Pestizide im Trinkwasser? Der Bund hat keine Eile

tafi

31.1.2020 - 18:00

Auch wenn immer mehr Pflanzenschutzmittel verboten werden, weist das Trinkwasser in der Schweiz ziemlich viele Pestizidrückstände auf.
Oliver Berg/dpa

Der Bund hat das das «wahrscheinlich krebserregende» Chlorothalonil verboten. Seit Anfang des Jahres darf das Pestizid nicht mehr eingesetzt werden. Im Kampf gegen kontaminiertes Trinkwasser solle man aber «keine Hektik» machen. 

Im vergangenen Dezember hat der Bund Produkte, die das Fungizid Chlorothalonil enthalten, verboten. Seit dem 1. Januar 2020 dürfen sie nicht mehr verwendet werden. Wirklich motiviert scheint das Departement von Bundesrat Alain Berset (SP) den Kampf gegen das mutmasslich krebserregende Pestizid nicht anzugehen. Der «Tages-Anzeiger» berichtet jetzt von einer E-Mail aus dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), in der steht, dass die Experten erst im Sommer eine «erste Bilanz ziehen». Bis dahin solle man «keine Hektik» machen.

Das Schreiben stammt von BLV-Vizedirektor Michael Beer und liege dem «Tages-Anzeiger» vor. Berg habe Kantonschemikern, dem Schweizerischen Brunnenmeister-Verband und dem Schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfaches (SVGW) erörtert, dass «eine unmittelbare Gesundheitsgefährdung» der Bevölkerung nicht bestehe.

Erstmal nur «verhältnismässige» Massnahmen

Im Trinkwasser, das laut Berg weiterhin bedenkenlos konsumiert werden könne, befinden sich zahlreiche Abbaustoffe von Chlorothalonil. Noch bis vergangenen Herbst waren zahlreiche dieser Metaboliten vom BLV als «nicht relevant» eingestuft worden. Für sie galt der gesetzliche Grenzwert (0,1 Mikrogramm pro Liter) nicht. Seit Dezember werden alle Abbauprodukte als für die Gesundheit «relevant» bewertet.



Berset versicherte damals im Parlament, dass im Sinne des Konsumentenschutz bei krebserregenden Stoffen eine Nulltoleranz-Politik gelte. In der BLV-Mail steht nun laut «Tages-Anzeiger» aber, dass Massnahmen «verhältnismässig» sein müssen, um «Verunreinigungen» durch Pflanzenschutzmittel zu minimieren. Dazu gehöre etwa, belastetes Wasser mit unbelastetem zu mischen. Das ist nicht teuer und leicht umzusetzen, und zwar innerhalb eines Monats «ab Beanstandung».

Wenn es komplizierter wird und kostspieliger – etwa bei zusätzlichen Filtern, grösseren Verbindungsleitungen oder neuen Fassungsanlagen –, dann haben Wasserversorger laut BLV-Mail viel länger Zeit. Zwei Jahre, um genau zu sein. «Es ist keine Hektik angesagt», pflichtet Kurt Seiler, Leiter des Interkantonalen Labors für Schaffhausen und die Appenzeller Halbkantone, der BLV-Strategie bei. Die Laboratorien haben gerade erst begonnen, die Stoffe zu untersuchen, die erst im Dezember als «relevant» eingestuft wurden.

«Ausbaden muss es die Bevölkerung»

Für Franziska Herren, Promotorin der Trinkwasserinitiative, ist die Strategie des BLV ein Unding. Die Behörden stünden einem Problem, das sie selbst verursacht haben, hilflos gegenüber. «Ausbaden muss es wie immer die Bevölkerung, die einen hohen Preis dafür zahlt: mit ihrer Gesundheit und dem Verlust von sauberem Trinkwasser» wird Herren vom «Tages-Anzeiger» zitiert.

Kantonschemiker Seiler will sich dennoch zunächst «einen Überblick über die momentane Situation verschaffen». Erst dann sei es möglich, über Massnahmen zu diskutieren. Dabei seien insbesondere Wasserversorgungen gefordert, die mit vom BLV als «verhältnismässig» klassifizierten Lösungen nicht weit kommen würden.



So komme der neu unter dem Grenzwert fallende Chlorothalonil-Metabolit R471811 in deutlich höheren Konzentrationen vor als der Abbaustoff R417888. «Es gibt wohl kaum eine Wasserversorgung in landwirtschaftlich intensiv bewirtschafteten Regionen, die nicht betroffen ist.»

«Es gibt keine schnellen Lösungen»

Im Kanton Solothurn etwa beziehen nach der Neueinschätzung der Relevanz von Chlorothalonil-Metaboliten zwei Drittel der Bevölkerung Trinkwasser, das nicht den Vorschriften entspricht. Kantonschemiker Martin Kohler betont in einem SRF-Interview: «Chlorothalonil wurde in den 70er-Jahren eingeführt, seit dann sind die Stoffe im Wasser vorhanden. In den 70er-Jahren gab es viel weniger strikte Vorschriften was die Zulassung von Pestiziden anging.»

Die Vorschriften seien strikter geworden, eine schnelle Lösung für Wasserversorger gebe es aber nicht. «Gefragt ist nun regionale und überregionale Zusammenarbeit.» Bei Versorgungen, «die mitten in der belasteten Zone drin sind, wird es wahrscheinlich nur funktionieren, wenn man das Wasser aufbereiten kann, mit Wasseraufbereitungsanlagen. Da spricht man von einem Zeitraum, der sehr viel länger ist als bisher angenommen.»

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