Vom Drucker bis zur Weihnachtsbeleuchtung

So wollen die Kantone Strom sparen

Von Gabriela Beck

28.9.2022

Ein Tram fährt spätabends vor dem Berner Bärenplatz und dem dunklen Bundeshaus vorbei. Seit dem 21. September wird die Fassade des Parlamentsgebäudes nachts nicht mehr beleuchtet, um Energie zu sparen.
Ein Tram fährt spätabends vor dem Berner Bärenplatz und dem dunklen Bundeshaus vorbei. Seit dem 21. September wird die Fassade des Parlamentsgebäudes nachts nicht mehr beleuchtet, um Energie zu sparen.
Alessandro della Valle/Keystone

Alle reden vom Stromsparen, nur machen es bisher zu wenige. Kantone und Gemeinden ergreifen nun Massnahmen – und legen dabei eine gewisse Kreativität an den Tag.

Von Gabriela Beck

28.9.2022

Abgeschaltete marode AKWs in Frankreich, dem grössten Stromlieferanten der Schweiz, und der Krieg in der Ukraine führen dazu, dass im Winter eine Strommangellage nicht ausgeschlossen werden kann. Stromsparen ist deshalb angesagt.

Doch gemäss den von der nationalen Netzgesellschaft Swissgrid letzte Woche publizierten Statistiken lag der Stromverbrauch im August nur rund 2,5 Prozent unter dem Durchschnitt der Jahre von 2012 bis 2021 für den August und damit im Bereich der üblichen Schwankungen.

Noch aktueller sind die Zahlen des Elektrizitätswerkes der Stadt Zürich (EWZ). Diese werden täglich publiziert. In der grössten Stadt der Schweiz ist demnach auch im September bislang kein markanter Rückgang des Verbrauchs sichtbar – trotz bundesrätlicher Sparappelle.

Um lediglich etwa vier Prozent sei der Bedarf bei den Grossverbrauchern zurückgegangen, wurde heute in einer Medienkonferenz des Kantons mitgeteilt. Daten von Privathaushalten, deren Anteil ungefähr ein Drittel ausmacht, sind dabei technisch allerdings nicht ermittelbar.

Mit Blick auf den Winter könnte sich der zögerliche Effort rächen. Denn was jetzt an Strom und Gas eingespart wird, könnte dazu beitragen, eine allfällig kritische Versorgungslage im Winter besser zu meistern.

Viele Gemeinden folgen den Vorgaben, die der Bund für die Bundesverwaltung gemacht hat, sowie den Empfehlungen der Konferenz der kantonalen Energiedirektoren, nach denen Räume der Stadtverwaltung und der städtischen Institutionen wie Museen und Bibliotheken auf 20 Grad Celsius beschränkt werden sollen.

Einige Kantone und Gemeinden ergreifen darüber hinaus eigene Energiespar-Massnahmen. blue News hat die wichtigsten Beschlüsse zusammengestellt:

Bern

Für den ganzen Kanton gilt: Büros sollen auf maximal 20 Grad geheizt werden. Unnötige Beleuchtung fällt weg. Die Temperatur in kantonalen Mehrzweckhallen und Werkstätten soll künftig höchstens 17 Grad erreichen, jene in Lager und Garagen maximal sieben Grad. Sofern es nicht betriebsnotwendig ist, wird überall das Warmwasser abgestellt.

Die Stadt Bern wird dieses Jahr auch bei der Weihnachtsbeleuchtung sparen, die bisher jeweils die ganze Nacht lang strahlte. Neu wird sie um 17 Uhr ein- und um 22 Uhr wieder abgeschaltet, und zwar vom 27. November 2022 bis am 6. Januar 2023. Private Organisatoren von Weihnachtsmärkten oder -anlässen müssen ihre Weihnachtsbeleuchtung spätestens um Mitternacht abschalten.

Strom sparen lässt sich auch bei der Eisaufbereitung für die Eisbahn auf dem Bundesplatz. Dieses Jahr werden die «Schlöfler» ihre Runden auf synthetischem Eis aus Hartplastik drehen.

Zürich

Die Zürcher Gemeinden haben sich darauf verständigt, Notfalltreffpunkte einzurichten, an denen sich die Bevölkerung über Energiespar-Massnahmen informieren kann. Die Einschaltzeiten der Strassenbeleuchtung sollen aus Sicherheitsgründen explizit nicht reduziert werden. Ein ganzes oder teilweises Abschalten der Weihnachtsbeleuchtung wird geprüft.

Zu den weiteren Massnahmen des Kantons gehören unter anderem das Einstellen der Beleuchtung öffentlicher Gebäude. Gasanlagen, die auch mit Öl betrieben werden können – sogenannte Zweistoffanlagen – sollen auf Ölbetrieb umgestellt werden.

In der Stadt Zürich werden zudem in städtischen Gebäuden Gasheizungen gegen Elektromodelle ausgetauscht und alte Heizungen durch neue und effizientere ersetzt. Die Wasserversorgung Stadt Zürich nimmt mehrere Brunnen vom Netz, weil die Dienstabteilung für die Aufbereitung und Verteilung des Wassers am meisten Strom benötigt.

Solothurn

Auch Olten verkürzt die Dauer der siebenwöchigen Weihnachtsbeleuchtung um ein Viertel, also um 2,5 Stunden täglich. Von Oktober an ausgeschaltet bleiben bis auf Weiteres die Beleuchtungen der Stadtkirche, des Stadtturms, der Martinskirche, der Holzbrücke aussen und der Fahnen beim Busbahnhof. Diese Einsparung fällt ins Gewicht: Der Jahresverbrauch belief sich auf 15'200 kWh.

Aargau

Nicht sicherheitsrelevante Aussen- und Gebäudebeleuchtungen wie zum Beispiel von Schlössern bleiben ausgeschaltet. Das gilt auch für Logos an kantonalen Gebäuden. Den mehr als 5'000 Staatsangestellten ist es untersagt, Elektrogeräte zum Heizen oder Kühlen einzuschalten.

Die Stadt Baden plant, von Montag- bis Freitagnacht zwischen 1 und 5 Uhr gleich die gesamte Strassenbeleuchtung abzuschalten. Wenn noch immer Strom fehlte, würde dieses Regime in den Aussenquartieren auf jeden Wochentag ausgeweitet, in einem weiteren Schritt auf die gesamte Stadt. Als letzte Massnahme sieht die Stadt die Ausserbetriebnahme der gesamten öffentlichen Beleuchtung inklusive Weihnachtsbeleuchtung vor.

In diesem Fall würde pro Tag der Tagesverbrauch von 203 Haushalten (2'500 Kilowattstunden) eingespart, rechnet die Stadt vor. In dringenden Fällen, beispielsweise bei einem Grossbrand oder Verkehrsunfall sowie bei besonderen Wetterbedingungen, werde die öffentliche Beleuchtung wieder angeschaltet, hält die Stadtkanzlei fest.

Basel

Für die eigene kantonale Verwaltung hat die Basler Regierung eine Senkung der Heiztemperatur auf 19 Grad Celsius angeordnet. Betroffen sind vor allem kantonale Gebäuden, in denen vor allem Büroarbeiten stattfinden, aber auch öffentlichen Schulen ab Sekundarstufe I. Nicht betroffen sind Kindergärten und Primarschulen.

Appenzell Innerrhoden & Ausserrhoden

In öffentlichen Verwaltungsgebäuden wird die Raumtemperatur auf höchstens 19 bis 20 Grad eingestellt. Eine Reduktion der Leuchtmittel in den Korridoren und Büros wird geprüft und ein Austausch der Beleuchtungen durch LED – falls sinnvoll – vorgenommen. Der Stand-by-Betrieb von Rechnern, Bildschirmen und Druckern soll vermieden und Bildschirme in öffentlichen Räumen abgeschaltet werden.

Zudem regen Kanton und Gemeinden an, Leuchtreklamen sowie Aussen- und Weihnachtsbeleuchtungen wenn überhaupt nur massvoll einzusetzen. Die Beleuchtung von öffentlichen Strassen wird derzeit von einer Fachgruppe beurteilt.

Thurgau

Strassenlaternen sollen früher abgeschaltet und deren Helligkeit heruntergefahren werden. Die Beleuchtung bei Zebrastreifen sei aber stets sicherzustellen. Darüberhinaus wird die Aussen- und Weihnachtsbeleuchtung ausgeschaltet. Auch der Lift-Betrieb wird auf einen Lift pro Gebäude reduziert. Zudem empfiehlt der Regierungsrat, die Raumtemperatur in sämtlichen Räumlichkeiten um drei Grad zu senken.

St. Gallen

In Turnhallen und Sportzentren soll die Innentemperatur auf 16 Grad gesenkt werden. Für die Verkehrsbetriebe übernimmt die Stadt die Branchenempfehlung des Verbands öffentlicher Verkehr: Die Temperatur im Fahrgastraum wird von 22 auf 18 Grad reduziert. Weiter soll die Fassadenbeleuchtung von öffentlichen und historischen Gebäuden abgeschaltet werden.

Graubünden

Als erster Kanton gab Graubünden Mitte August die Einführung eines Krisenstabs bekannt. Der soll seine Ergebnisse Ende September vorlegen.

Luzern

Derzeit gelten keine besonderen Massnahmen.

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