Zurück in Italien: Warum sich Amanda Knox das antut

Von Annekatrin Liebisch

13.6.2019

Vier Jahre ist es her, dass Amanda Knox von einem italienischen Gericht in ihrem Mordprozess endgültig freigesprochen wurde. Nun kehrt die US-Amerikanerin doch nach Italien zurück – und erhebt schwere Vorwürfe.

«Wünscht uns ‹Buon viaggio!›», bittet Amanda Knox ihre fast 50'000 Abonnenten bei Instagram. Sie fühle sich vor ihrer Rückkehr nach Italien etwas mitgenommen, liess sie sie schon vor wenigen Tagen wissen. Immerhin hatte sie einst geschworen, nie wieder dorthin zurückzukehren: In das Land, in dem sie um ein Haar 28,5 Jahre im Gefängnis hätte verbringen müssen.

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Here we go... Wish us, "Buon viaggio!"

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Der Fall Meredith Kercher

Die Amerikanerin und ihr damaliger Freund Raffaele Sollecito wurden im Oktober 2008 für schuldig befunden, in der Nacht vom 2. November 2007 die britische Studentin Meredith Kercher, die damals mit Knox eine Wohnung in Perugia teilte, brutal ermordet zu haben. 2011 hob ein Berufungsgericht das Urteil auf, weil sich der Mord nicht zweifelsfrei beweisen liess. Knox verliess das Land, verfolgt von Paparazzi, die auf der Jagd nach Bildern sogar den Mietwagen von Knox' Stiefvater beschädigten.

Denn die schöne junge Frau ist im Verlaufe der Prozesse längst zum Medienstar wider Willen geworden – zu «anderer Leute Inhalt», wie es die mittlerweile 31-Jährige nun in einem Beitrag für das Online-Magazin «Gen» formuliert.

Meredith Kercher wurde 2007 in Perugia vergewaltigt und erstochen.
Keystone

Justizgerangel

Sie sei ohne ihr Einverständnis ins Rampenlicht geworfen worden; die intimsten Aspekte ihres Lebens, von ihrer sexuellen Vergangenheit bis hin zu Suizidgedanken im Gefängnis, wurden in den Medien seziert, beklagt Amanda Knox. «Sie wurden Futter für hunderte Artikel, tausende Posts und Millionen Kommentare.»

Erst recht, als die nächste Gerichtsinstanz den Fall 2014 neu bewertete und den so genannten «Engel mit den Eisaugen» erneut schuldig sprach. Erst 2015 konnte die junge Frau aufatmen: Italiens oberstes Gericht nahm den Schuldspruch zurück, weil das vorherige Urteil «voller Irrtümer und Widersprüche gewesen sei». Als freie Frau kann sich Amanda Knox seither dennoch nicht fühlen.

Zweimal wurde sie verurteilt, zweimal wieder freigesprochen: Als freie Frau kann sich Amanda Knox dennnoch nicht fühlen.
Keystone

Die ewige Verdächtige

Sie habe sich in ihren ersten Jahren nach ihrem Freispruch sehr zurückgezogen, schreibt sie. «Ich hatte einen Facebook- und einen Instagram-Account, dem nur wenige Freunde und die Familie folgen konnten. Ich wusste, was passieren würde, wenn ich sie öffentlich machen würde», erklärt Knox: «Hasser und Trolle würden mich belästigen oder mich Killer oder Psychoschlampe nennen, sobald ich ein Bild von meiner Katze poste. Die Klatschblätter würden meine Bilder aus dem Kontext reissen und mich als so seltsam darstellen, als ob ich meine vier Jahre in Untersuchungshaft verdient hätte.» Genau das sei passiert, als sie ihren Instagram-Account der Allgemeinheit zugänglich machte.

Nach Belegen muss man nicht lange suchen. «Italien will dich nicht hier», hinterliess eine Instagram-Nutzerin unter dem «Buon viaggio!»-Eintrag. «Was zur Hölle stimmt mit dir nicht? Dein Mangel an Sensibilität für Merediths Familie und den Schmerz, den du verursachst, und deine schiere Egomanie sind nur ein paar Gründe, warum ich denke, dass du in den Mord involviert warst.»

Bei ihrer Ankunft in Italien lauerten bereits die Fotografen.
Keystone

Appell an die Medien

Sie könne nicht viel gegen solche Kommentare unternehmen, erklärt Knox in ihrem Beitrag. «Solange ich keine böswillige Absicht beweisen kann, was so gut wie unmöglich ist, können die Leute alles über mich sagen.» Ihr blieben nur zwei Optionen: «Meine Social-Media-Profile privat zu halten, was aber den ganzen Sinn der Sache verfehlt, oder sie öffentlich zu machen und zu ertragen, dass mein Leben von jedem, der möchte, in welchem Kontext auch immer als Inhalt geteilt wird.» Und die «Content-Maschine» sei unersättlich, erst recht jetzt, da sie nach Italien zurückkehrt.

Genau dieses Thema will Amanda Knox auf dem Kongress zu Justizirrtümern ansprechen, der am 14. und 15. Juni in Modena stattfindet. Verantwortungsvolle Medien müssen dem Impuls widerstehen, das Leben einer Person auf klickbare Inhalte zu reduzieren, fordert sie. «Es liegt bei uns, solche unverantwortlichen Medien zu machen und zu konsumieren.»

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