Wie Grosskatzen in der Schweiz gehalten werden 

Gil Bieler

23.4.2020 - 07:55

Die Dokuserie «Tiger King» stellte auf Netflix neue Zuschauerrekorde auf. Die Schweiz hat zwar keinen selbsternannten Tigerkönig, aber Grosskatzen: das Wichtigste zu Gesetzeslage, Zucht und Tierschutz.

Aus dem Nichts hat sich «Tiger King» zu einem Publikumshit gemausert. Die Netflix-Dokumentation beleuchtet eine Gruppe von zwielichtigen Tierzüchtern in den USA und ist Trash-TV total: Man kann einfach nicht anders, als dranzubleiben und sich ständig ungläubig an den Kopf zu fassen.

Zu schräg sind die Protagonisten rund um den exzentrischen Waffennarren Joe Exotic, zu haarsträubend die Bedingungen, unter denen Tiger und andere Tiere gehalten, ja oft auch schlicht misshandelt werden.

Hierzulande sind zum Glück keine solchen Züchter bekannt, die die Selbstinszenierung über das Tierwohl stellen. Und dennoch ist auch die Schweiz keine tigerfreie Zone. «Bluewin» stellt die wichtigsten Fakten rund um die Grosskatzen in der Schweiz zusammen. Et voilà:

Darf man in der Schweiz Tiger halten?

Die Vorgaben des Bundes sind streng und in der Tierschutzverordnung detailliert festgehalten – und für Privatpersonen so gut wie nicht zu erfüllen. So muss ein Aussengehege für zwei Tiger den Tieren mindestens 80 Quadratmeter Fläche und 240 Kubikmeter Platz bieten. Für ein Innengehege sind mindestens 30 m2 respektive 90 m3 vorgeschrieben.



Und mit Platz allein ist es noch lange nicht getan: So müssen Halter den Tigern Möglichkeiten zum Klettern, Verstecken und Baden anbieten. Vorgeschrieben ist zudem ein erhöhter Liegeplatz und sogar, wie die Fütterung vonstattengehen muss: «Das Futter ist so anzubieten, dass das Tier Arbeit leisten muss, um es zu erlangen.» Ausserdem brauchen Tierhalter eine spezifische Ausbildung, bei gewerbemässigen Betrieben muss eine Fachperson mit Kenntnissen in Tiergartenbiologie beim Bau und der Gestaltung der Gehege beraten.

Wer erteilt die Erlaubnis?

Wer Wildtiere halten will, muss beim zuständigen kantonalen Amt vorab eine Bewilligung einholen. Weil Grosskatzen zu «Wildtieren mit besonderen Ansprüchen an Haltung und Pflege» zählen, muss ausserdem eine unabhängige Fachperson bestätigen, dass alle Voraussetzungen erfüllt sind.

Worauf kommt es bei der Tiger-Haltung an?

Im Zoo Zürich leben zwei Amurtiger, ein Männchen namens Sayan und Irina, ein Weibchen. Beide Tiere sind «im jungen Erwachsenenalter», wie der langjährige Zoodirektor Alex Rübel, der im Juni in Pension geht, auf Anfrage von «Bluewin» sagt. Die Tigerhaltung im Zoo Zürich habe lange Tradition und sei über die Jahre beständig verbessert worden. Heute hätten die beiden Tiere «weit mehr Platz zur Verfügung als das gesetzliche Minimum», sagt Rübel. Hinzu kommen ein grosszügiges Bassin und eine üppige Bepflanzung, die den Tieren Rückzugsmöglichkeiten biete.



Auf die Doku «Tiger King» sei er schon mehrfach angesprochen worden, so Rübel, selbst gesehen habe er sie aber nicht. Doch nach allem, was er mitbekommen habe, könne er sagen: «Ich bin definitiv kein Fan.» Er hoffe, dass die Serie nicht Nachahmer auf den Plan rufe, die nun glaubten, Raubtiere zu halten wäre kinderleicht. «Wir versuchen im Zoo die Leute zu sensibilisieren, wie anspruchsvoll eine tiergerechte Haltung ist.»

Das zeigt sich schon beim Aufwand, den der Zoo Zürich bei der Fütterung betreibt: Das Fleisch wird in Metallkisten an wechselnden Standorten auf der ganzen Anlage platziert. Die Boxen sind mit Schiebetüren platziert, die nur wenige Minuten geöffnet sind – so wird sichergestellt, dass nicht jeder «Jagdversuch» erfolgreich endet. Laut Rübel frisst ein Tiger rund drei Kilogramm Fleisch pro Tag, muss aber nicht täglich gefüttert werden. Ausserdem dürfen ab und an auch Mongolische Wölfe durch die Anlage streifen – natürlich nicht gleichzeitig mit den Tigern – und ihre Duftmarken hinterlassen. Ganz wie in der Natur.

Wie sieht es bei Löwen aus?

Im Zoo Basel gibt es keine Tiger, aber fünf Löwen und zwei Schneeleoparden. Hinzu kommen zwei Geparde, die jedoch zu den Kleinkatzen gehören.

Bei der Löwen-Haltung ist laut Tanja Dietrich, Sprecherin des «Zolli», darauf zu achten, dass die Tiere im Rudel leben – sie seien sehr gesellig. Die Anlagen müssten den Tieren Tag und Nacht offenstehen, da Löwen gern nachts unterwegs seien. Entscheidend sei ausserdem die sogenannte Ganzkörperfütterung – es werde also nicht nur Fleisch verfüttert, sondern auch Knochen und Innereien. Ein Löwe fresse rund acht Kilo Fleisch pro Tag.

Und: «Zucht ist wichtig, da Nachwuchs die beste Beschäftigung ist.» Im Zoo Basel leben entsprechend drei erwachsene Löwen mit zwei Jungtieren zusammen.

Woher stammen die Tiere in den Schweizer Zoos?

Die Zoos in Zürich und Basel arbeiten beide mit dem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) zusammen.

Sayan, das Tiger-Männchen im Zoo Zürich, wurde im Parc des Félins in Frankreich geboren und kam 2018 nach Zürich. Das Weibchen Irina stammt aus dem Zoo im dänischen Odense und stiess erst im letzten Sommer hinzu. Ihre Vorgängerin Elena war nach einer Auseinandersetzung mit Sayan gestorben.

Amurtigerweibchen Irina bei einem Streifzug durch ihr Gehege im Zoo Zürich.
Bild: Zoo Zürich/Enzo Franchini

Die drei erwachsenen Löwen im Basler «Zolli» – alle fast 20 Jahre alt – stammten aus Pilanesberg und Madikwe, Naturreservaten in Südafrika. Dort seien gesunde Löwen aus Namibia angesiedelt worden, erklärt Dietrich. «Diese vermehrten sich derart stark, dass Tiere abgegeben werden mussten. Einige wurden als Grundstock für eine Erhaltungszucht in Zoos gegeben – eine Vorsichtsmassnahme, falls der Wildpopulation etwas zustossen sollte.» Dietrich betont ausserdem, dass der Zoo Basel auch Naturschutzprojekte in den Herkunftsländern der Raubkatzen unterstütze.

Laut Dietrich werden die Tiere im Rahmen des EEP so ausgesucht, «dass die Partner genetisch zusammenpassen». Die Tiere sollten also möglichst unverwandt sein. Im Zoo Zürich hofft man übrigens auf keinen Tigernachwuchs, wie Alex Rübel erklärt: «Wir haben keine Zuchtempfehlung.»

Was sagt der Tierschutz?

«Die Haltungsbedingungen in den wissenschaftlich geführten Zoos sind durchwegs gut», sagt Samuel Furrer, Zoologe beim Schweizer Tierschutz STS. Den Tieren stünden grosszügig dimensionierte und möglichst artgerechte Anlagen zur Verfügung. Auch das Zuchtmanagement sei geregelt und meistens international koordiniert, was etwa helfe, Probleme mit überzähligen Tieren zu vermeiden.

Mehr Probleme sieht der STS bei der privaten Haltung von Wildtieren. Unter anderem könnte die Haltung einiger Arten rasch zu Überforderung führen, sagt Furrer. Und weil es nur wenige geeignete Plätze zur «Weitervermittlung» solcher Wildtiere gebe, müssten sie oft längere Zeit «unter suboptimalen Verhältnissen gehalten und schliesslich sogar eingeschläfert werden». Immerhin: Fälle von illegal gehaltenen Raubkatzen in der Schweiz sind dem Tierschutz keine bekannt.

«Nicht einverstanden sind wir mit der Haltung von Grosskatzen in Zirkussen, da hier die Qualität der Gehege durch die ständig wechselnden Auftrittsorte oft sehr bescheiden sind», erklärt Furrer. Die häufigen Ortswechsel und Transporte würde die Tiere grossem Stress aussetzen.



Werden Grosskatzen im Zirkus bald verboten?

Mehrere europäische Länder – darunter Österreich und Irland – haben es verboten, Wildtiernummern in der Zirkusmanege zu zeigen. In der Schweiz gibt es kein solches Verbot. Der Circus Knie hat aber Löwen und Elefanten bereits vor Jahren von sich aus aus dem Programm gestrichen. Als der (mittlerweile Konkurs gegangene) Circus Royal 2019 ankündigte, wieder mit drei Löwen auf Tournee zu gehen, gab es einen Aufschrei unter Tierschützern – und der Zirkus strich die Raubtiernummern wieder.

Verschiedene Tierschutzgruppen hatten 2018 eine Petition mit 70'000 Unterschriften eingereicht, mit der sie ein Wildtiere-Verbot in Schweizer Zirkussen forderten. Doch das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen sah dazu keinen Anlass: «Aufgrund der strengen Vorgaben trägt die Haltung von Wildtieren in der Schweiz dem Tierwohl hinreichend Rechnung», heisst es in der Antwort. Die Tierschützer starteten deshalb eine Informationskampagne.

Ein Verbot ist gleichwohl nicht vom Tisch: Im Nationalrat ist seit 2018 eine Motion der Aargauer Grünen-Politikerin Irène Kälin zum Thema hängig. Darin beauftragt sie den Bundesrat, eine Liste mit Wildtieren zu erstellen, die künftig nicht mehr auf Zirkustourneen mitgeführt werden dürfen.

«Tiger King»: Eine Seifenoper mit Grosskatzen

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