Psychiatrische Kliniken: «Wir bereiten uns auf das Gröbste vor»

Jennifer Furer

18.3.2020 - 17:13

Doppelte Herausforderung: In psychiatrischen Einrichtungen müssen das Coronavirus in Schach gehalten und gleichzeitig kranke Menschen gepflegt werden.
Keystone/Urs Flüeler

Das Coronavirus bringt hierzulande nicht nur Intensivstationen ans Limit – auch psychiatrische Spitäler fahren alle Mittel auf, um die hochinfektiöse Krankheit abzuwehren. Ein Kampf, der kaum zu gewinnen ist.

Es sind die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, die das Coronavirus am härtesten trifft: Altersgeschwächte, pflegebedürftige und immungeschwächte Menschen, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind. 

Dazu gehören auch psychisch Kranke, die aufgrund ihres Zustandes nicht mehr zu Hause sein können, sondern ihr Daheim vorübergehend in eine Klinik verlegen müssen.

Die Psychiatrien kämpfen derzeit besonders mit der Vereinbarung der Pflege ihrer Patienten und der ausserordentlichen Lage in der Schweiz. Ihnen steht eine praktisch unlösbare Aufgabe bevor: Eine Abgrenzung von anderen Menschen, wie es der Bund derzeit vorsieht, ist in psychiatrischen Einrichtungen kaum möglich – depressive Patienten leiden beispielsweise besonders unter Isolation und Abschottung.

Besuchsverbot ausgesprochen

Doch wie können psychisch Kranke und das Pflegepersonal in Kliniken vor einer Ansteckung geschützt werden? Und wie kann verhindert werden, dass keine Patientin oder kein Patient mit Coronavirus in die Klinik eingewiesen wird? 

Es sind solche Fragen, die die psychiatrischen Einrichtungen derzeit der breiten Öffentlichkeit nicht beantworten können. Zu gross ist die interne Beanspruchung. Unisono schreiben die von «Bluewin» angeschriebenen Kliniken, dass die Coronavirus-Situation alle verfügbaren Ressourcen «mächtig» bindet.

«Wir müssen uns auf die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten konzentrieren», schreiben die Klinik-Mediensprecher weiter. Grundsätzlich würden Vorgaben des Bundes eingehalten. «Oberstes Ziel ist es, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und Risikogruppen zu schützen.»



Zugleich müsse der Betrieb aufrechterhalten werden, damit die psychiatrischen Einrichtungen ihren Versorgungsauftrag erfüllen könnten – ohne dabei Patientinnen und Patienten einem erhöhten Infektionsrisiko auszusetzen.

Eine Massnahme, die deshalb wie in Spitälern auch in psychiatrischen Einrichtung gilt, ist ein Besuchsverbot.

Nur eine Tür bleibt offen

«Bluewin» konnte mit Psychiatrie-Mitarbeitern sprechen, die einen genaueren Einblick in die derzeitige Krisenarbeit der Kliniken gewähren. Sie wollen ihren Namen nicht in der Öffentlichkeit sehen. Es heisst, dass die grösste Herausforderung derzeit die sich ständig verändernde Situation sei. «Der Krisenstab trifft sich täglich, um die Lage neu zu beurteilen», sagt etwa ein Mitarbeiter.

Der Fokus der vom Krisenstab beschlossenen Massnahmen sei im Moment, externe Personen von Patienten sowie Mitarbeitern zu trennen. 

Dazu würden beispielsweise die Türen aller Häuser der psychiatrischen Einrichtung vorerst geschlossen, sagt ein weiterer Mitarbeiter. Rein und raus gehe es nur über einen Weg: den Haupteingang. Dort werde bei Leuten, die von extern kommen, wie etwa Lieferanten, zuerst Fieber gemessen. 

Patienten, die neu eingeliefert werden, würden über einen gesonderten Eingang aufgenommen, heisst es weiter. Trotz Symptom-Abklärungen könne aber nicht garantiert werden, dass keine Infektion vorliege. Schliesslich gebe es Leute, die keinerlei Symptome zeigten, das Virus aber trotzdem in sich trügen.



Tests seien insofern nicht bei jedem sinnvoll: Wenn sie zu früh nach der Ansteckung gemacht würden, könnten sie negativ ausfallen, obwohl eine Erkrankung mit Covid-19 vorliege. 

Psychiatrische Einrichtungen würden durch das Vorgehen ein gewisses Risiko eingehen, sagt ein Mitarbeiter, der in einem Krisenstab Einsitz hält. Aber es sei derzeit nicht anders möglich. Die psychiatrische Versorgung der Bevölkerung ist Leistungsauftrag der öffentlichen Kliniken.

Der Fokus liege deshalb auch darauf, die gefährdeten Patientinnen und Patienten wie in der Alterspsychiatrie besonders zu schützen und nicht mit den anderen Patienten zu durchmischen, so ein Arzt. Beim Pflegen der Risikopatienten und bei Neueintritten würde das Personal in einigen Kliniken Schutzausrüstung tragen, etwa einen Mundschutz und Handschuhe.

Menschen über 65 Jahren gehören zur Risikogruppe und sind von den tödlichen Folgen des Coronavirus besonders betroffen. 
Keystone

Damit die Gefahr einer Ansteckung in den Häusern vermindert werde, in denen sich Patienten und Mitarbeiter aufhielten, würden zudem keine Gruppentherapien mehr durchgeführt.

Auch beim Essen werde darauf geachtet, dass der Abstand zwischen den Menschen eingehalten werde. Einzeltherapien würden nur dann stattfinden, wenn die Fachperson damit einverstanden sei. Alternativ könnten Ärzte telefonisch oder mittels Videoanruf konsultiert werden.

Pflegepersonal schützen

Laut dem Krisenstabmitglied ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Coronavirus auch in den Kliniken grassiert. «Wir bereiten uns auf das Gröbste vor» – es werde mit einem Anstieg an Einweisungen in nächster Zeit gerechnet.

Denn das Coronavirus bedeute starke Einschnitte, die bei psychisch kranken Menschen zu vermehrter Belastung führten. Menschen, die mit Ängsten, Anpassungsstörungen, schizophrenen oder paranoiden Schüben zu kämpfen hätten, träfe das Virus und die aktuell herrschende Lage besonders stark.

In der vorliegenden Situation, so ein Arzt, müsste dem Schutz der Mitarbeiter und dabei besonders jenem des Pflegepersonals Rechnung getragen werden. Sie alle würden deshalb täglich über die Situation informiert. Für Angestellte und Patienten gebe es zudem eine Corona-Hotline.

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