U-Boot-Besatzungen wissen womöglich nichts über Corona-Krise

AP

1.4.2020 - 00:00

Überraschung beim Auftauchen? U-Boot-Besatzungen wissen möglicherweise nichts von der Corona-Pandemie. 
Bild: Francois Mori/AP/dpa (Archivbild)

Schlechte Nachrichten werden den Seeleuten stets vorenthalten, um die Moral der Truppe nicht zu gefährden. Die Kommandanten agieren als Filter.

In den Tiefen des Ozeans ist das Coronavirus möglicherweise noch nicht angekommen. Besatzungsmitglieder französischer Atom-U-Boote gehören wohl zu den wenigen Menschen auf der Welt, die von der weltumspannenden Pandemie und ihren Auswirkungen auf das Alltagsleben nichts wissen. Den Mannschaften werden gewöhnlich schlechte Nachrichten gleich welcher Art erspart, um die Moral an Bord nicht zu untergraben, wie aktive und ehemalige Offiziere der Nachrichtenagentur AP sagten.

«Sie werden nichts wissen»

«Sie werden nichts wissen», erklärt der Admiral im Ruhestand Dominique Salles, der von 2003 bis 2006 die französische U-Boot-Staffel kommandierte. «Die Jungs müssen völlig für ihre Mission da sein.» Die jeweilige Kommandant werde die Besatzung wahrscheinlich erst auf der Rückfahrt in den Heimathafen informieren, also während der letzten beiden Tage der Mission. «Wer auf See ist, braucht diese Information nicht.» Der Kommandant sei zweifellos über die Lage an Land im Bilde, «aber ich glaube nicht, dass er alle Details kennt».



Die französische Marine äussert sich nicht dazu, was den U-Boot-Besatzungen gesagt wurde und was nicht. Sie will nicht einmal mitteilen, ob eines der vier Raketen-U-Boote mit Nuklearantrieb den Hafen verlassen hat, bevor Frankreich am 17. März ein landesweites Ausgehverbot verhängte. Alles sei geheim, «daher ist es unmöglich zu wissen, was den Besatzungen in dieser Situation gesagt oder nicht gesagt wurde», erklärte der Marinesprecher Olivier Ribard.

Die Missionen der französischen U-Boote mit ballistischen Raketen dauern meist zwischen 60 und 70 Tage. An Bord befinden sich etwa 110 Mann Besatzung. Wenn eine solche Crew Ende Februar aufgebrochen ist, dann wird sich nicht vor Ende April zurückerwartet. In einem solchen Fall kehren die Seeleute in eine andere Welt zurück. Am 1. März waren in Frankreich gerade einmal 130 Fälle von Covid-19 und zwei Todesopfer bekannt. In weniger als einem Monat stieg die Zahl der Todesfälle auf mehr als 2'700, mehr als 40'000 Menschen sind infiziert.

Besatzungsmitglieder des französischen Atom-U-Boots «Suffren» in Cherbourg.
Bild: Ludovic Marin/AFP POOL/dpa (Archivbild)

Für die Besatzungsmitglieder könnte die Rückkehr an Land einen Schock bedeuten. «Sie haben die Krise nicht so erlebt wie wir, mit ein wenig Angst, dann einem Lockdown. Für sie ist das eine Überraschung», erklärt ein noch aktiver Offizier, der vier Jahre lang Schiffsarzt an Bord des U-Bootes «Le Triomphant» war. Er will im Gespräch mit der AP nur mit seinem Vornamen Gabriel und seinem Rang genannt werden, wie es die französische Marine vorschreibt.

«Alle Ereignisse, die die Moral der Besatzungsmitglieder beeinträchtigen könnten, werden ihnen vorenthalten», sagt Gabriel. «Weil es kein Internet, kein Radio und kein Fernsehen an Bord gibt, kommen die einzigen Nachrichten vom Kommandanten und der Kommandant filtert die Botschaften und gibt nicht alle Informationen an alle weiter.» Der Arzt war 2012 während einer Anschlagsserie von Islamisten in Frankreich unter der Meeresoberfläche unterwegs, als sieben Menschen getötet wurden. Er habe erst später davon erfahren, erzählt er. «Wenn Menschen darüber mit mir sprechen, finde ich es unmöglich, mir das vorzustellen», sagt Gabriel. «Der einzige Ort, an dem man wirklich von allen Informationen abgeschnitten ist, befindet sich unter Wasser, denn selbst in einer Raumfähre gibt es Radio, Fernsehen und Internet.»

Er jedenfalls weiss Bescheid: Der französische Präsident Emmanuel Macron, hier zu sehen an Bord der «Suffren».
Bild: Ludovic Marin/AFP POOL/dpa (Archivbild)

Als 2004 Madrid von einer Bombenserie erschüttert wurde, informierte Salles die Männer, die unter seinem Kommando auf See unterwegs waren, nicht über den Terror in der spanischen Hauptstadt. Salles, der ehemalige Kommandant des U-Bootes «L’Inflexible», denkt aber auch schon an die Crews, die in den kommenden Wochen zu ihren Missionen aufbrechen werden. Sie wissen, dass sie ihre Angehörigen und Freunde inmitten einer Pandemie zurücklassen müssen.

Er glaube, dass diese Besatzungsmitglieder über die Entwicklungen in Frankreich informiert würden, sagt Salles. Nachrichten über Todesfälle in der Familie gehörten aber nicht dazu. Eine solche Nachricht müsse warten, bis das U-Boot in den Hafen I’lle Longue bei Brest in der Bretagne zurückgekehrt sei. So erging es Salles, der auf See war, als sein Vater starb. Er erfuhr davon erst nach dem Ende seiner 60-tägigen Mission.

«Egal, wie schlimm ein Ereignis ist, ein U-Boot-Besatzungsmitglied kann nichts tun», erklärt er. «Und weil er nichts tun kann, ist es besser, wenn er nichts weiss.»


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