Sie beissen Patienten im Spital und vertreiben Häftlinge aus dem Gefängnis

uri

27.6.2021

Inzwischen haben sie sogar Häftlinge aus ihrem Knast vertrieben: In Australien entwickeln sich Mäuse zu einem riesigen Problem. Die Tiere machen derzeit scheinbar vor nichts Halt – vor allem Farmer müssen um ihre Existenz bangen.

uri

27.6.2021

Dürre, Buschbrände und Jahrhundertfluten: Die Menschen im Südosten Australiens – und vor allem die Farmer – haben es in den letzten Jahren mit einer geballten Ladung von Katastrophen zu tun bekommen. Seit knapp einem Jahr werden sie mit einer neuen Plage biblischen Ausmasses konfrontiert: Zig Millionen Mäuse zerstören die Ernte, ruinieren Häuser und Wohnungen –  und übertragen nebenbei gefährliche Krankheiten. 

Inzwischen sind die Tiere in eine Haftanstalt eingebrochen und haben hier Schäden an Stromleitungen und Deckenverkleidungen verursacht. Womöglich noch problematischer ist jedoch, dass die inzwischen vergifteten Tiere in Löchern und Ritzen verwesen und sich nun auch noch Milben anziehen. «Die «Mäuse sind in die Anstalt eingedrungen und der Schaden ist so gross, dass wir das Zentrum für eine gewisse Zeit besser evakuieren», sagte der Chef der Polizeibehörde diese Woche.

Inzwischen leiden vier Bundesstaaten unter den Mäusen

Nun müssen 420 Insassen und 200 Angestellte des Wellington Correctional Centre, rund 260 Kilometer nordwestlich der australischen Metropole Sydney, umquartiert werden. Bereits zuvor meldete das Gesundheitsministerium von New South Wales, dass drei Patienten in verschiedenen Spitälern von Mäusen gebissen wurden, als die Nagetierplage ein erstes Mal eskalierte.

Ganz plötzlich kamen die Mäuse indes nicht über den Südosten Australiens. Schon seit einigen Monaten finden sie beste Bedingungen vor, um sich explosionsartig zu vermehren: Die Ernte im Frühling 2020 war gut, die Vorratslager sind ordentlich gefüllt. Zudem wurden zahlreiche Feinde der Mäuse – die sonst für ihre Eindämmung sorgen – während der vorangegangenen Dürrejahre dezimiert.

Seit etwa zehn Monaten sind die Nager, ausgehend vom sogenannten Korn-Gürtel im Bundesstaat New South Wales, nun auf dem Vormarsch. Auch Teile der Bundesstaaten Queensland, Victoria und South Australia haben inzwischen mit den Schädlingen zu kämpfen – Politiker sprechen von der grössten Mäuseplage seit 40 Jahren.

Mäuse tummeln sich im Mai auf einer Farm in Tottenham, Australien. 
Bild: Keystone

Der Klimawandel dürfte das Problem verschärfen

Dabei wird das Problem künftig womöglich eher häufiger auftreten. Der Forschende Bill Bateman von der Curtin University in Westaustralien befürchtet, dass man das Phänomen mit dem Klimawandel öfters sehen wird: «Wenn wir nicht länger kalte Winter haben und damit Ressourcen für die Mäuse das ganze Jahr über zur Verfügung stehen, wird das eher eine chronische Sache als eine akute», sagte er der Nachrichtenagentur AFP.



Besonders schwer machen es die Mäuse dabei den Farmern, die nach Dürre, Waldbränden und Überschwemmungen in den letzten Jahren endlich wieder einmal eine gute Ernte einfahren konnten: Die Tiere haben nun ihre Vorratslager verunreinigt und dabei einen Schaden angerichtet, der bereits in die Millionen geht.

Allein der Staat New South Wales will den Bauern und Produzenten deshalb Finanzhilfen von rund 32 Millionen Euro. (rund 35 Millionen Franken) zur Verfügung stellen, wie Adam Marshall, der Landwirtschaftsminister des Bundesstaates erklärte. Mit dem Geld sollen nicht nur die Verluste kompensiert werden, sondern auch Fallen und Gift gekauft werden.

«Die Mäuse ruinieren auch unsere Maschinen»

Ob sich das Übel mit der Chemikeule beheben lässt, ist allerdings alles andere als sicher, denn üblicherweise enden die rund alle zehn Jahre in Australien vorkommenden Mäuseplagen auf natürlichem Weg – durch Dürre oder eine Krankheit unter den Tieren. Bei menschlichen Massnahmen zur Dezimierung von eingeschleppten Arten ging der Schuss indes häufig nach hinten los. 

Gegenüber dem deutschen TV-Sender ARD schilderte ein geknickter Landwirt das derzeitige Problem. Man müsse jetzt eigentlich ernten, «aber die Mäuse ruinieren auch unsere Maschinen, die Kabel von Motorrädern, unseren Jeeps und Traktoren. Manche sind in Flammen aufgegangen durch Kurzschlüsse. Sie nagen alles kaputt, auch Haushaltsgeräte, Waschmaschinen, Spülmaschinen, Bettwäsche, Lebensmittel.» Alle würden derzeit unter den Tieren leiden, «auch unsere Frauen und Kinder, die Menschen in der Stadt».

Um die Mäuse zu töten, wenden viele Farmer inzwischen selbstgebaute Fallen an, denn nach dem Einsatz von Gift verwesen zahlreiche Tiere unter dem Dach und hinterlassen einen atemraubenden Gestank. Zum Einsatz kommen beispielsweise grössere Konstruktionen mit rutschigen Oberflächen über mit Wassereimern. Die Mäuse werden dabei durch Köder angelockt, rutschen ab und ertrinken in den Eimern.

«Mäuse-Napalm» ist noch nicht erlaubt

Für viele der Landwirte beginnt der Tag seither mit dem Einsammeln und Entsorgen von mehreren Hunderten toten Mäusen. Einige gehen inzwischen sogar soweit, dass sie lieber gleich ihre befallenen Getreidesilos abfackeln, wie die Nachrichten-Plattform news.com.au berichtet.

Den von der Politik des Bundesstaats New South Wales geforderten Einsatz der als «Mäuse-Napalm» bekanntgewordenen Chemikalie Bromadiolon lehnte die verantwortliche nationale Behörde allerdings erst diese Woche ab. Die weit verbreiteten Zinkphosphide kommen aber weiterhin zum Einsatz. Experten warnen allerdings  auch in diesem Fall, dass die Köder oder durch sie vergiftete Mäuse von Wildtieren gefressen werden – und so das nächste Problem verursachen könnten.

So wurden bereits Anfang Juni in einem Park in New South Wales Dutzende tote Rosakakadus gesichtet. Der Verdacht steht noch immer im Raum, dass sie mit dem Mäusegift in Kontakt kamen. Gerade in Australien, das erst im 18. Jahrhundert von den Europäern entdeckt wurde, zeigt sich dabei immer wieder von neuem der verheerende Einfluss von eingeschleppten Tieren – und den Massnahmen, die der Mensch gegen sie ergreift.

Immer wieder werden invasive Arten zum Problem

Selbst die Mäuse, die nun zur Landplage geworden sind, kamen mit den ersten Schiffen aus Grossbritannien. Die Liste von invasiven Arten, die auf dem fünften Kontinent für Ärger sorgen ist jedoch bedeutend länger. Nur einige Beispiele: Mitte des 19. Jahrhundert wurden zwei Dutzend Kaninchen nach Australien gebracht, die sich so rasant vermehrten, dass sie Weideland in beträchtlichem Ausmass in eine Steppe verwandelten.

Inzwischen sind Hunderte Millionen der Tiere im Land, die jährlich einen Schaden von umgerechnet 100 Millionen Franken verursachen sollen. Es wurden gigantische Zäune durch den Kontinent gebaut, um zu verhindern, dass sich die Tiere nicht weiter ausbreiten. Auch wurden tödliche Viren in die Population eingebracht – mit der Folge, dass die überlebenden Nager nun immun gegen den Erreger sind und sich noch besser vermehren.



Im Jahr 1935 setzten Farmer Hunderttausende Exemplare der riesigen Aga-Kröte aus dem Amazonas-Gebiet im Bundessataat Queensland aus, um ihre Zuckerrohr-Plantagen vor dem Zuckerrohrkäfer zu schützen. Inzwischen haben sich die Amphibien ohne nennenswerte Feinde auch hier in die Hunderte Millionen vermehrt und mit ihrer Gefrässigkeit etlichen einheimische Arten von Insekten, Schlangen und sogar kleinere Säugetieren so sehr zugesetzt, dass sie vom Aussterben bedroht sind.  

Katzen töten jeden Tag mehr als eine Million Vögel

Das eingeschleppte Tier mit der vermutlich heftigsten Bilanz ist jedoch die Hauskatze: Inzwischen sollen mehr als sechs Millionen wilde und vier Millionen Hauskatzen in Australien leben, wobei die gefrässigen Jäger zur Bedrohung zahlreicher einheimische Arten werden: Laut wissenschaftlichen Studien töten sie jeden Tag mehr als eine Million heimische Vögel, bei den Reptilien richten sie sogar einen noch grösseren Schaden an – hier sollen es gar 650 Millionen Tiere im Jahr sein.  



Ausgerechnet bei der Mäuseplage scheinen die Katzen allerdings zu versagen – und das, obwohl sie bereits mit den ersten Schiffen nach Australien kamen. Hier hatten sie die Aufgabe, die Mäuse und Ratten an Bord zu jagen.