Ungeimpfte Olympiasiegerin

Patrizia Kummer hat Respekt verdient

Von Marcel Allemann

24.1.2022

Patrizia Kummer
Ihr Impfstatus und ihre 21-tägige Quarantäne sind das grosse Thema: Patrizia Kummer, Snowboard-Olympiasiegerin von 2014.
Bild: Keystone

Als ungeimpfte Olympia-Athletin in 21-tägiger Quarantäne macht Snowboard-Olympiasiegerin Patrizia Kummer international Schlagzeilen. Ihre Medienkonferenz hat geholfen, sie zu verstehen. Ein Kommentar.

Von Marcel Allemann

24.1.2022

Um es gleich offenzulegen: Ich bin doppelt geimpft und geboostert und finde das gut so. Und natürlich hoffe ich, dass die Impfquote so hoch wie möglich ist und wir dadurch schneller in die Normalität zurückfinden. Doch eigentlich spielt es keine Rolle, was ich mache und finde.

Nicht nachvollziehen kann ich es in meiner Funktion als Sportjournalist aber, wenn sich Sportler nicht impfen lassen, die international tätig sein wollen. Sie werfen sich meiner Meinung nach selbst Stöcke in die Beine.

Es gab immer wieder Beispiele von ungeimpften Sportlern, die an Covid erkrankt sind und dann länger damit zu kämpfen hatten. Als Negativ-Beispiel sei Joshua Kimmich erwähnt. Und aufgrund der strengen Regeln in verschiedenen Ländern sind die ungeimpften Sportler auch massiven Beschränkungen bis hin zu Einreiseverboten ausgesetzt. Novak Djokovic lässt grüssen. 

Ungeimpfte Sportler laufen aus verschiedenen Gründen Gefahr, ihre Saison und vielleicht sogar ihre Karriere in den Sand zu setzen. Deshalb habe ich aus rein sportlichen Überlegungen auch kein Verständnis für den Weg, den Patrizia Kummer geht.

Kummer akzeptiert die Regeln ohne Murren

Nachdem ich ihr aber über eine halbe Stunde im Rahmen ihrer Medienkonferenz aus ihrem Quarantäne-Zimmer in Peking zugehört habe, bin ich von ihr beeindruckt. Es hat geholfen, sie zu verstehen. Wichtig dabei: Kummer verharmlost Corona nicht, im Gegenteil. Sie hält sich peinlich genau an die Regeln und akzeptiert diese ohne jegliches Murren, auch wenn sie ihr Leben immer wieder zusätzlich erschweren.



Kummer ist aus persönlichen Gründen, auf die sie nicht näher eingehen will, nicht bereit, sich impfen zu lassen. Aber sie möchte trotzdem auch ihren Traum als Sportlerin an Olympischen Spielen weiterleben. Und weil sich dieses Miteinander so schlecht verträgt, ist sie bereit, mit den Konsequenzen und happigen Bürden zu leben. Ohne mit der Wimper zu zucken. Patrizia Kummer ist nicht Novak Djokovic.

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Sie hadert nicht mit ihrem Schicksal, einer 21-tägigen Quarantäne. Sondern legt den Fokus darauf, wie sich diese am besten gestalten lässt. Sie stellt sich nicht die Frage, ob das fair ist – auf diese Idee kommt sie gar nicht. Sondern sagt stattdessen, dass dies die Regeln seien und sie von Anfang an gewusst habe, worauf sie sich einlasse. Sie glaubt auch daran, dass sie im Olympia-Rennen trotz der langen Quarantäne und ihrer einzigartigen Situation die genau gleiche Chance habe wie jede andere Konkurrentin auch. Und verweist dabei auf ihre mentale Stärke.

Der Druck ist gross – alle Augen werden auf Kummer gerichtet sein

Um am 8. Februar im Parallel-Riesenslalom überhaupt in den Medaillen-Wettkampf eingreifen zu können, muss Kummer zuerst die Qualifikation überstehen. Begeht sie dort einen blöden Fahrfehler oder ist zu langsam, sind ihre Olympischen Spiele vorbei, bevor sie richtig begonnen haben. Eine zweite Chance gibt es für eine Alpin-Snowboarderin nicht. Der Druck ist gross. Und bei ihr noch grösser, da alle Augen auf sie gerichtet sein werden.

Hält man sich dies alles vor Augen, erscheint ihr Weg umso krasser, ihr Aufwand, ihr Wille und ihr Kampfgeist. Patrizia Kummer verdient Respekt – nicht nur den der Ungeimpften, sondern auch den der Geimpften. Auch wenn diese – so wie ich auch – mit ihrer Grundeinstellung nicht einverstanden sind. Denn eines können wir alle – unabhängig von Covid und Impfstatus – gerade von ihr lernen: Wie man seinen Weg konsequent geht, Hindernisse aus dem Weg räumt, nicht aufgibt und guter Dinge bleibt.