Wenn der Fussball in den Hintergrund rückt: Die fünf grössten Aufreger der Gruppenphase

Von Jan Arnet

24.6.2021

Ärzte ringen um das Leben von Christian Eriksen.
Ärzte ringen um das Leben von Christian Eriksen.
Bild: Keystone

Die Europameisterschaft begann mit einem Schockmoment um Dänemarks Christian Eriksen. Aber auch im weiteren Verlauf der Gruppenphase sorgten vor allem Themen abseits des Platzes für Gesprächsstoff.

Von Jan Arnet

24.6.2021

Das Drama um Christian Eriksen

Samstag, 12. Juni. Zweiter Tag an der EM – und auf einmal steht die Fussballwelt still. Christian Eriksen bricht während des Spiels gegen Finnland zusammen. Herzstillstand. Auf dem Platz muss Dänemarks Starspieler wiederbelebt werden. Es folgen bange Augenblicke, Minuten, Stunden. Irgendwie ist gar nicht mehr daran zu denken, dass dieses Turnier überhaupt fortgesetzt werden kann. Geschweige denn dieses Spiel, das kurz vor der Halbzeitpause unterbrochen wurde.

Dann die grosse Erleichterung. Aus dem Spital kommt die Nachricht, dass Eriksens Zustand stabil sei. Der 29-Jährige schwebt nicht mehr in Lebensgefahr. Und knapp zwei Stunden nach dem Zusammenbruch wird das Spiel tatsächlich fortgesetzt. Die beiden Teams hätten das so gewollt, teilt die UEFA mit. Später wird klar, dass die Spieler kaum eine Wahl hatten. Es entwickelt sich eine Geschichte mit fahlem Beigeschmack – aber letztlich ist jeder froh, dass Christian Eriksen, der laut Dänemarks Teamarzt «schon weg» war, noch lebt. 



Ein Jubel, der sich nicht gehört

Die Solidarität bei den anderen EM-Teilnehmer ist nach dem Eriksen-Schock riesig. Die Österreicher Stefan Lainer und Michael Gregoritsch etwa halten am Tag nach dem Drama nach ihren Treffern gegen Nordmazedonien ein Trikot mit der Aufschrift «Stay strong, Christian» in die Kameras.

Das dritte Tor der Österreicher beim 3:1-Sieg schiesst Marko Arnautovic – und der hat ganz anderes im Sinn als eine Botschaft an Eriksen zu senden. Wutentbrannt dreht er sich zu Gegenspieler Ezgjan Alioski um und beleidigt ihn aufs Übelste, sodass sogar sein Captain David Alaba einschreiten muss und seinem Kollegen den Mund zuhalten muss.

Was Arnautovic, der sich danach öffentlich entschuldigt, genau gesagt hat, ist bis heute nicht ganz klar. Einige wollen etwas Rassistisches gehört haben, andere glauben, Arnautovic habe Alioskis Mutter beleidigt. Wie auch immer: Die UEFA sperrt den exzentrischen Stürmer für ein Spiel, damit ist die Sache auch gegessen.

Marko Arnautovic und sein spezieller Torjubel gegen Nordmazedonien.
Bild: Getty

Die misslungene Protestaktion

Die Umweltorganisation Greenpeace sorgt vor dem Spiel Frankreich gegen Deutschland für den nächsten grossen Aufreger. Ein Aktivist fliegt mit einem Gleitschirm ins Stadion, kommt aber ins Trudeln, demoliert technische Geräte und verletzt sogar zwei Menschen. Beinahe wäre sogar Frankreich-Trainer Didier Deschamps von Gleitschirm-Teilen getroffen worden. Die haarsträubende und gefährliche Aktion löst viele Reaktionen aus. Die Kritik an Greenpeace ist riesig. «Das tut uns wahnsinnig leid», entschuldigt sich die Umweltorganisation nach der missglückten Aktion.



Ein schlechter Blondinen-Witz

An der WM 2018 war es die Doppeladler-Affäre, jetzt war es ein umstrittener Coiffeur-Besuch, der manch einem Nati-Fan den Kopf schütteln liess. Granit Xhaka und Manuel Akanji liessen sich nach dem 1:1 gegen Wales die Haare blond färben. Alles halb so wild – wäre das nächste Spiel gegen die Italiener nicht nach einer ganz schwachen Leistung mit 0:3 verloren gegangen.

Einmal mehr mussten sich die Nati-Stars den Vorwurf gefallen lassen, den Kopf nicht bei der Sache zu haben – auch wenn das so wohl gar nicht stimmt. Denn mit einer starken Reaktion im Spiel gegen die Türkei haben es Xhaka und Co. ihren Kritikern gezeigt. «Diese Mannschaft lässt sich von solchen Sachen nicht kaputtmachen!», so die Kampfansage des Nati-Captains. Nun hoffen wir alle, dass das ganze Theater die Nati nur noch stärker gemacht hat. Hopp Schwiiz!



Ein grauer Regenbogen – aber nur in München

Die Münchner Allianz Arena hätte am Mittwoch beim Spiel Deutschland gegen Ungarn in Regenbogenfarben erstrahlen sollen. Man wollte damit ein Zeichen für Toleranz und Gleichstellung setzen. Die UEFA lehnte den Antrag der Stadt München aber ab, weil die Anfrage politisch sei und als Provokation gegen Ungarn zu verstehen sei.

Hintergrund des Antrags ist ein Gesetz, das die Informationsrechte von Jugendlichen in Hinblick auf Homosexualität und Transsexualität in Ungarn einschränkt und in der vergangenen Woche vom ungarischen Parlament gebilligt worden war.



Mit dem Entscheid, den Regenbogen zu verbieten, handelte sich die UEFA viel Kritik ein. Von «beschämend» bis «peinlich» war die Rede. Zumal sich die UEFA selber soziales Engagement auf die Fahne schreibt. Der Entscheid hatte aber auch zur Folge, dass sich viele Leute solidarisch zeigten und ausserhalb von München ein Zeichen setzten. So erleuchteten etwa verschiedene andere deutsche Stadien in den Regenbogen-Farben.