Neuer SBB-Chef muss gleich im Krisenmodus loslegen

Von Gil Bieler

1.4.2020

Der neue SBB-Chef Vincent Ducrot hat das Steuer übernommen

Der neue SBB-Chef Vincent Ducrot hat das Steuer übernommen

Der Freiburger Vincent Ducrot hat am Mittwoch die Leitung der SBB übernommen, mitten in der Coronakrise. Ducrot ist Nachfolger auf Andreas Meyer.

01.04.2020

Die SBB fahren unter neuer Leitung: Vincent Ducrot übernimmt mitten in der Krise das Steuer. Zum Antritt gab der neue CEO Auskunft über seine Prioritäten, einen erhofften Nachholbedarf der Schweizer und Kurzarbeit.

Menschenleere Züge und viel Ungewissheit: Wegen der Coronavirus-Pandemie machen auch die SBB stürmische Zeiten durch. Der Personenverkehr in der Schweiz ist in den letzten Wochen um 80 bis 90 Prozent eingebrochen, international steht er sogar ganz still. Hinzu kommt beim Güterverkehr ein Minus von 15 Prozent im Inland – und der fast komplette Einbruch im grenzüberschreitenden Verkehr.

Vincent Ducrot stand den Medien in einer Telefonkonferenz Red und Antwort.
Bild: Keystone

Diese Zahlen nannte Vincent Ducrot heute Mittwoch an einer telefonischen Pressekonferenz zu seinem Amtsantritt. Der 57-jährige Freiburger löst Andreas Meyer nach 13 Jahren als Geschäftsführer der SBB ab. Ducrot hat bereits von 1993 bis 2011 bei den SBB gearbeitet. Seither war er als Generaldirektor der Freiburger Verkehrsbetriebe TPF tätig.

SBB warten auf Kurzarbeitsbescheid

Nun ist er offiziell zurück bei den SBB – in denkbar widrigen Zeiten. Sein Vorgänger Meyer hatte zu seinem Abschied von einem «Albtraum» für die Bundesbahnen gesprochen, Ducrot selbst wählte den Begriff «Krise». So hätten die SBB – wie zahlreiche andere Betriebe auch – ein Gesuch um Kurzarbeit gestellt. Nun warte man auf einen Bescheid des Bundes. Doch für Ducrot steht fest: «Wir warten ab und dürfen natürlich nicht prioritär behandelt werden.»



Zu den finanziellen Einbussen, die den Bahnen durch die aussergewöhnliche Situation entstehen, wollte sich der Freiburger noch nicht äussern. Man habe hierzu noch keine erhärteten Zahlen, werde dazu aber wohl in ein paar Wochen mehr sagen können. Er geht davon aus, dass rund 150'000 GA-Besitzer ihr Generalabonnement hinterlegt haben.

Der neue SBB-CEO sagte, er könne Krisensituationen auch etwas Gutes abgewinnen: Weil man nun gezwungen werde, zusammenzuarbeiten und viel dazulernen.

Wie geht es zurück zur Normalität?

Seine erste Aufgabe sei es nun, die Bahn durch die Krise zu führen und das Grundangebot im öffentlichen Verkehr in den nächsten Wochen aufrechtzuerhalten. Dies und die Gesundheit der Mitarbeiter hätten erst einmal Vorrang, finanzielle Fragen hätten nur «zweite Priorität».

Aktuell stehen Ducrot zufolge rund ein Viertel weniger Züge im Einsatz. Wenn die Lage sich dereinst entspanne, werde man das Angebot wieder schrittweise hochfahren. Auch das müsse so gut wie möglich vorbereitet werden. Ein solches Hochfahren werde in zwei, höchstens drei Phasen geschehen. Die SBB bräuchten dafür eine Vorlaufzeit von gut zwei Wochen – «normal haben wir für einen Fahrplanwechsel ein halbes Jahr!».



Ducrot selbst erwartet, dass die SBB-Kunden einen grossen Nachholbedarf haben, wenn sich der Alltag wieder normalisiert: «Die Leute freuen sich dann, wieder zur Arbeit fahren zu können und dort ihre Kollegen zu treffen.» Auch würden viele Ausflüge und Reisen nachholen wollen. Seine Annahme stütze er nicht zuletzt auf die Situation bei ihm zu Hause, so der sechsfache Vater: Die erste Woche im Haus hätten die Kinder noch toll gefunden, doch nun freuten sie sich schon darauf, wieder raus zu dürfen.

«Kann nicht in der Kristallkugel lesen»

Ob die SBB zu den Rekordwerten zurückkehren könne, die vor der Krise vermeldet worden waren? «In der Kristallkugel lesen kann ich leider nicht.» Noch sei ja völlig unklar, wie lange die aussergewöhnliche Situation dauern werde, «auch wenn alle hoffen, dass sie bald vorbei ist». Im Jahr 2019 hatten die SBB täglich 1,3 Millionen Passagiere transportiert, ein Plus von sechs Prozent – und so viele wie nie.

Seine strategischen Ziele für die SBB will Ducrot nach einer Einarbeitungsfrist von 100 Tagen präsentieren. Er habe schon einige Ideen, wie die Pünktlichkeit der Züge verbessert werden könnte – dieses Ziel ist dem neuen CEO besonders wichtig. Die Pünktlichkeit der SBB-Züge war 2019 auf 89,5 Prozent gesunken, vor allem im vierten Quartal häuften sich die Ausfälle und Verspätungen.

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