Zehn Skigebiete jubilieren – nur eines ist noch nicht zufrieden

Von Gil Bieler

18.2.2020 - 08:14

Die meisten Schweizer Wintersportgebiete sind schwungvoll in die Saison gestartet. Doch der Klimawandel birgt teure Herausforderungen für die Branche: Ein Kubikmeter Kunstschnee kostet bis zu fünf Franken. 

Wer in diesem Winter schon auf den Ski oder dem Board stand, wird es gemerkt haben: Es kurven deutlich mehr Sportbegeisterte über die Pisten. Landesweit waren es 17,8 Prozent mehr Besucher als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Das zeigt eine Saison-Zwischenbilanz per Ende Januar von Seilbahnen Schweiz, der Branchenorganisation der Bergbahnbetreiber.

Auch wenn es sich um eine Stichprobe handelt, bietet sie doch einen Orientierungspunkt: Insgesamt dürfe man mit dem bisherigen Winterverlauf «sehr zufrieden sein», heisst es in einem Communiqué.

Eine Umfrage von «Bluewin» unter Schweizer Ski-Destinationen bestätigt das positive Bild: Von den elf Bergbahnen, die geantwortet haben, hat lediglich eine einen schlechten Saisonstart zu beklagen – die Skilifte Gantrisch-Gurnigel im Kanton Bern. Es ist auch das einzige Gebiet, in dem keine künstliche Beschneiung möglich ist, da die Pisten in einem Moorschutzgebiet liegen.

Tief gelegene Gebiete als Verlierer

Bei allen anderen Destinationen dagegen sind die Gästezahlen gestiegen. Obenauf schwingt hier Adelboden-Lenk mit einem Plus von 28 Prozent gegenüber dem Fünf-Jahres-Schnitt, am Flumserberg freut man sich über «mehrere Spitzentage» mit jeweils über 13'000 Besuchern. Welches Zwischenfazit die einzelnen Gebiete ziehen, sehen Sie in der Bildergalerie oben oder hier als Lauftext

Auch bei Schweiz Tourismus heisst es, die Rückmeldungen aus der Branche würden auf eine erfolgversprechende Saison hindeuten. Dabei helfe, dass die Auswirkungen des grassierenden Coronavirus gering sein dürften, da Chinesen keine typischen Wintergäste seien.  



Alles bestens also? Jein. Erstens betonen mehrere Destinationen, dass erst Ende Saison abgerechnet wird. Und zweitens gab es auch Verlierer: Dazu zählt Seilbahnen Schweiz tief gelegene Skigebiete. Mehrere Lifte hätten den Betrieb wegen Schneemangels bis Ende Januar nicht aufnehmen können. «Auch wenn diese Kleinskigebiete seit jeher stark schwankende Saisons gewohnt sind, ist ein Winter wie der aktuelle für sie eine grosse finanzielle Herausforderung.»

Und der Klimawandel macht es für tiefer gelegene Gebiete in Zukunft nicht einfacher, «schneesicher» zu bleiben: «Die winterliche Nullgradgrenze wird bis Mitte des Jahrhunderts von heute 850 auf 1'500 m ü. M. ansteigen», erklärt Hansueli Rhyner, Mitarbeiter am Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos, auf Anfrage von «Bluewin».

Dank künstlicher Beschneiung hätten viele Gebiete die Anzahl Skitage in den letzten Jahren noch einmal steigern können. Doch für den Einsatz von Schneekanonen (im Fachjargon «Düsentechnik» genannt) braucht es bestimmte Bedingungen, was Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit angeht. Generell gilt laut Rhyner: «Je trockner die Luft ist, desto wärmer kann die Temperatur sein.»

Bis zu fünf Franken pro Kubikmeter Kunstschnee

Es gibt zwar auch gänzlich wetterunabhängige Beschneiungsmaschinen: Diese produzieren in einem Depot Schnee oder Eiskörner, die dann auf der Piste oder Loipe verteilt werden. «Diese Technik ist aber wesentlich teurer und daher eher für lokale Einsätze sinnvoll.»



Die technischen Mittel, um Wintersport auch in Zukunft betreiben zu können, sind also vorhanden. Laut Rhyner ist die Frage vielmehr, ob am Ende die Rechnung aufgeht. Bei Kosten von drei bis fünf Franken pro Kubikmeter Kunstschnee sei die Beschneiung sehr kostspielig.

Das zeigt auch eine Modellrechnung der Branchenorganisation Seilbahnen Schweiz: Die Anschaffung von Anlagen, um einen Kilometer Piste zu beschneien, kostet laut den Branchenzahlen eine Million Franken. Hinzu kommen jede Saison Betriebskosten von 20'000 bis 30'000 Franken – pro Kilometer. Die Ausgaben für Beschneiung und Pistenpräparation hätten in den letzten 25 Jahren so «massiv zugenommen».

Schneekanonen lassen den Gewinn schmelzen

Welchen Anteil ihres Budgets die Bergbahnen für die Beschneiung aufwenden, sei schwer zu sagen, erklärt Philipp Lütolf auf Anfrage. «Aber die Tendenz ist steigend.» Lütolf ist Dozent und Projektleiter am Institut für Finanzdienstleistungen Zug der Hochschule Luzern und hat in einer Branchenanalyse die Zukunftsaussichten der Bergbahnen beleuchtet.



Darin hält er fest: Aufgrund des Klimawandels werde der Betrieb der Skipisten zunehmend schwierig – wobei nicht allein die Höhenlage entscheidend sei. Stichworte hierbei: steigende Temperaturen, mehr Niederschläge und kürzere Phasen, in denen eine Beschneiung möglich ist.

Sein Fazit: Von jenen Bergbahnen, deren Geschäft sehr winterlastig sei, würden bei einem negativen Zukunftsszenario mehr als die Hälfte zu «Problembahnen». Ihr Dilemma: Helfen sie vermehrt mit Schneekanonen nach, verteuert das die Infrastruktur und drückt den Gewinn. In tiefer gelegenen Gebieten stelle sich zudem die Frage, wie häufig die Temperaturen eine Beschneiung zuliessen. Investitionen selber zu stemmen, werde so immer schwieriger.

Prognosen sind schwierig

Um zu überleben, müssten vor allem die Problembahnen das Sommergeschäft stärken und im Winter zusätzliche Einnahmen abseits der Piste erzielen. Welchen Gebieten dies gelingen könne, das ist aber selbst für den Experten schwierig abzuschätzen. 

Eines zumindest scheint sicher: Die Folgen des Klimawandels würden die Branche erst längerfristig umkrempeln, so Lütolf. Zumindest in den nächsten Jahren dagegen werde noch das Wetter die entscheidende Rolle für das Wintersport-Geschäft spielen. 

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