«Der Risiko-Appetit der Banken ist gewachsen»

Andreas Fischer

6.4.2021

Der Sitz der Schweizer Grossbank Credit Suisse in Zürich.
«Das Risk Management der CS hat anscheinend erst mit etwas Verzögerung realisiert, dass Handlungsbedarf besteht»: Der Sitz der Schweizer Grossbank Credit Suisse in Zürich.
Gaetan Bally/KEYSTONE/dpa

Die Credit Suisse zieht nach dem 4,4 Milliarden Franken teuren Debakel mit dem Archegos-Fonds personelle und finanzielle Konsequenzen. «blue News» hat bei der Finanzexpertin Suzanne Ziegler nachgefragt, was das für die Zukunft der Bank bedeutet.

Andreas Fischer

6.4.2021

Bei der zweitgrössten Schweizer Bank läuft es derzeit nicht rund: Die Pleite des Archegos-Fonds kostet die Credit Suisse 4,4 Milliarden Franken, dazu kommt die Greensill-Affäre . Im ersten Quartal 2021 rechnet die Bank mit einem Vorsteuerverlust in Höhe von 900 Millionen Franken. Seit Jahresbeginn verloren die CS-Aktien bereits fast 12 Prozent an Wert.

Zur Person
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Prof. Dr. Suzanne Ziegler leitet an der ZHAW School of Management and Law die Abteilung Banking, Finance, Insurance. Ziegler arbeitete 13 Jahre lang bei der Schweizerischen Nationalbank im Ressort Systemstabilität. In ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit beschäftigt sie sich schwerpunktmässig unter anderem mit Banken- und Immobilienkrisen.

Das hat nun erste Konsequenzen: Investment-Bank-Chef Brian Chin und Risiko- und Compliancechefin Lara Warner müssen gehen. Die Geschäftsleitung erhält insgesamt 41 Millionen Franken weniger Lohn, den Aktionären wird die Dividende für 2020 deutlich gekürzt.

Professor Dr. Suzanne Ziegler, Abteilungsleiterin Banking, Finance, Insurance an der ZHAW School of Management and Law, erklärt im Interview, warum der Risikoappetit bei den Banken wächst und warum die Finma trotz der hohen Verluste bei der Credit Suisse nicht besorgt ist.

Wie kann es einer Bank wie der Credit Suisse passieren, die Risiken beim Geschäft mit Archegos nicht zu erkennen?

Das ist die grosse Frage. Aber es passiert immer wieder, dass eine grosse Bank mit hohem Risiko investiert – häufig kommt es gut raus und manchmal kommt es nicht gut raus. Das ist für die Finanzindustrie eigentlich nicht besonders ungewöhnlich.

Manche sprechen im Archegos-Fall von «dilettantischem Risikomanagement» bei der CS ...

Was ich als Ökonomin spannend finde: Traditionelle Banken wie die CS haben Archegos enorme Summen zur Verfügung gestellt, ohne genauer hinzusehen. Wer steckt dahinter? Was wird mit dem Geld gemacht? Wie ist das Geschäftsmodell? Menschen, die sich Einfamilienhäuser kaufen wollen, oder auch bloss eine neue Küche, die werden teilweise viel genauer überprüft. Bei Archegos haben die Banken einfach darauf vertraut, gute Sicherheiten zu haben: Aber die waren irgendwann nicht mehr viel wert.

Die Geschäfte mit Bill Hwangs Archegos Capital Investment scheinen für die Banken sehr lukrativ gewesen zu sein: Werden höhere Risiken dann bewusst in Kauf genommen?

Natürlich lastet auf den Banken ein gewisser Druck: Sie müssen Geld verdienen. Das ist nicht einfach in Zeiten, in denen es in der Schweiz Negativzinsen gibt. Ja: Dann geht man höhere Risiken ein. Das ist ein Stück weit auch von der Geldpolitik mitverursacht. Klassische Investitionen etwa in Bundesobligationen bringen nichts mehr ein.



Sollte die Nationalbank die Zinspolitik ändern?

Das nicht. Die geldpolitische Ausrichtung der Schweiz hat andere Gründe. Aber man kann mit dem aktuellen Zinsniveau ein Stück weit erklären, warum der Risiko-Appetit gewachsen ist. Von der Archegos-Pleite ist ja nicht nur die CS betroffen. Auch die UBS ist involviert, in Deutschland die Deutsche Bank, in Japan die Nomura-Bank, zudem auch US-Banken ...

Warum ist die CS nun besonders betroffen?

Wenn alle Banken die gleichen Sicherheiten haben, dann machen die am wenigsten Verluste, die zuerst verkaufen, weil sie merken, dass etwas faul ist. Wer den Zeitpunkt verpasst, wie anscheinend die Credit Suisse, bekommt Probleme. Das Risk Management der CS hat anscheinend erst mit etwas Verzögerung realisiert, dass Handlungsbedarf besteht.

Ist dieses Versagen ein personelles Problem oder doch eher strukturell?

An und für sich ist das Risk Management gut: Das haben die Banken in den vergangenen Jahren extrem ausgebaut. Vielleicht sogar etwas zu gut, sodass Evaluierungsprozesse zu viele Schlaufen nehmen und es zu viele Hierarchie-Ebenen gibt. Die entscheidende Frage ist: Was kommt davon ganz oben beim Top-Management an? Wird in dieser Ebene genau hingeschaut und Verantwortung übernommen?

Nichtsdestotrotz: Solange die Banken ein Entlohnungssystem mit Boni haben, die daran gekoppelt sind, Gewinne zu erwirtschaften, solange bleibt das Problem bestehen. Schliesslich wird das Einkommen tendenziell besser, je mehr man ins Risiko geht.

Es macht also durchaus Sinn, die verantwortlichen Manager aus der Geschäftsleitung zu entlassen und die Boni im Top-Management zu streichen, wie es die CS heute verkündet hat?

Normalerweise bluten eher die Aktionäre und nicht das Management. Bei der CS war eigentlich eine Dividende von knapp 30 Rappen geplant, die nun um zwei Drittel auf zehn Rappen gekürzt wurde. Meiner Meinung nach ist es daher die richtige Entscheidung, Boni nicht automatisch auszuzahlen, wenn die Bank Verluste macht.

Was auffällt: Die CS hat die Konsequenzen relativ schnell gezogen ...

Das ist eine grosse Veränderung im Vergleich zur Finanzkrise 2007/08: Dass man bei den Banken viel schneller reagiert und sich der öffentlichen Meinung bewusst ist. Man kommuniziert offener und rasch, dass man ein Problem hat und leitet entsprechende Massnahmen ein. Bei der CS hat man die Entlastung des Vorstandes von der Tagesordnung der Generalversammlung genommen. Damit könnte man in Zukunft das Management und den Verwaltungsrat zur Verantwortung ziehen.

Wie substanziell ist denn der Verlust für die Credit Suisse?

Das weiss man nie ganz genau, weil die konkreten Bankgeschäfte nicht öffentlich bekannt sind. Die Finanzmarktaufsicht Finma scheint zumindest nicht sehr beunruhigt zu sein. Die Banken haben in den letzten Jahren ein relativ komfortables Eigenkapital-Polster aufgebaut und können Risiken damit besser abfedern.



Also sind langfristige Folgen nicht zu erwarten?

Die Bank könnte ein Vertrauensproblem bekommen: Es gibt eine Information, und die Aktionäre verkaufen ihre Anteile. Dass der ursprüngliche Verlust die Substanz nicht gefährdet, glaubt man dem Management möglicherweise nicht mehr. Also bricht der Kurs ein: Bei der CS gab es in der vorigen Wochen an einem Tag einen Kurssturz von fast 14 Prozent. 

Ist die Risikobereitschaft auf den Finanzmärkten insgesamt gestiegen?

Tendenziell haben sich die Banken nach 2008 eher zurückgezogen aus riskanten Aktiengeschäften, wie sie Archegos gemacht hat. Die CS und andere Banken haben sie jetzt aber mit Krediten finanziert und am Ende wieder eine Risikoposition.

Und machen damit wieder enorme Verluste, weil kaum jemand die Finanzinstrumente, mit denen hantiert wird, versteht ...

Das ist das ureigenste Merkmal des Bankgeschäfts: Es geht um asymmetrische Informationen. Wer ein Konto bei der CS hat, weiss nicht, was die Bank mit dem Geld macht, oder? Genauso wenig weiss die CS, was mit ihrem Geld ganz genau gemacht wird, wenn sie einen Kredit gewährt. Im Archegos-Fall hat das Risk Management der CS versagt: Man hat entweder nicht alle Informationen eingeholt oder sie nicht so beachtet, wie es geboten gewesen wäre.

Es sind aber mindestens sechs grosse Investmentbanken betroffen und wahrscheinlich noch viele kleinere. Kann man da von einem Systemfehler sprechen? Hat die Branche aus 2008 nichts gelernt?

Man sollte sich daran gewöhnen, dass man Risiken nicht komplett wegregulieren kann. Es gibt zwei Ansätze: Entweder man verbietet den Banken Risikogeschäfte. Aber dann verbietet man de facto das Bankgeschäft selbst. Oder man ist sich der Risiken bewusst und trifft genügend Vorsorge für allfällige Verluste, damit nicht am Ende die Sparenden Geld verlieren. In der Schweiz sind die Kapitalanforderungen für die Banken in den letzten Jahren sehr stark angestiegen.