.

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