Sündenbock gesucht und gefunden: Bernardo Silva wird gesperrt

Jan Arnet

14.11.2019

Bernardo Silva wird für einen «rassistischen» Tweet gesperrt.
Bild: Getty

Wegen eines falsch verstandenen Witzes wird Bernardo Silva vom englischen Fussballverband gesperrt. Dabei hat der Portugiese von Man City eigentlich gar nichts falsch gemacht. Der Witz kam nur zur Unzeit. Ein Kommentar.

Rassismus war und ist leider noch immer ein fast alltägliches Thema im Fussball. Der jüngste Fall ereignete sich erst am letzten Wochenende in der Ukraine, wo die «Fans» von Dynamo Kiew für einen Eklat sorgten, als sie im Spiel gegen Schachtjor Donezk «Ja zu Rassismus»-Plakate zeigten und den Brasilianer Taison mit Affenlauten eindeckten. Der dunkelhäutige Stürmer reagierte emotional, zeigte den Dynamo-Anhängern den Mittelfinger und dreschte den Ball in ihren Fanblock. Grotesk an der ganzen Sache: Nicht die Zuschauer wurden für ihr Verhalten bestraft, sondern der Spieler: Taison sah die Rote Karte und verliess unter Tränen den Platz.

Auch in Italien werden farbige Spieler immer wieder Opfer von rassistischen Beleidigungen. Der italienische Fussballverband unternimmt nichts dagegen. Auch nicht, wenn die Diskriminierung offensichtlich ist, so wie bei Romelu Lukaku vor einigen Wochen in Cagliari. Im Urteilsspruch der Sportrichter des Verbandes FIGC hiess es, dass betreffende «Gesänge, Schreie und Pfiffe» gegen Lukaku in Bezug auf «Ausmass und Wahrnehmung» nicht als diskriminierend einzuordnen seien. Damit war das Thema erledigt – bis nur wenige Spieltage später auch Mario Balotelli Opfer der beschämenden Verbalattacken wurde.

Die UEFA, die sich seit Jahren dem Slogan «Say no to Racism» auf die Fahne schreibt, scheint das Thema auch nicht wirklich ernst zu nehmen. Als die englische Nationalmannschaft im Oktober in der EM-Qualifikation in Bulgarien spielte, schallten Affenlaute durch das Stadion und Hitlergrüsse wurden gezeigt. Das Spiel stand kurz vor dem Abbruch. Die Engländer forderten harte Sanktionen der UEFA, der europäische Fussballverband belegte die Wiederholungstäter aus Bulgarien aber mit einer Strafe, die an Lächerlichkeit kaum zu überbieten ist: Zwei Geisterspiele ohne Zuschauer und eine Geldstrafe von 85'000 Euro. Zur Einordnung: Derselbe Verband büsste den dänischen Stürmer Niklas Bendtner an der EM 2016 mit 90'000 Euro, weil er beim Torjubel sein Trikot lupfte und auf seinen Boxershorts der Name eines britischen Wettanbieters zu lesen war.

Bernardo Silva: Das Opfer einer positiven Kampagne

In England scheint man nun in eine Vorbildrolle schlüpfen zu wollen. Die Premier League lancierte im Oktober die Kampagne «No Room for Racism» («Kein Platz für Rassismus»). Man wolle die Macht und Popularität der beliebtesten Liga der Welt nutzen, um Rassismus im Fussball entgegenzuwirken, erklärte die Liga in einem Statement. Der Slogan ist seither in den Premier-League-Stadien präsent. 

«No Room for Racism» – hier beim Premier-League-Spiel zwischen Liverpool und Tottenham.
Bild: Getty

Wer laut sein will, muss hin und wieder natürlich auch ein Ausrufezeichen setzen, um auf sich aufmerksam zu machen. In England ist das allerdings nicht so einfach, wenn es ums Thema Rassismus geht. Rassismus ist auf der Insel zwar nicht inexistent, aber längst nicht so präsent wie etwa in Italien. So muss vielleicht auch mal einer daran glauben, der keine böse Absichten hat. Einer wie Bernardo Silva. 

Der Manchester-City-Profi sorgte im September für Aufregung, als er sich auf Twitter einen Scherz erlaubte: Silva verglich seinen farbigen Mitspieler Benjamin Mendy (als Kind abgebildet) mit dem schwarzen Maskottchen eines spanischen Erdnüsschen-Herstellers.

Der umstrittene Tweet von Bernardo Silva.
Bild: Twitter/Bernardo Silva

Silva erntete für seinen Witz in den sozialen Medien viel Kritik – er soll rassistisch gewesen sein. Mendy, das vermeintliche Opfer, empfand das natürlich überhaupt nicht so. «1:0 für dich, wart's nur ab», so die Reaktion des Franzosen. Wer die beiden kennt – oder schon nur mal die sozialen Kanäle der beiden City-Spieler verfolgt hat – weiss ohnenhin, dass sie sich gegenseitig immer wieder aufziehen. Sie sind gut befreundet, spielten schon vor ihrer Zeit in England gemeinsam bei der AS Monaco.

Für die Verantworlichen des englischen Fussballverbandes und der Premier League war Silvas Scherz dennoch ein gefundenes Fressen: Ermittlungen wurden aufgenommen – und am Mittwoch abgeschlossen. Mit dem Verdikt: Silva hat Mendy rassistisch beleidigt. Der Portugiese habe sich einen «schweren Verstoss» gegen die Verhaltensregeln des Verbandes geleistet. Silva wird für ein Spiel gesperrt und muss eine Geldstrafe in Höhe von 50'000 Pfund (rund 63'500 Franken) bezahlen.

Ist diese Strafe gerechtfertigt? Höchst fraglich. Eines scheint aber offensichtlich: England hat einen ersten Sündenbock gesucht – und in Bernardo Silva gefunden.

Zurück zur StartseiteZurück zum Sport