Liebe Fussball-Regelhüter, ihr habt da was ganz Wichtiges vergessen

8.11.2018 - 13:13, Patrick Lämmle

Unvergessen: Philippe Senderos wird nach seinem wichtigen Tor gegen Südkorea an der WM 2006 als «Blut-Held» gefeiert. Bei seinem Kopfball prallte der Abwehrhüne mit der Nase gegen den Kopf des Koreaners, konnte danach aber weiterspielen und sich nach dem Schlusspfiff über die Achtelfinalqualifikation freuen.
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Handspiel oder nicht? Künftig soll es keinen Interpretationsspielraum mehr geben. Doch wäre es nicht an der Zeit, eine viel einschneidendere Regel anzupassen, eine die im Extremfall sogar Leben retten kann?

Die Mitglieder des für die Fussball-Regeln verantwortlichen International Football Association Boards (IFAB) nehmen am Mittwoch mehrere mögliche Regelanpassungen positiv auf und wollen diese unterstützen. So soll etwa bei der derzeit gültigen Handspielregelung nachgebessert werden, schreibt die Organisation in einer Mitteilung. Macht Sinn, keine Frage. Denn gefühlt in jedem fünften Spiel kommt es zu kontroversen Diskussionen, die Handspiel-Regeln sind schwammig und lassen viel Raum für Interpretationen.

Ein anderes Thema kommt aber nie auf den Tisch, denn es würde den Fussball grundlegend verändern. Wie kann man verhindern, dass in jedem 20. Spiel ein Fussballer eine Gehirnerschütterung erleidet?

Nach diesem Kopfball-Duell erlitt Ryan Mason (rechts) einen Schädelbruch. Als Folge davon musste er seine Karriere mit 26 Jahren beenden.
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Eine Studie aus Norwegen belegt, dass über 80 Prozent der Fussballer nach der Karriere milde bis schwere Defizite aufweisen bezüglich Aufmerksamkeit, Konzentration und Erinnerungsvermögen. Die Auswirkungen von Kopfbällen auf die Gesundheit von Fussballern sind auch Thema einer Studie von Sportmedizinern aus der Schweiz, Deutschland und den USA. Die Studie ist auf drei Jahre angelegt und soll bis 2020 abgeschlossen sein.

Gehirnerschütterungen und ihre Folgen

Die Langzeitschäden, die Kopfbälle verursachen können, sind noch nicht abschliessend erforscht. Dass ein frühes Auftreten von Demenz in Zusammenhang mit Kopfverletzungen steht, wissen wir seit einigen Jahren aus dem American Football. Zum Thema gibt es einen eindrücklichen Spielfilm, der auf wahren Begebenheiten beruht und die Geschichten von Footballern erzählt, die nach ihrer Profi-Karriere elend dahinsiechten, mehrere von ihnen wählten am Ende den Freitod.

Das sind keine Übertreibungen, wie etwa das Beispiel des ehemaligen Football-Stars Aaron Hernandez zeigt, der sich im April 2017 in einem Gefängnis in Massachusetts im Alter von 27 Jahren das Leben nahm. Zwei Jahre zuvor war er wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Sein Hirn wurde zur Obduktion freigegeben, dabei zeigte sich, dass er an der Hirnerkrankung litt – nie zuvor wurde die Hirnerkrankung CTE (chronisch traumatische Enzephalopathie) in einem derart fortgeschrittenen Stadium bei einem so jungen Menschen festgestellt.

Jedes Kopfballduell stellt eine Gefahr dar

Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass Kopfbälle nicht gesund sein können. Wer schon einmal einen 70-Meter-Auskick direkt mit dem Kopf abgefangen hat, der weiss, wovon ich spreche. Noch viel schlimmer ist es allerdings, wenn man mit den Köpfen zusammenprallt oder den Ellbogen des Gegners ins Gesicht gerammt bekommt, weil dieser, um sich zum Kopfball hochzuschrauben, die Arme unkontrolliert um sich schlägt. Klar, hat man keine klaffende Wunde, so spielt man einfach weiter, Brummschädel hin oder her. Und wenn das Blut fliesst, dann hilft ein Turban.

Ich habe mich aus all diesen Gründen in letzter Zeit öfters gefragt, ob es nicht an der Zeit wäre, die Kopfbälle aus dem Fussball zu verbannen. Was wäre denn so schlimm daran? Das Spiel würde sich verändern, doch nicht zwingend zum Schlechten. Schnelles Kombinationsspiel, technisch anspruchsvolle Kabinettstückchen, mehr Eins-gegen-Eins-Situationen anstelle hoher Flanken auf die Schränke im Sturmzentrum, das wäre doch alles kein herber Verlust? Es heisst ja ohnehin «flach spielen, hoch gewinnen». Fussball spielen mit Köpfchen, aber ohne Kopfbälle, das wäre mein Wunsch.

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