Ist jetzt ein günstiger Zeitpunkt, um Aktien zu kaufen?

Gil Bieler

16.7.2020 - 10:57

Profis brauchen starke Nerven: Händler an der brasilianischen Börse in Sao Paulo. 
Bild: Keystone

Die Coronakrise scheint an den Börsen weltweit fast spurlos vorbeizugehen. Wie kommt's? Und was sollten jene wissen, die nun in den Aktienhandel einsteigen wollen? Einordnungen eines Experten.

Herr Boos, der Schweizer Leitindex SMI bewegt sich aktuell um 10'300 Punkte – mehr als der Höchstwert im Vorjahr. Sind die Börsen gegen die Coronakrise immun?

Immun sind sie sicher nicht. Zwischenzeitlich brach der SMI ja um 30 Prozent ein. Seither gab es aber eine massive Gegenbewegung. Zum grossen Teil ist diese liquiditätsgetrieben, weil sowohl die Staaten als auch die grossen Zentralbanken enorme Hilfsprogramme aufgegleist haben. Ein weiterer Faktor, der immer wieder als Treiber genannt wird, sind die sogenannten Robinhood-Trader.

Was versteht man darunter?

Die amerikanische Plattform Robinhood zieht aktuell sehr viel Geld von Kleinanlegern an und animiert diese zu schnellem und risikoreichem Trading. Es geistert die Theorie herum, dass viele Leute im Homeoffice die Lust am «Zocken» entdeckt haben und dadurch noch mehr Liquidität in die Märkte geflossen ist. Allerdings ist es schwer abzuschätzen, wie gross dieser Effekt ist.

Zur Person

Dominik Boos ist Ökonom und Dozent am Institut für Wealth & Asset Management der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Was sagen die guten Werte der SMI-Titel denn über die reale Wirtschaft aus?

Diese Gegenbewegung mit der realen Wirtschaft zu begründen, fällt tatsächlich schwer. Aber Wirtschaft ist zur Hälfte Psychologie, so zumindest der frühere deutsche Bundeskanzler Ludwig Erhard. Und die positiven psychologischen Faktoren sind nach einem zehnjährigen Aufschwung am Aktienmarkt immer noch sehr präsent. Selbst zum Tiefpunkt Mitte März lag der SMI auf dem Niveau von 2017 oder 2018. Bei vielen Investoren ist deshalb die Grundstimmung gar nie ins Negative gekippt. Mit dem Wiederaufschwung ist die Euphorie dann schnell zurückgekommen.

Ist es denn ein trügerisches Hoch?

Eine Prognose zu machen, ist immer schwierig. Es ist noch sehr viel Liquidität im Markt, welche die Hausse weiter beflügeln kann. Dies vor allem, wenn die Gewinne in der nun anstehenden Earnings Season in den USA positiv überraschen sollten. Enttäuschungen könnten aber auch die Euphorie brechen und so zu deutlichen Rückschlägen führen.

Und in der Schweiz?

Die Schweizer Börse ist ein Spezialfall, da sie zur Hälfte aus Novartis und Roche besteht. Diese Pharmakonzerne können von der Corona-Pandemie auch ein Stück weit profitieren, selbst wenn sie im Wettrennen um einen Impfstoff nicht an erster Stelle genannt werden. Aber da schwingen natürlich grosse Hoffnungen mit.

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Ist das ein gutes Marktumfeld, um als Laie in den Handel mit Aktien einzusteigen – oder wäre das zu riskant?

Aktien sind immer ein riskantes Geschäft, dessen muss man sich natürlich bewusst sein. Es ist sicher nicht zu empfehlen, dass man nun eine Zocker-Mentalität entwickelt wie die Robinhood-Traders. Aber klar, langfristig gehören Aktien in ein Anlageportfolio. Ob man aber genau jetzt damit anfangen will? Der Zeitpunkt wäre schlechter als noch vor zehn Jahren. Ich würde darum sicher nicht in der Euphorie von heute auf morgen ein Portfolio aufbauen, wenn man das die letzten zehn Jahren nicht für nötig befunden hat.

In welche Branchen oder Titel darf man denn seine Hoffnungen stecken?

Glossar

Anleger kaufen mit einem EFT (Exchange Traded Funds) einen Anteil an einem Börsenindex wie beispielsweise dem SMI, Dow Jones oder DAX. ETF versuchen, einen Index möglichst genau nachzubilden. Steigt der Index, steigt auch der Wert des ETF. Fällt der Index, verliert der ETF an Wert. (Quelle: VZ Vermögenszentrum

Es ist immer empfehlenswert, ein breit diversifiziertes Portfolio zu halten, in dem Titel aus möglichst allen Sektoren berücksichtigt sind. Ich würde als Kleininvestor daher nicht auf Einzeltitel oder Sektoren setzen, sondern besser auf passive Indexfonds – zum Beispiel einen ETF auf einen globalen Index oder den SMI.

In welcher finanziellen Situation sollte jemand sein, um in den Aktienhandel einzusteigen?

In Aktien sollte man Geld investieren, das man sehr langfristig auf die Seite legt – das man fünf oder besser zehn Jahre nicht braucht. Generell sollte ein Portfolio breit diversifiziert sein und sowohl aus Aktien als auch festverzinslichen Anleihen bestehen. In den USA wird oft ein Aktienanteil von 60 Prozent empfohlen, in Europa ist man etwas konservativer, da gelten schon 50 Prozent als eher aggressiv. Das ist aber nur ein Richtwert; der Aktienanteil und die Anlagepolitik sollte immer auf die individuelle Risikotoleranz abgestimmt sein.

Gibt es auch Alarmzeichen, wann man seine Aktien unbedingt verkaufen muss?

Den Aktienmarkt zu timen ist enorm schwierig. Wenn man sich die Märkte jetzt anschaut, dann stehen aber schon einige Lampen auf Rot: Die Bewertung von Titeln der Tech-Konzerne in den USA – ich denke da an Tesla oder Amazon – ist schon sehr ambitioniert.


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