«It's coming home!» – ganz England lacht, die Frage ist: Wie lange?

Von Tobias Benz

30.6.2021

England steht im Viertelfinale – klappt es 2021 endlich mit dem ersten grossen Titel seit 1966?
Bild: Keystone

Eine Insel im Freudentaumel. Nach dem Sieg über Deutschland feiern die Engländer ihre Mannschaft, ihren Trainer und ihr Lied. Müssen sie bald wieder über sich selber lachen?

Von Tobias Benz

30.6.2021

Schiedsrichter Danny Makkelie hat seine Pfeife nach dem Schlusspfiff kaum aus dem Mund genommen, da brandet es augenblicklich auf im grossen Rund des berühmten Londoner Wembley-Stadion: «It’s coming home!» Der englische Fussball-Schlager macht, wenn auch nicht sehr melodiös, laut hörbar die Runde und lässt ein ganzes Land von der Europameisterschaft träumen.

Auf der Insel ist der Song ein altbekanntes Phänomen. Sobald die englische Nationalmannschaft den Rasen betritt, wird «Three Lions» von Plymouth bis Newcastle in jedem Pub zum Kassenschlager. Das Lied von Baddiel, Skinner & Lightning Seeds aus dem Jahr 1996 stürmt an grossen Turnieren regelmässig die britischen Charts. Vor dem Deutschland-Spiel stand es auf Platz 33, schon bald wird es wieder ganz oben zu finden sein – und mit ihm die englischen Hoffnungen auf den Europameistertitel.

Eine verlockende Tableauhälfte

«It’s coming Rome», titelt der «Mirror» am Mittwochmorgen in Anlehnung auf das Viertelfinalspiel der Engländer am Samstag in der italienischen Hauptstadt. Nach dem «historischen Sieg» über den «grössten Rivalen» wähnt sich das Land bereits als neuer Europameister. In den Medien liest sich landauf landab wie «einfach» der Weg ins Finale für das englische Team heuer ist.

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Zugegeben: Aufgrund der ungleichen Stärkeverhältnisse der beiden Tableauhälften, und nicht zuletzt auch, weil die Schweiz am Montag Kronfavorit Frankreich eliminierte, gehen diese Hoffnungen gar nicht mal so weit am Tor vorbei. Aber die Engländer hoffen oft, und fast immer hoffen sie sehr bald einmal nicht mehr. 

Vielleicht kommt es dieses Jahr aber tatsächlich anders. Verlockend sieht es auf jeden Fall aus. Im Viertelfinale wartet nämlich «nur die Ukraine» auf England. Danach ginge es in einem allfälligen Halbfinale gegen den Sieger der Partie Tschechien – Dänemark. Auch keine Riesen des Weltfussballs.

So richtig schwierig sieht auf dem Papier nur das Finale aus, in dem dann entweder die Spanier, Italiener, Belgier – oder wer weiss, vielleicht sogar die Schweizer den grossen Spielverderber markieren wollen. Aber die Engländer haben noch ein Ass im Ärmel.

«It's coming Rome» – der britische «Mirror» erklärt am Mittwoch als Erstes gleich einmal den Weg ins Finale.
Bild: mirror.co.uk/football

Southgates Experimente – wenn das nicht schiefgeht ... 

Wie beim grossen (und bisher einzigen) Triumph 1966 wird die Euro 2021 nämlich zum Heimspiel für Gareth Southgates Mannschaft. Abgesehen vom Viertelfinal-Ausflug nach Rom wären die «Three Lions» wie schon in der Gruppenphase und im Achtelfinale der Gastgeber. Beide Halbfinals und das Endspiel finden – stand jetzt (Achtung Delta-Variante) – im Wembley statt.

Aber auch fussballerisch spricht einiges für England. Gareth Southgate scheint aus den talentierten Einzelspielern tatsächlich eine schlagkräftige Mannschaft zusammengestellt zu haben. Der Sieg über Deutschland bestätigt den Halbfinal-Ausflug an der WM 2018 und zeigt, dass der 50-Jährige trotz wiederkehrender Absonderlichkeiten in seinen Startaufstellungen – am Dienstag sassen Mount, Sancho, Henderson, Grealish und Foden auf der Bank – einen Plan hütet, der aufgehen kann.

«Es geht ihm in erster Linie darum, unangenehm für den Gegner zu sein», bringt es England-Legende Gary Lineker bei «BBC» auf den Punkt. Sollten die Experimente gegen die Ukraine misslingen, dürfte es aber sehr schnell sehr unangenehm für Southgate werden. Zumal sich der England-Coach nach dem Deutschland-Sieg selbst erleichtert gab: «Wenn du bestimmte Spieler anstelle anderer auswählst, dann bist du tot, wenn es fehlschlägt.» Schlägt es gegen die Ukraine fehl, wäre er wohl kaum tot, dafür mit grösster Sicherheit entlassen.

Tot wäre die englische Hoffnung auf den Europameistertitel. Und das schneller als «Three Lions» aus den britischen Charts gestürzt käme. Der Song, der 1996 als musikalische Lichtgestalt ausgerechnet von zwei Komikern geschrieben wurde. Typisch englischer Humor eben.