Warum mit Corona infizierte Hirsche zum Problem für den Menschen werden könnten

tsha

5.1.2022

A whitetail deer jumps a fence as a buck looks on in a snowy field in Great Falls, Mont., Saturday, Feb. 10, 2007. (AP Photo/Great Falls Tribune, Robin Loznak)
Weisswedelhirsche sind die häufigsten in Nordamerika lebenden Hirsche.
Bild: Keystone

In den USA ist das Coronavirus bei Dutzenden Hirschen nachgewiesen worden. Das könnte auch für Menschen gefährlich werden.

tsha

5.1.2022

Auch mehr als zwei Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie sind die Ursprünge des Virus noch immer nicht abschliessend erforscht. Als gesichert gilt aber, dass das Coronavirus von einem Wildtier auf den Menschen übergesprungen ist, wahrscheinlich über einen Zwischenwirt.

Mittlerweile haben sich weltweit fast 300 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert. Das sind derart viele, dass immer wieder beobachtet wird, wie der Erreger zurück vom Menschen auf das Tier übergeht. Bislang wurden allerdings vor allem Fälle beschrieben, in denen sich Haustiere bei ihren Besitzern mit Corona infiziert haben, aber auch aus Zoos und Nerzfarmen wurden Fälle gemeldet.



Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt nun: Auch Wildtiere können vom Menschen mit dem Coronavirus angesteckt werden. Und das könnte eines Tages zum Problem werden.

Ein Team um Andrew S. Bowman vom Ohio State University College of Veterinary Medicine in Columbus hat für seine im Magazin «Nature» veröffentlichte Studie 360 wild lebende Weisswedelhirsche untersucht. Weisswedelhirsche sind die am häufigsten in den USA vorkommende Hirschart.

Unklare Ansteckungswege

In rund einem Drittel der Nasenabstriche, die die Forscher in den ersten Monaten des vergangenen Jahres an den Tieren vorgenommen hatten, wurde Sars-CoV-2 nachgewiesen. Am häufigsten wurde das Virus bei Tieren entdeckt, die in der Nähe menschlicher Siedlungen lebten.

Genetische Untersuchungen der Proben konnten zeigen, dass das Virus sechsmal vom Menschen auf die Hirsche übergesprungen war; ausserdem wurde an vier Orten bei den Tieren der Virustyp B.1.2 nachgewiesen, der zum Zeitpunkt der Untersuchung unter der menschlichen Bevölkerung von Ohio dominant war. Festgestellt wurden aber auch Fälle, in denen das Virus offenbar von Tier zu Tier übertragen worden war. Drauf lassen Mutationen schliessen, die beim Menschen selten gefunden wurden.

Wie das Virus vom Menschen auf die Hirsche übergegangen ist, ist unklar. Die Forscherinnen und Forscher haben allerdings mehrere Theorien. So könnten sich die Weisswedelhirsche über kontaminiertes Wasser angesteckt haben oder durch das Wühlen in menschlichen Abfällen. 

«Neue Wege für die Evolution»

Noch, so die Wissenschaftler, wurde kein Übergreifen des Virus von den Hirschen zurück auf den Menschen beobachtet. «Aber diese Ergebnisse zeigen, dass SARS-CoV-2-Viren in der Lage sind, in der amerikanischen Tierwelt übertragen zu werden, was möglicherweise neue Wege für die Evolution eröffnet», heisst es in der Studie.

Das mache es möglich, dass das Virus in den infizierten Tieren mutiert und von diesen auf andere Wildtiere oder schliesslich gar auf den Menschen übertragen werde. Sollte eine solche Mutante auf Menschen treffen, deren Immunsystem die Variante nicht kenne, könnte dies auch zum Problem für den Menschen werden.



«Wir haben eine neue potenzielle Quelle für SARS-CoV-2, die auf den Menschen übergeht», sagte Studienleiter Bowman in einer Stellungnahme. «Das würde bedeuten, dass wir nicht nur wissen müssen, was in den Menschen passiert, sondern auch, was in den Hirschen passiert.» Deshalb, so die Autorinnen und Autoren der Studie, seien weitere Untersuchungen «dringend notwendig».

Andere Studien bestätigen die Ergebnisse

Auch andere US-Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen wie das Team aus Ohio. So ergab eine Untersuchung, die von Dezember 2020 bis Januar 2021 im US-Bundesstaat Iowa durchgeführt worden war, dass sogar 80 Prozent der untersuchten Weisswedelhirsche Corona-positiv waren. 

«Unsere Ergebnisse haben wichtige Auswirkungen auf die Ökologie und die langfristige Persistenz des Virus», so Suresh Kuchipudi von der Penn State University, die die Studie durchgeführt hatte. «Dazu gehören das Übergreifen auf andere freilebende oder in Gefangenschaft gehaltene Tiere und das potenzielle Übergreifen auf menschliche Wirte.» 

Zu ähnlichen Ergebnissen wie die beiden Studien aus Ohio und Iowa kam auch eine Untersuchung des US-Landwirtschaftsministeriums. Demnach wurden in 40 Prozent der untersuchten Weisswedelhirsche Antikörper gegen das Coronavirus nachgewiesen.

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