Wald im Dürre-Stress

«Es müsste mehrere Tage hintereinander regnen»

Von Andreas Fischer

17.8.2022

Weltweite Dürre: So werden Wälder feuerfest

Weltweite Dürre: So werden Wälder feuerfest

Die Dürre- und Trockenphasen werden von Jahr zu Jahr intensiver. Die Folge: Immer häufiger Waldbrände – weltweit. Wie Wälder brandsicherer werden, siehst du im Video.

14.07.2022

Dauerhitze und Trockenheit: In der Schweiz wird das Wasser für die Bäume knapp. Können sie noch fit gemacht werden für den Klimawandel oder verlieren wir den Wald, wie wir ihn kennen? Ein Experte klärt auf.

Von Andreas Fischer

17.8.2022

«Der Klimawandel und die mit verbundenen zunehmenden Trockenperioden stressen die Bäume in der Schweiz. Vielerorts ist bereits jetzt eine Herbstfärbung zu beobachten. Betroffen davon sind nicht nur Stadtbäume: Auch im Wald leiden die Bäume unter Wassermangel», wie Thomas Wohlgemuth von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL im Interview erklärt.

Zur Person
Thomas Wohlgemuth, initiateur du projet et co-auteur du livre guide de randonnee en Suisse permettant d'explorer a pied des sites de recherche pose avec son livre dans la foret de la reserve naturelle du Bois de Finges, au Parc naturel regional Pfyn-Finges mardi 18 mai 2021 a Salquenen. (KEYSTONE/Sandra Hildebrandt)
KEYSTONE/Sandra Hildebrandt

Der Ökologe Thomas Wohlgemuth befasst sich seit 30 Jahren mit den ökologischen Folgen von Extremereignissen wie Windwurf, Waldbrand und Trockenheit, ebenso mit der natürlichen und experimentellen Verjüngung von Waldbäumen. An der WSL leitet er die Forschungsgruppe Störungsökologie.

Herr Wohlgemuth, sollten wir in den nächsten zwei, drei Jahren noch einmal schnell in den Wald gehen, bevor er nicht mehr da ist?

Nein, so schlimm ist es nicht. Wir haben hier immer noch Niederschlagsverhältnisse, die Wald zulassen. Unser Wald wird noch lange bestehen, freilich wird sich die Baumarten-Garnitur irgendwann anpassen. Und ja: Der Klimawandel verstärkt weitere Störungen wie Borkenkäferbefall und Stürme, die zu Windwurf führen. Aber das Gute ist: Es wächst immer wieder Wald nach. Es gibt schon noch Hoffnung.

Wie geht’s den Bäumen in den Schweizer Wäldern denn mit der aktuellen Trockenheit?

Es gibt regional grosse Unterschiede. Flächenmässig sieht es weniger schlimm aus als 2018. Die Herbstverfärbung hat im Vergleich etwa drei Wochen später begonnen. Damals hatten wir schon Anfang August vielerorts Blattverfärbungen, teils sogar Blattfall. Das ist in diesem Jahr nicht so stark ausgeprägt, ausser am Nordrand der Schweiz: zum Beispiel im Kanton Schaffhausen und im Klettgau, stärker davon betroffen ist aber das Wallis und das Tessin.

Woran liegt das?

Besonders das Wallis und der Nordrand der Schweiz bekommen generell weniger Niederschlag ab und haben zudem in den vergangenen Jahren schon starke Sommertrockenheiten erlebt. Das schlägt natürlich zu Buche. Die Wasserbilanz auf den flachgründigen Böden ist dort sehr schlecht. Ausgeprägte Trockenphänomene verzeichnen die Südhänge im Unterwallis, wo es bereits Eichen mit braunem Laub gibt.

In anderen Gebieten der Schweiz sieht es nicht ganz so dramatisch aus: Am WSL-Sitz in Birmensdorf im Kanton Zürich etwa haben wir anders als 2018 an den Waldrändern noch keinen ausgeprägten frühen Herbst. Gleichwohl beginnt die Blattverfärbung bereits bei einzelnen Bäumen.

Gibt es Unterschiede zwischen Stadtbäumen und Waldbäumen beim Umgang mit Hitzestress?

Stadtbäume verlieren nicht früher ihre Blätter als Bäume im Wald. Sie sind bereits so ausgesucht, dass sie dürrebeständiger sind. Oft reicht das aber auch nicht. Aber: Die Bäume in den Städten können auf unterschiedliche Art und Weise bewässert werden. Die Gemeinden wollen ihre Bäume ja nicht verlieren.

So helfen Schweizer Städte ihren Bäumen

  • In Basel steht die Bewässerung der Jungbäume im Fokus. «Auch die Anpassung der Baumsortiments und die grossräumige Ausbildung der Baumstandorte/Baumquartiere mit einem gut durchwurzelbaren und Feuchtigkeit speichernden Substrat wird für die Entwicklung der Bäume im Siedlungsraum entscheidend sein», so der oberste Stadtgärtner Emanuel Trueb gegenüber blue News.

    Bäume, die an bewässerte Rasenflächen stossen, profitieren von der kontinuierlichen Bewässerung dieser Flächen. «Unsere ganze Aufmerksamkeit gilt allerdings den Jungbäumen, welche noch keine allzu tiefen Wurzeln haben und auf Bewässerung angewiesen sind.»

    Bürgerinnen und Bürger können in Basel eine Baumpatenschaft übernehmen. «Dabei bepflanzen sie bei Jungbäumen die Baumscheibe und bewässern gemeinsam mit der Unterbepflanzung auch geraden den Baum, so Trueb.
  • In Luzern legt man bei der Planung von Baumstandorten und der Pflanzung der Bäume bereits ein Augenmerk darauf, dass die Bäume auch mit Trockenperioden klarkommen. 

    Entscheidend sind auch die Wahl der Baumart, dass die Bäume genügend Platz und ein guter Boden, erklärt Fritz Bächle, stellvertretender Leiter Stadtgrün. «Eine bepflanzte Baumscheibe ist zum Beispiel besser als eine, die nur aus Mergel oder Kies besteht.»

    Wenn die Bürgerinnen und Bürger «ihren» Baum regelmässig mit der Giesskanne wässern möchten, schade dies sicherlich nicht. «Unsererseits wässern wir nur die Jungbäume bis zwei bis drei Jahre nach der Pflanzung. Nachher muss der Baum selber zurechtkommen mit seinem Standort.» Andernfalls werde er nur «verwöhnt» und suche mit seinen Wurzeln nicht nach Wasser.

Welche Baumarten sind in den Wäldern am ehesten von der Trockenheit betroffen?

In Tieflagen sind mehrere Arten davon betroffen: Waldföhre, Buche, Eiche. Auf tiefgründigeren Böden können die Bäume allerdings länger von Wasserreserven zehren.

Wie bleibend sind die Schäden, die die Bäume jetzt erleiden? Was nehmen die Bäume in die nächsten Jahre mit, wenn sie früher in den Herbst gehen?

Dies kommt auf die Wasserbilanz der Standorte drauf an: Wo schon früher trockene Sommer stattfanden, eben am Nordrand der Schweiz, dort werden die Dürrefolgen mit jedem neuen Ereignis stärker. Ist die Austrocknung der Böden weit fortgeschritten, können die Bäume geschädigt bleiben. Wenn die Wassersäule in den Ästen auseinanderreisst, dann kann er nicht mehr gerettet werden. Der Ast ist dann tot und kann keine neuen Triebe mehr ausbilden. Was einmal verloren ist, bleibt verloren.

Das tönt nach einem langsamen Tod der Bäume über mehrere Jahre …

Genau so ist es. Es beginnt mit Zweigen, die fehlen, weil die Äste nicht mehr austreiben. Danach kommt es zur Kronenverlichtung. Der Baum kann dann zwar an den Seiten neu austreiben und eine Ersatzkrone bilden, aber die ist nicht mehr so umfänglich wie die frühere Krone.

Die Kronenverlichtung können Sie übrigens in den Wäldern sehen: Wenn Sie genau schauen, sehen Sie in vielen Bäumen tote Äste, sodass sie durchschauen können. In diesem Jahr haben die begrünten Äste im Juni noch gut ausgesehen: Das Laub war sattgrün. Doch hat die Trockenheit dazu geführt, dass es sich bereits zu verfärben beginnt. Das kann im Extremfall zu weiterer Astmortalität führen.

Welchen Einfluss haben verstärkt auftretende Kronenverlichtungen auf den Waldboden? Ist er dann noch stärker von Austrocknung gefährdet?

Je nachdem wie stark und ausgeprägt die Trockenheit ist, können dann auch junge Bäume gefährdet sein. Die Förster sind wirklich besorgt, dass eine Öffnung des Waldes die Verjüngung beeinträchtigt. Andererseits bekommen junge Bäume auch mehr Licht und können dann im nächsten Jahr schneller in die Höhe treiben.

Der Schweizer Wald steht unter Dürrestress: Verbraunte Bäume, wie diese Flaumeiche im Unterwallis, sieht man in diesem Sommer wieder häufiger.
Der Schweizer Wald steht unter Dürrestress: Verbraunte Bäume, wie diese Flaumeiche im Unterwallis, sieht man in diesem Sommer wieder häufiger.
zVg/Lorenz Walthert, WSL

In manchen Städten wie Basel sollen in Erwartung zunehmend trockener Sommer hitzeresistentere Arten angepflanzt werden: Ist das auch bei der Verjüngung des Waldes eine mögliche Vorgehensweise?

Das ist eine von mehreren Strategien. Um die Diversität im Wald zu erhöhen, pflanzen Försterinnen und Förster bei Aufforstungen heute schon verschiedene Baumarten: Eichen, Kastanien, Douglasien, Nussbäume, Zedern. Unser im Juli verstorbener Kollege Peter Brang hatte ein grosses Programm mit Testpflanzungen aufgestellt, in denen verschiedene Baumarten vergleichend geprüft werden. Mit der aus Nordamerika stammenden Douglasie, die schon seit 120 Jahren in der Schweiz angepflanzt wird, haben wir zum Beispiel gute Erfahrungen gemacht. Die Douglasie ist trockenresistent und würde noch mit einer weiteren Erwärmung um etwa ein bis zwei Grad klarkommen.

Was macht die Douglasie anders als die anderen Bäume?

Anfangs wachsen Douglasien langsam, bilden aber ein sehr feines Wurzelgeflecht, mit dem sie sich Wasser und Nährstoffe erschliessen. Sie wächst also im Wurzelbereich nicht besonders tief, dafür aber sehr dicht.

Das ist eine andere Strategie, als sie Föhren verfolgen, oder?

Genau. Föhren bilden tiefe Pfahlwurzeln aus. Schon ein dreimonatiges Pflänzchen ist etwa 30 Zentimeter in die Tiefe gewachsen, während über dem Boden gerade mal eine kleine Bürste zu sehen ist.

Abgesehen von den Efforts bei der Verjüngung: Wie kann der Wald sonst noch fit gemacht werden für den Klimawandel?

Ein erweitertes Baumarten-Portfolio ist eines der wichtigsten Elemente. Wenn die Bäume grösser sind, kann man den Wald dann geschickt durchforsten, um einzelnen Bäumen mehr Raum und damit mehr Wasser zur Verfügung zu stellen. In südlichen Ländern wird das bereits so gemacht: Man schneidet dort Sträucher und kleinere Bäume einfach raus oder hält den Unterwuchs durch Ziegen kurz.

Der Mensch bekämpft das Problem also mit einem verstärkten Eingriff in das Unterholz: Ist das gut für das Ökosystem Wald?

Das ist ein klassischer Zielkonflikt. Es kommt dabei immer auf die gewünschte Funktion des Waldes an. In einem Schutzwald sind kräftige, gesunde Bäume wichtig. Ein Schutzwald, der zur Hälfte aus Totholz besteht, bietet langfristig zu wenig Schutz. Stabilität ist die Maxime. Die Biodiversität ist in dem Fall zweitrangig. In Wäldern ohne Schutzfunktion kann man hingegen mehr auf Totholz setzen: Hier können durch unterschiedliche Eingriffe oder Unterlassen von Eingriffen gezielt seltene Arten gefördert werden.

Wie viele extreme Trockensommer können Bäume eigentlich verkraften, bis der Wald nicht mehr der ist, den wir heute kennen?

Das ist unklar und wird sich erst noch zeigen. Die Häufung von mehreren Sommerdürren innert zehn Jahren scheint aber ein Faktor zu sein. Zur Frage nach der Waldveränderung werden ja schon seit Jahrzehnten Modelle entwickelt. Unabhängig vom Waldökosystem stellen wir bei der Eignung der Baumarten einen Wandel fest, etwa weg von Nadelbäumen in Tieflagen zugunsten von Laubbäumen. Dort fühlen sich langfristig Eichen wohler als Buchen, die ihr Wachstumsoptimum in höhere Lagen verschieben.

Ebenso sind Fichte und Tanne in höheren Lagen fitter und weniger von Borkenkäfern bedroht, die von hohen Temperaturen profitieren. Wie und wo sich der Baumbestand im Wald im Detail ändert, ist abhängig von der Variation der Böden. Auf tiefgründigen Böden ändert sich so schnell nichts, weil ihnen eine Trockenheit weniger ausmacht.

Wie gut sind denn die Böden derzeit mit Wasser gesättigt?

Die meisten Böden in der Schweiz werden während des Winters mit Wasser gefüllt, das können wir mit unserem Netzwerk von entsprechenden Messstationen feststellen. Die Situation ist im Frühling eigentlich nur an wenigen Orten prekär, zuletzt gemessen im Wallis, wo die Böden am Ende des Winters schon zu trocken waren.

In der Schweiz regnet es derzeit an manchen Orten endlich mal wieder: Reichen die Niederschläge aus, damit sich die Bäume in den Wäldern erholen?

Das werden wir sehen. Die Böden sind ausgetrocknet, daher wären mehrere Regentage und grössere Mengen notwendig, um einen Teil der Böden wieder etwas aufzufüllen.

Wie viel Regen müsste fallen, damit wieder ein normales Level erreicht wird?

Wir haben im Mittelland in den Monaten Juni, Juli und August Mittelwerte von 100 bis 150 Millimeter Niederschlag. In Birmensdorf haben wir diese Menge im Juni erreicht, im Juli fehlen zwei Drittel und im August bisher 90 Prozent von dieser Menge. Für diese Woche sind insgesamt 20 Millimeter vorhergesagt, es müsste aber für Normalbedingungen in den nächsten zehn Tagen jeden Tag 10, 15 Millimeter regnen.

Könnten die ausgetrockneten Böden dieses Wasser überhaupt aufnehmen?

Nach einem Monat ganz ohne Regen, wie in der derzeitigen Situation, braucht es wohl mehrere Tage, bis der Boden so weit aufgeschwemmt ist, dass das Wasser in grössere Tiefen gelangen kann. Es müsste also mehrere Tage hintereinander regnen, damit die Böden wieder genug Wasser gespeichert haben. Natürlich muss man differenzieren, weil nicht jeder Boden gleich ist, aber grundsätzlich fliesst das meiste Niederschlagswasser von ausgetrockneten Böden ab. Bei plötzlichem Starkregen ist das in Hanglagen durchaus gefährlich: Weil das Wasser nicht in die quasi versiegelten Böden eindringen kann, kann Erosion entstehen und das gesammelte Wasser in Bächen oder Flüssen zu Überschwemmungen ansteigen.

In vielen Ländern Europas brennen die Wälder, selbst Deutschland ist immer stärker betroffen: Wie hoch ist die Gefahr von Waldbränden in der Schweiz durch die derzeitige Trockenperiode?

Das Waldbrandrisiko steigt natürlich bei längeren Dürren stark an. Aber heute sind in der Schweiz mehrere Massnahmen eingeleitet, um den Ausbruch und das Löschen rascher und effizienter zu organisieren. Die mittlere Fläche von durch Feuer versehrten Wäldern sinkt in der Schweiz tatsächlich und den zuständigen Behörden sei gedankt, während es in anderen Ländern eher umgekehrt ist.

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