Versenkung der SMS Dresden – die britische Marine wollte Rache

Philipp Dahm

14.3.2020 - 00:00

Über 100 Jahre verliert die britische Royal Navy kein Seegefecht mehr, dann beendet die Kaiserliche Marine diese Ära 1914 vor Chile. Alle Schiffe, die daran beteiligt waren, wurden daraufhin gnadenlos gejagt.

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, ist die Royal Navy das Mass aller Dinge.

Seit über 100 Jahren hat die britische Marine kein Seegefecht mehr verloren – geschweige denn ein Schiff. Keine Nation will sich mit Londons Admirälen anlegen. Nicht umsonst wird die Zeit zwischen 1815 und 1895 beziehungsweise 1914 auch «Pax Britannica» genannt.

Das Königreich sorgt durch seine gewaltige Überlegenheit für ein Gleichgewicht zwischen den Grossmächten, erweitert gleichzeitig aber dennoch sein Empire um gut 400 Millionen Menschen, bis der Erste Weltkrieg ausbricht.

26 Millionen Quadratkilometer kommen hinzu – das ist rund 630 Mal die Fläche der Schweiz oder 73 Mal jene Deutschlands. Noch ein Vergleich: Russland ist 17 Millionen Quadratkilometer gross.

London bestimmt den Takt: Die HMS Dreadnaught setzt 1906 neue Marine-Massstäbe. Hier ist sie 1907 mit der Royal Family an Bord beim Flottensalut zu sehen.
Bild: Gemeinfrei

London ist stolz auf sein Empire, in dem die Sonne nie untergeht – und noch mehr auf seine Navy, die die entlegenen Gebiete zusammenhält und die Basis dieses Weltreichs ist.

Eine Flotte für den «Platz an der Sonne»

Weil andere Staaten aufholen, giesst Grossbritannien seine Vorherrschaft 1889 gar in ein Gesetz: Der damalige Naval Defence Act legt im «two-power standard» fest, dass die Royal Navy immer so stark sein muss wie die Marine der beiden nächstmächtigsten Nationen zusammen.

Im britischen Empire geht die Sonne nie unter: Weltverkehr und Kolonialbesitz 1914.

1889 heissen diese beiden Nationen noch Frankreich und Russland, doch zum einen erleidet Russland im Krieg mit Japan 1905 Schiffbruch. Und andererseits ist ein Jahr zuvor ein 29-Jähriger in Berlin auf den Thron gestiegen, der Ambitionen auf den Weltmeeren hat und nach einem «Platz an der Sonne» sucht, wie Bernhard von Bülow, Kanzler von Kaiser Gnaden, es 1897 im Reichstag ausdrückt.

Zar Nikolaus II. (links) in deutscher Uniform und Kaiser Wilhelm II. in russischer Uniform beobachten im August 1907 ein Flottenmanöver in Swinemünde. Die Herrscher sind verwandt: Sie sind Cousins – ebenso wie mit dem britischen König George V.
Bild:  Gemeinfrei

Wilhelm II. bricht den Flottenwettlauf vom Zaun und verhindert – auch durch seine maritime Aufrüstung – einen politischen Ausgleich mit London. Im Gegensatz zum früheren Kanzler Otto von Bismarck setzt die von ihm geprägte Aussenpolitik nicht mehr auf diplomatische Zurückhaltung des Deutschen Reichs, sondern versucht offensiv seine «zu spät gekommene Nation» zu einer für ihn angemessenen Geltung kommen zu lassen.

Kreuzerkrieg der SMS Dresden vor Brasilien

Als dieses Unterfangen im Ausbruch des Ersten Weltkriegs mündet, kann die Kaiserliche Marine der Royal Navy dennoch nicht das Wasser reichen. Aber sie versetzt ihr kurz nach der Kriegserklärung eine Breitseite, für die London Rache nehmen wird, bis auch das letzte beteiligte Schiff am Meeresboden liegt: die SMS Dresden. Ein kleiner Kreuzer, der 1907 in Hamburg bei der Werft Blohm & Voss vom Stapel gelaufen ist.

Die SMS Dresden 1908 oder 1909 im Nord-Ostseee-Kanal, der damals noch Kaiser-Wilhelm-Kanal hiess.
Bild: Gemeinfrei

1914 wird die SMS Dresden zur ostamerikanischen Station der Kaiserlichen Marine beordert, die auf der damals noch dänischen Jungferninsel St. Thomas liegt. Nach den Kriegserklärungen in Europa erhält sie den Auftrag, einen Kreuzerkrieg zu führen: Fregattenkapitän Fritz Lüdecke steuert das Schiff die brasilianische Küste herunter, kontrolliert und versenkt Frachtschiffe und wird schliesslich nach Chile beordert, wo das Ostasiengeschwader bereits wartet.

Das Ostasiengeschwader unter Konteradmiral Maximilian von Spee lag bei Kriegsausbruch mitten in der Südsee, fürchtete einen Angriff der Australier auf Tsingtao, die deutsche Kolonie in China, und war deshalb nach Osten Richtung Südamerika ausgewichen. Es legt von Tahiti über 4'000 Kilometer zur Osterinsel zurück, wo das Geschwader auf die Dresden trifft, die über 3'000 Kilometer von der chilenischen Küste zurücklegen musste.

Papetee, die Hauptstadt von Französisch-Polynesien, wird vom Ostasiengeschwader auf der Fahrt nach Chile am 22. September 1914 unter Beschuss genommen. Das Foto wurde am 6. Dezember in der Wochenzeitschrift «Le Miroir» veröffentlicht.
Bild: Gemeinfrei

Vor dieser, genauer gesagt vor der chilenischen Stadt Coronel, passiert es dann.

Eine simple Falle für die Navy

Briten und Deutsche wissen, dass der jeweils andere in dem Seegebiet warten könnte. Und Sir Christopher Cradock, Konteradmiral der Royal Navy, ist sich auch bewusst, dass das Ostasiengeschwader besser aufgestellt ist als seine kleine Flotte – doch der Marineminister, ein gewisser Winston Churchill, verwehrt ihm Verstärkung.

Die scheint erst gar nicht nötig, als der Kleine Kreuzer HMS Glasgow deutsche Funksprüche abfängt, die vom Kleinen Kreuzer SMS Leipzig kommen. Am 1. Novembert 1914 soll sein Geschwader das Schiff, das scheinbar alleine fährt, stellen – und geht den Deutschen in die Falle: Neben der Leipzig nehmen die Grossen Kreuzer Scharnhorst und Gneisenau sowie die Dresden Konteradmiral Cradock in Empfang.

Matrosen bedienen 1905 ein Geschütz der SMS Gneisenau.
Bild: Gemeinfrei

Sie versenken in der Seeschlacht von Coronel nicht nur den Panzerkreuzer HMS Monmouth, sondern auch den Panzerkreuzer HMS Good Hope mit Cradock an Bord. Neben dem Konteradmiral verlieren gut 1'600 Matrosen ihr Leben.

Rache vor den Falklandinseln

Es ist die erste Niederlage der Navy seit einer Seeschlacht mit US-Schiffen im September 1814. London setzt nun alle Hebel in Bewegung, um diese Schmach zu rächen, und zieht eine Flotte in Port Stanley auf den Falklandinseln zusammen.

Am 8. Dezember 1914 übernehmen dort eilig herbeigerufene Schlachtkreuzer gerade Kohle, als das Ostasiengeschwader auftaucht: Von Spee wollte hier eigentlich die Telegrafenstation zerstören und Kohle klauen. Die Deutschen bemerken zwar die Navy, erkennen aber nicht, dass ein Angriff die beste Verteidigung wäre, weil die generischen Schiffe nicht unter Dampf stehen.

Er versucht, nach Osten zu entkommen, wird eingeholt und dreht schliesslich seine Grossen Kreuzer, damit zumindest die Kleinen entkommen können. Doch die Navy jagt die Deutschen gnadenlos: Bis zum Abend liegen Scharnhorst, Gneisenau, die Leipzig und der Kleine Kreuzer Nürnberg sowie zwei Versorger am Meeresgrund. 1'871 Deutsche sterben, während auf der Gegenseite nur zehn Matrosen umkommen.

Drei Monate Katz-und-Maus-Spiel

Nur die Dresden entkommt der maritimen Vendetta: Sie hat einen Turbinenantrieb, den sie voll auslastet, um sich in den folgenden drei Monaten in den unübersichtlichen Buchten Patagoniens zu verstecken. London wendet viel Energie auf, um den Kreuzer zu finden, dessen Versenkung zu einer Frage der Ehre geworden ist.

Das erklärt dann auch den folgenden Völkerrechtsbruch: Als die Navy die Dresden im neutralen chilenischen Hafen der Robinson-Crusoe-Insel entdeckt, nimmt sie den Kreuzer dennoch unter Beschuss.

In einer Feuerpause protestiert der Kapitän gegen die Verletzung der Neutralität – die Briten winken ab, das könne auch noch nach dem Krieg geklärt werden. Doch in dieser Zeit konnten die Deutschen die Selbstversenkung vorbereiten: Die SMS Dresden geht am 14. März 1915 um 11:15 Uhr in der Cumberland Bay unter.

Aus britischer Sicht bleibt bloss die Schlussbemerkung: Sie musste es.

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