Hatten die Neandertaler einfach nur Pech?

tafu

29.11.2019 - 17:19

Sind die Menschen schuld am Aussterben der Neandertaler? Oder wären sie auch ohne den Einfluss des Homo sapiens ausgelöscht worden?
Bild: Pierre Andrieu / AFP

Der Homo sapiens ist Schuld, dass der Neandertaler ausgestorben ist – zumindest war das bisher die weit verbreitete Meinung. Neue Studien haben nun herausgefunden, dass unser urzeitlicher Verwandter womöglich sowieso ausgelöscht worden wäre. Und das hat ganz natürliche Ursachen.

Vor Tausenden von Jahren starben die Neandertaler aus, Grund dafür war nach weitläufiger Meinung die Invasion des Homo sapiens. Doch einer aktuellen Studie zufolge sei es gar nicht die Schuld des modernen Menschen, dass die Existenz unseres urzeitlichen Verwandten beendet wurde, sondern schlicht und einfach Pech.

Wissenschaftler sind sich überwiegend einig, dass die Neandertaler vor circa 40’000 Jahren ausstarben, nachdem eine Welle des modernen Menschen 20’000 Jahre zuvor von Afrika nach Norden migrierten. Nach wie vor unklar ist allerdings, warum die Neandertaler in der Folge ausstarben und welche Rolle unsere menschlichen Vorfahren dabei spielten.

«Die Standard-Geschichte ist, dass der Homo sapiens in Europa und den Nahen Osten, wo der Neandertaler lebte, einfiel» erklärt Krist Vaesen von der Technischen Universität Eindhoven gegenüber dem «Guardian». In der Folge sei der Mensch dem Neandertaler zahlenmässig überlegen oder einfach wesentlich schlauer gewesen. Inzwischen sei man durch Studien aber auf ein anderes Ergebnis gekommen, nämlich, dass «die Menschen nicht benötigt wurden, damit die Neandertaler aussterben. Es ist durchaus möglich, dass es einfach nur Pech war.»

Ist Inzest schuld an der Auslöschung?

Um dem Grund für die Auslöschung der Neandertaler auf die Spur zu kommen, untersuchten die Wissenschaftler, wie sich ihre Population über einen Zeitraum von 10’000 Jahren entwickelt hätte. Dabei wurden besonders drei Faktoren berücksichtigt, die das Leben oder Überleben der Spezies beeinflussten.

Der erste ist die Inzucht, wodurch sich die Fitness des Volkes verschlechterte. Der zweite Faktor ist der Einfluss des sogenannten «Allee-Effekts». Dieser beschreibt, dass kleine Bevölkerungsgruppen nicht weiter wachsen können, da es einfach an Gruppenmitgliedern fehlt, die jagen, die Kinder aufziehen, auf Essen und Tiere aufpassen oder zur Paarung zur Verfügung stehen. Der dritte Faktor sind die natürlichen Fluktuationen bei Geburtenraten, Geschlechterverteilung und Sterberate.

«Sie wären vielleicht sowieso ausgestorben», fasst Vaesen seine Ergebnisse zusammen. Denn die Inzucht allein hätte wahrscheinlich nicht zur Auslöschung geführt. Erst die Kombination aus allen drei Faktoren konnte das bewirken. «Es ist ein natürlicher Prozess. Spezies sterben aus.»

Mensch hat Teilschuld

Eine Teilschuld kann man den Menschen allerdings schon zuschreiben, wie Vaesen in dem Journal «Plos One» darlegt. Durch die Ankunft der Homo sapiens wurden die dort lebenden Neandertaler vermutlich in viele kleine Gruppen getrennt, was dazu führte, dass sie wesentlich isolierter und verletzlicher wurden. Das Risiko, dass sie durch die natürlichen Faktoren sterben, wurde dadurch grösser.«Das hatte nichts mit Wettbewerb oder Überlegenheit zu tun, sondern mehr mit der Zerstückelung ihres Lebensraums», so Vaesen.

Doch endgültig ist die Frage nach der Auslöschung der Neandertaler damit noch lange geklärt, wie Penny Spikins von der Universität York gegenüber dem «Guardian» klarstellt. Die Modelle der Bevölkerung, die in der wissenschaftlichen Studie verwendet wurden, basieren auf modernen menschlichen Gruppen. Menschen und Neandertaler unterscheiden sich allerdings biologisch voneinander. «Diese Effekte müssen wir zunächst einmal komplett verstehen, bevor wir uns vorschnell von der ‹Schuld der Überlebenden› freisprechen können.»

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