Super League ohne Zuschauer: St. Gallen wird Meister, Thun steigt ab

Tobias Benz

25.5.2020 - 14:38

Obwohl der FC St. Gallen als heimstarke Mannschaft gilt, könnten die Geisterspiele den Ostschweizern im Rennen um die Meisterschaft einen entscheidenden Vorteil verschaffen.
Bild: Keystone

In der Bundesliga gewinnen aktuell verblüffend oft die Auswärtsteams. Könnte sich dieser Trend auch in der Schweiz entwickeln? Wenn ja, wer gehört ohne 12. Mann zu den Profiteuren?

«Wenn nicht mehr gespielt wird, machen wir uns lächerlich», meinte Rolf Fringer am Sonntagabend im Teleclub Fussball-Talk Heimspiel. Denn noch ruht der Ball in der Schweiz. Wenn Bundesrat und Vereine aber am Mittwoch und Freitag tatsächlich entscheiden, die Saison zu Ende zu spielen, wird es auch hierzulande zumindest vorerst zu Geisterspielen kommen. Und das könnte, analog zur Bundesliga, einen grossen Einfluss auf den Saisonendspurt haben. Mit Vorteilen für St. Gallen, Xamax und Luzern.

Am Wochenende fand in der Bundesliga der zweite Spieltag nach dem Neustart statt. Obwohl nach zwei Runden noch keine verlässlichen Schlüsse gezogen werden können, zeichnen die Geisterspiele ein düsteres Bild, was die Heimbilanz der besten deutschen Klubs betrifft. Mit den Zuschauern scheint aus den leeren Stadien nämlich auch der Heimvorteil verschwunden zu sein. In den 18 bisher ausgetragenen Partien gelangen lediglich Bayern München, Borussia Dortmund und Hertha Berlin Siege im eigenen Stadion. Das Auswärtsteam hingegen setzte sich bereits zehnmal durch.

Für Bayer Leverkusens Trainer Peter Bosz eine logische Folge: «Ich glaube nicht, dass das Zufall ist. Es ist halt so, dass das Heimpublikum immer der Mannschaft hilft. Und wenn wir dann als Auswärtsmannschaft ohne Publikum spielen, ist das immer einfacher.»

Zwei Auswärtsspiele, zwei Siege. Bayer Leverkusen zählt bisher zu den grossen Profiteuren der Geisterspiele in Deutschland.
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YB und Zürich profitieren am meisten von Heimspielen

Sollte sich dieser Trend auf die Schweiz übertragen, hätte das vor allem erhebliche Folgen für die Berner Young Boys. Während der letzten zwei Jahre gehörte YB nämlich zu den Teams, die am meisten vom «Mythos Heimvorteil» profitierten. Obwohl, und damit soll gleich zu Beginn aufgeräumt werden, es sich beim Heimvorteil definitiv nicht um einen Mythos handelt.

Wer sich mit den Statistiken beschäftigt, sieht schnell, dass Gastgeber schon immer eine deutlich höhere Gewinnchance aufwiesen. Die Zahlen der letzten zwei Saisons in der Super League bestätigen das. 122 der 295 gespielten Partien endeten mit einem Sieg für das Heimteam. Das sind 41,4 Prozent. Nur in 100 Fällen (33,9 Prozent) triumphierte das Auswärtsteam, 73 Mal (24,7 Prozent) endete die Partie unentschieden. Das mag jetzt nicht überwältigend erscheinen, über eine längere Zeitspanne gleicht die Aufteilung aber eher einem 50-25-25-Schema.

Zurück zu den Young Boys. Seit Beginn der Saison 2018/19 holten die Berner vor eigenem Publikum 39 Prozent mehr Punkte als bei Auswärtsspielen. Eine höhere Quote weist in der Schweiz lediglich der FC Zürich auf. Die Unterstützung der Südkurve gewährt(e) den Zürchern ein Punkteplus von 40 Prozent im Vergleich zu Gastspielen. Am anderen Ende der Kurve steht Neuchâtel Xamax. Als einzige Mannschaft der Schweiz spielen die Westschweizer sogar lieber nicht auf dem eigenen Rasen. Sie holen in der Maladière nämlich zehn Prozent weniger Punkte als in der Fremde. Die zweitschlechteste Heimvorteilsquote geht an den FC Luzern (plus sechs Prozent).

Die Zürcher Südkurve pusht den FCZ normalerweise zu 40 Prozent mehr Punkten.
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Heimvorteilstabelle Super League (2018 – aktuell)

1. FC Zürich (+ 40% *)
2. BSC Young Boys (+ 39%)
3. Servette FC (+ 32%)
4. FC Thun (+ 14%)
5. FC St. Gallen (+ 12%)
6. FC Basel (+ 10%)
7. FC Sion (+ 9%)
7. FC Lugano (+ 9%)
9. FC Luzern (+ 6%)
10. Neuchâtel Xamax (- 10%)

*Die Prozentzahlen zeigen den Punkteunterschied im Vergleich zu Auswärtsspielen.


Mal angenommen, der Heimvorteil löse sich durch Geisterspiele komplett in Luft auf – wer würde tabellarisch am meisten profitieren, und für wen hätte dies die grössten Nachteile zur Folge? Um das zu simulieren, müsste man den oben genannten Quotienten für die letzten 13 Runden vom Punkteschnitt pro Heimspiel abziehen. Die Tabelle zu Saisonschluss sähe dann wie folgt aus:


Simulierte Abschlusstabelle Saison 2019/20

1. FC St. Gallen – 69,1 Punkte
2. BSC Young Boys – 64,3 Punkte
3. FC Basel – 61,2 Punkte
4. Servette FC – 54,1 Punkte
5. FC Luzern – 48,2 Punkte
6. FC Zürich – 46,6 Punkte
7. FC Lugano – 40,4 Punkte
8. FC Sion – 35,5 Punkte
9. Neuchâtel Xamax – 29,7 Punkte
10. FC Thun – 28,7 Punkte

Aktuelle Tabelle Saison 2019/20


Der FC St. Gallen würde den Titel also mit fünf Punkten Vorsprung vor Meister YB in die Ostschweiz tragen. Im Tabellenkeller hätte das heimschwache Xamax einen rettenden Punkt Abstand auf den direkten Abstiegsplatz, und der FC Luzern würde dem heimstarken FCZ den fünften Platz abnehmen.

Ein anderes Bild in der 2. Bundesliga

Es ist allerdings zu beachten, dass in dieser simulierten Tabelle nicht berücksichtigt wird, dass auch Auswärtsspiele grundsätzlich einfacher werden dürften, sollte der Heimvorteil tatsächlich abschwächen. Ob dem überhaupt so ist, muss grundsätzlich angezweifelt werden. Nebst den Zuschauern helfen den Spielern bei Heimspielen auch die Beschaffenheit des Rasens (z. B. Kunstrasen in Bern), die Grösse des Feldes (je nach Stadion unterschiedlich) oder die vertraute Wetterlage.

In der 2. Bundesliga, die den Spielbetrieb ebenfalls letzte Woche wieder aufnahm, ist vom Verschwinden des Heimvorteils übrigens nichts zu sehen. Von den 16 bestrittenen Partien gewannen die Gastgeber deren acht.

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