Wölfli, du bist ein Held – danke für alles

Patrick Lämmle

26.2.2020 - 17:47

Marco Wölfli wird nach dem Gewinn des Meistertitels 2018 von den Fans auf Händen getragen.
Bild: Keystone

Im Sommer 1998 schloss sich Marco Wölfli als Sechzehnjähriger der U18 von YB an. 22 Jahre später wird er seine Karriere beenden. Wölfli wird immer ein Meisterheld bleiben – keiner hat sich das mehr verdient als er.

Seit 1998 ist für hunderte YB-Junioren der Traum von einer Profi-Karriere geplatzt. Nur wenige der talentierten jungen Fussballer schaffen tatsächlich den Sprung in die erste Mannschaft. Wölfli gehört zu den glücklichen, die es geschafft haben – und erst noch ohne Umweg über einen anderen Verein. Im Juli 2000 wird Wölfli in die erste Mannschaft beordert und ist seither – mit Ausnahme der Saison 2002/03 (leihweise bei Thun) – Teil der 1. Mannschaft von YB.

Obschon er sich in Thun keinen Stammplatz erkämpft, erhält er nach dem Leihende das Vertrauen der YB-Verantwortlichen und wird Stammgoalie. Die zweite Saison verläuft harzig, Wölfli bestreitet nur rund die Hälfte aller Spiele, doch er beisst sich durch. Zwischen 2005 und 2013 führt dann kein Weg an ihm vorbei, er ist die unumstrittene Nummer eins.



Der Verlust des Stammplatzes

Doch dann geschieht das Unheil, im Dezember 2013 zieht sich Wölfli einen Achillessehnenriss zu. Die Narben verheilen, den Stammplatz ist Wölfli aber los. Fortan geniesst der aufstrebende Yvon Mvogo das Vertrauen. Wölfli setzt sich in den kommenden drei Saisons ohne zu murren auf die Bank. Nie hat man ihn klagen gehört, er hat seine neue Rolle einfach akzeptiert. Beispiellos!

Als Mvogo YB im Sommer 2017 in Richtung Bundesliga verliess, wurde Wölfli mit David von Ballmoos erneut ein junger Torhüter vor die Nase gesetzt. Wöfli akzeptierte auch diese Entscheidung. Nicht alle konnten verstehen, weshalb sich das der in die Jahre gekommene Goalie antut. Weshalb wechselt er nicht den Verein? Weshalb beendet er nicht seine Karriere?

Die Antwort ist schlicht und einfach. Weil Wölfli gelebt hat, was die meisten nur predigen. Das Team stand für ihn immer an erster Stelle, das Ego musste hinten anstehen. Wenn der Trainer einen anderen Torhüter bevorzugt, dann hat man das zu akzeptieren. Und wenn man einen Verein wirklich liebt, dann bleibt man ihm auch treu.

Wunder geschehen – Wölfli sichert YB den Meistertitel

Und so kommt es, wie es kommen muss – oder zumindest so, wie man sich das als Fussballromantiker erträumt. Von Ballmoos zog sich in der Vorbereitung eine Schulterverletzung zu und verpasste die komplette Rückrunde. Wölfli ist, gut drei Jahre nachdem er aufgrund einer Verletzung seinen Stammplatz verloren hatte, fortan wieder die Nummer eins.

Es ist die Saison, in der YB den ersten Meistertitel seit 32 Jahren gewinnt. Ende April 2018 hält Wölfli gegen Luzern mit einem abgewehrten Elfmeter den Sieg fest und sorgt so für eine unvergessliche Meisterfeier. Dank des Sieges darf YB frühzeitig – und vor allem im eigenen Stadion – den langersehnten Meistertitel feiern. Wölfli wird von den auf den Platz stürmenden Fans auf Händen getragen. Es sind unvergessliche Momente.

Marco Wölfli wehrt den Penalty von Luzerns Valeriane Gvilia ab.

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26.02.2020

Auch nach diesem Triumph stellt Wölfli keinerlei Ansprüche. In der kommenden Saison akzeptiert er die neuerliche Rolle als Ersatztorhüter ohne Groll. Mit Von Ballmoos als Stammtorhüter wird YB ein zweites Mal Meister. Und was sagt er? «Die Freude ist genau gleich gross, wie im letzten Jahr.» Es ist ihm ins Gesicht geschrieben, dass er wirklich meint, was er sagt.

Wöfli, der in seiner Karriere auch elf Länderspiele bestritt und 2010 im WM-Aufgebot stand, blieb immer bescheiden. Im heutigen Fussball sind solche Exemplare leider vom Aussterben bedroht. Wölfli gebührt mein grösster Respekt. Aus diesem Holz sind echte Helden geschnitzt. Vielleicht verliert die Super League mit Wölfli nicht den besten aller Goalies, aber in Sachen Charakterstärke macht ihm keiner was vor. Danke für alles!

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