«Mit solchen Kampagnen werden alle Männer blossgestellt»

Jennifer Furer

21.7.2020 - 19:01

Mit diesem Bild macht die Kantonspolizei Zürich auf Facebook auf ihre Kampagne «Stopp Gewalt gegen Frauen» aufmerksam.
Kantonspolizei Zürich

Der Kanton Zürich thematisiert in einer neuen Kampagne Gewalt gegen Frauen. Kritiker werfen der Behörde Einseitigkeit vor – doch dabei übersehen sie etwas.

Gewalt gegen Frauen ist in unserer Gesellschaft ein weit verbreitetes Phänomen. Für das Jahr 2019 wurden in der Schweiz 19'669 Straftaten häuslicher Gewalt registriert. Im Vergleich zum Vorjahr ist dies eine Zunahme von 6,2 Prozent. Die Dunkelziffer ist hoch. Von häuslicher Gewalt betroffen sind vor allem Frauen.

Der Kanton Zürich macht Gewalt an Frauen zu einem Schwerpunkt seines aktuellen Regierungsprogramms. Dazu wurde am 6. Juli eine Kampagne gestartet, mit dem Ziel, die Unterstützungs- und Hilfsangebote für Betroffene vor Beginn der Sommerferien nochmals verstärkt bekannt zu machen, heisst es bei der Kantonspolizei Zürich auf Anfrage von «Bluewin».

Auch auf den sozialen Medien wird die Kampagne aktiv beworben – so etwa auf Facebook. Die Kantonspolizei Zürich hat dort einen Beitrag gepostet, in dem ein Bild mit einer Frau aufgeschaltet ist, daneben steht geschrieben: «Schreie von nebenan».

Expertin ordnet Kommentare ein

Das Bild löst einige Reaktionen aus, auch solche, die sich an der Kampagne und dem Fokus auf Frauen stossen. «Bluewin» hat einige Kommentare herausgesucht und diese Barbara Dettwiler vorgelegt. Sie ist stellvertretende Leiterin bei Vista, einer Fachstelle für Opferhilfe bei sexueller und häuslicher Gewalt mit Sitz in Thun. Dettwiler ordnet die Kritik an der Kampagne des Kantons Zürich und Behauptungen zum Thema häusliche Gewalt für «Bluewin» ein.

«Viel besser wäre eine Kampagne, die beide Geschlechter einschliesst, da Gewalt gegen beide Geschlechter real und ein No-Go ist.»

Barbara Dettwiler: «Sicherlich hat der Fokus auf Frauen damit zu tun, dass in den meisten der Fälle von häuslicher Gewalt Frauen die Betroffenen und Männer die Ausübenden sind. Das besagen Zahlen des Bundesamtes für Statistik und Polizeistatistiken. Rund 75 Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt sind Frauen.

Das Zuhause birgt für Frauen nach wie vor die grösste Gefahr, Opfer einer Gewalttat zu werden. Diese Betroffenheit erhöht sich noch bei den Tötungsdelikten im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt. 2018 registrierten die Behörden insgesamt 29 Tötungsdelikte im Bereich häusliche Gewalt

«Mit solchen einseitigen Kampagnen werden alle Männer desavouiert. Zum Streiten braucht es bekanntlich immer zwei.»

Barbara Dettwiler: «Es liegt auf der Hand, dass solche Kampagnen eben wegen der hohen Anzahl betroffener Frauen diese in den Fokus stellen.

Damit wird nicht verneint, dass auch Männer von häuslicher Gewalt betroffen sind, und dass es zu gegenseitiger Gewalt kommt oder kommen kann.

Es ist kontraproduktiv, alle Männer pauschal zu verurteilen. Dies wäre ein zu einfacher Weg, denn häusliche Gewalt ist ein Thema, das tiefer greift.»

«Es wird zu wenig offen über gewalttätige Frauen gesprochen.»

Barbara Dettwiler: «Um Themen einzuordnen, verwenden Menschen gerne Stereotypen. Das ist auch ein Grund, wieso weniger über gewaltausübende Frauen und über gewaltbetroffene Männer gesprochen wird. Männer als Opfer und Frauen als Täter sind in unserer Gesellschaft ein Tabuthema, weil sie nicht in das gängige Denkmuster vieler Menschen passen.»

«Nicht zu vergessen, dass vor ein paar Jahrzehnten Frauen nicht mal eine Vergewaltigung in der Ehe anzeigen konnten.»

Barbara Dettwiler: «Ja, das war so. Ab 1992 konnten Frauen, die in der Ehe sexuelle Gewalt erlebt haben, einen Strafantrag einreichen. Erst seit 2004 gilt Vergewaltigung in der Ehe als Offizialdelikt.»

«Frauengewalt spielt sich anders ab als Männergewalt.»

Barbara Dettwiler: «Gewalt, die Frauen ausüben, kann sich sicherlich von der Gewalt, die Männer ausüben, unterscheiden. Gemäss Statistiken üben Frauen in der Tendenz mehr psychische Gewalt aus, Männer setzen häufiger körperliche Gewalt ein.»

«Eine Idee wäre, Apotheken, Kliniken und Arztpraxen zu involvieren, dass sich Betroffene mit einem Codewort dort identifizieren können.»

Barbara Dettwiler: «Unterstützungsangebote sind wichtig, wie auch die Bekanntmachung dieser. Betroffene Menschen müssen wissen, wo sie Unterstützung, wenn nötig auch Schutz und Unterkunft bekommen.

Es ist zentral, dass Anlaufstellen gut erreichbar sind. In Bern gibt es beispielsweise seit November 2019 eine Hotline der Frauenhäuser des Kantons. Dies ermöglicht es Betroffenen, nun 24 Stunden und auch am Wochenende Ansprechpersonen zu erreichen. Weiter sind auch Kampagnen der Polizeien und Interventionsstellen der Kantone sehr wichtig.»

«Ausländer melden sich weniger aus kulturellen Gründen und aus Angst.»

Barbara Dettwiler: «Dazu kann ich nicht viel sagen, da es keine Zahlen zu Dunkelziffern von Betroffenen gibt. Oft kommt es bei häuslicher Gewalt dazu, dass Frauen der Zugang zum öffentlichen Leben verwehrt wird, weil sie isoliert werden. Sie können unter diesen Bedingungen die Sprache nicht lernen und haben Schwierigkeiten, sich in unserem System zurechtzufinden. Auf vielen Homepages mit Unterstützungsangeboten sind aber unterdessen Informationen und Flyer in verschiedenen Sprachen aufgeschaltet.»

«Gewalt muss nicht nur körperlich sein, sie kann auch psychisch und verbal erfolgen.»

Barbara Dettwiler: «Ja, unter häusliche Gewalt fallen auch die Straftatbestände Nötigung und Drohung.»

«Alle zwei Wochen stirbt eine Frau durch Gewalteinwirkung.»

Barbara Dettwiler: «Korrekt ist: Zirka alle zwei Wochen stirbt in der Schweiz eine Person an den Folgen eines Tötungsdeliktes, das im Rahmen von häuslicher Gewalt begangen wird. Der grösste Teil der Opfer sind Frauen.

Die Dynamik von häuslicher Gewalt ist komplex. Sie kann nicht einfach gestoppt werden. Wenn ein Paar nichts dagegen unternimmt, dreht sich die Spirale immer weiter. Die Gewalt nimmt in der Intensität oft zu und kann zu schweren Verletzungen oder sogar zum Tod führen.»

«Jegliche häusliche Gewalt sollte mehr beachtet werden, auch die gegenüber Kindern. Es ist ganz egal, ob Frau, Mann oder Kind: Niemand sollte so leben müssen.»

Barbara Dettwiler: «Dem stimme ich zu. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir noch viel Präventions- und Interventionsarbeit leisten und wir müssen in der Gesellschaft darüber sprechen und nach Lösungen suchen, die häusliche Gewalt verhindern können.»

«Wenn die Frauen keine Aussage machen, muss die Polizei unverrichteter Dinge wieder abziehen.»

Barbara Dettwiler: «Selbstverständlich liegt der Entscheid, ob sich eine Person Unterstützung holt, bei ihr selbst. Im Justizverfahren besteht die Möglichkeit, dass die klagende Person die Anzeige sistieren kann. Manchmal ist dies der Moment, in dem sich beide Personen Unterstützung suchen und eine Therapie oder ein Gewaltprogramm besuchen. Das ist die Möglichkeit, um aus der Spirale auszusteigen.»

«Leider schauen viele weg und reagieren nicht.»

Barbara Dettwiler: «Ich kann diese Aussage grundsätzlich so nicht bestätigen. Bei uns melden sich oft auch Bekannte oder Angehörige von Betroffenen, die sich informieren lassen. Sie fragen, wie sie vorgehen könnten, um die Betroffenen zu unterstützen. Gerade Kampagnen wie jene des Kantons Zürich bewirken, dass das Thema in der Gesellschaft präsent ist.» 

«Die Gesetze sind zu lasch.»

Barbara Dettwiler: «Bei der Bekämpfung von häuslicher Gewalt ist in den letzten Jahren viel unternommen worden. Delikte im Bereich häuslicher Gewalt wie auch im Bereich der sexualisierten Gewalt sind aber häufig sogenannte Vier-Augen-Delikte und deshalb oft schwierig zu beweisen. Das kann schnell dazu führen, dass das Gefühl aufkommt, das Gesetz sei zu lasch.

Ich denke aber auch, dass in den nächsten Jahren noch einiges geändert werden muss. Vor allem auch im Bereich der sexualisierten Gewalt, die ohne Nötigungsmittel nicht als Straftat zählt, oder nicht als die Straftat, die sie eigentlich wäre.»

Häusliche Gewalt in der Coronakrise

Laut der Kantonspolizei Zürich ist während des Lockdowns keine erkennbare Zunahme von Fällen häuslicher Gewalt zu verzeichnen. Die Fallzahlen würden sich in etwa auf dem Niveau des Vorjahres bewegen. Seit der Lockerung der Massnahmen sei aber ein Anstieg der Interventionen zu registrieren. Dies vor allem im Bereich von familiären Streitereien.

Laut Expertinnen könne es sein, dass der Lockdown in der Schweiz – der weniger restriktiv als in anderen Ländern war –, einen hohen Anstieg verhindert hat, weil es möglich war, der Gewalt aus dem Weg zu gehen oder sich Hilfe zu suchen.

Susan A. Peter, Geschäftsführerin Stiftung Frauenhaus Zürich und Vorstandsmitglied bei der Dachorganisation Frauenhäuser Schweiz, sagte in einem «Bluewin»-Artikel, dass der Anstieg während der Coronakrise zwar wider Erwarten ausgeblieben ist. «Dafür nahm die Anzahl an telefonischen und physischen Kontaktaufnahmen von Opfern häuslicher Gewalt nach der Lockerung des Lockdowns massiv zu.

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