Kyrgios am Rande der Legalität

Eine Zirkusshow oder eine taktische Meisterleistung?

Von Luca Betschart

4.7.2022

So lief die Fehde zwischen Kyrgios und Tsitsipas

So lief die Fehde zwischen Kyrgios und Tsitsipas

Das Drittrundenspiel in Wimbledon zwischen Nick Kyrgios und Stefanos Tsitsipas war hochemotional - wenn auch nicht unbedingt spielerisch.

04.07.2022

Nick Kyrgios lotet mit seinem Verhalten in Wimbledon einmal mehr die Grenzen aus. So sehr die ständigen Reklamationen und Fluchtiraden nerven können – für Kyrgios sind sie auch ein taktisches Mittel.

Von Luca Betschart

4.7.2022

Nick Kyrgios hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er eigentlich lieber Basketball-Profi wäre. Die grössere Begabung hat der Australier aber auf dem Tennisplatz. Nebst den wuchtigen Grundschlägen und dem herausragenden Aufschlag beweist er mit dem gelben Filzball auch immer wieder viel Feingefühl. Und so kann Kyrgios schon früh in seiner Karriere trotz fehlender Trainingsstunden und teils mangelnder Einstellung jeden Spieler gefährden. Manche sagen ihm gar das grösste Talent auf der ATP-Tour nach.

Denn Kyrgios kann es sich offenbar auch erlauben, während seiner Partien auf mehreren Schauplätzen aktiv zu werden. Seinem Spiel scheint es nicht zu schaden, wenn er sich kurz vor seinem Service noch einmal abdreht, einige Worte mit Zuschauern austauscht, bevor er sich wieder seinem Gegenüber zuwendet und aufschlägt. Womöglich braucht Kyrgios solche Ablenkungen gar, um sich anzutreiben.

Keine Ruhe für den Gegner

Gegen Stefanos Tsitsipas hadert Kyrgios am Samstag zwischenzeitlich mit den Linienrichtern, dem Stuhlschiedsrichter, den Zwischenrufen der Fans und gar der eigenen Box. Seinem Ärger lässt er zwischen den Punkten ununterbrochen und gut hörbar freien Lauf. Seiner spielerischen Leistung schadet das nicht. Im Gegenteil: Je unruhiger und hitziger die Atmosphäre auf dem Centre Court in Wimbledon, desto besser kommt Kyrgios in Fahrt. Eine Fähigkeit, die längst nicht alle Profis besitzen.

Genau deshalb drängt sich die Frage auf, inwiefern das Verhalten des Australiers taktischer Natur ist. Gegen Tsitsipas scheint Kyrgios genau zu spüren, was es braucht, um den Griechen auf die Palme zu bringen. Zum einen lässt Kyrgios' ständiges Gelaber dem Griechen selbst während des Seitenwechsels keine Ruhe, zum anderen wird er durch die zahlreichen kürzeren und längeren Unterbrüche in seinem Rhythmus gestört. Immer wieder muss Tsitsipas warten, bis Kyrgios seinen Unmut kundgetan hat.

Nick Kyrgios wie er leibt und lebt.
Nick Kyrgios wie er leibt und lebt.
Bild: Keystone

Das Publikum im Rücken

Zum Ende des zweiten Satzes platzt Tsitsipas schliesslich der Kragen. Nach dem kassierten Satzausgleich knallt der Grieche einen Ball auf die Tribüne, verfehlt einen Zuschauer nur um Haaresbreite und kassiert eine Verwarnung. Auf diesen Moment hat Kyrgios offenbar nur gewartet. Sofort konfrontiert er den bemitleidenswerten Unparteiischen und verlangt während mehrerer Minuten den vorzeitigen Ausschluss seines Gegners.

Ob es Kyrgios dabei tatsächlich um die mögliche Disqualifikation geht? Oder will der Australier seinen Kontrahenten, welchem der begangene Fehler natürlich sofort bewusst ist, noch mehr aus dem Konzept bringen? Falls ja, gelingt das nach Wunsch. Tsitsipas verliert nach dem Zwischenfall die Nerven und seinen Fokus. Mehrfach will er in Ballwechseln sein Gegenüber abschiessen. Kyrgios wiederum beantwortet Tsitsipas' entsprechende Versuche mit einem weiteren «Underarm-Service» – und damit genau richtig.

Wutentbrannt versucht Tsitsipas den Return gar nicht ins Feld zu spielen, sondern knallt den Ball erneut unkontrolliert in Richtung Publikum. Er trifft glücklicherweise die Resultattafel, kassiert für den Aussetzer aber eine Punktstrafe. Während sich Kyrgios ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen kann, wird Tsitsipas von den Zuschauern für seinen Wutausbruch ausgepfiffen. Es muss dem Griechen wie ein Scherz vorkommen, dass nun er nach zweieinhalb Sätzen zum Buhmann avanciert. Kyrgios dagegen hat die anwesenden Fans trotz fragwürdigen Auftritts auf seiner Seite.

An oder über der Grenze?

«Es ist konstantes Mobbing. Er mobbt seine Gegner», lauten die heftigen Anschuldigungen von Tsitsipas, der nach der Partie von einer Zirkusshow spricht. «Das muss aufhören. Jemand muss sich mit ihm hinsetzen und reden.» Kyrgios aber beherrscht auch dieses Spiel und mimt den Unwissenden. «Er war derjenige, der Bälle auf mich geschlagen hat», sagt der 27-Jährige und meint vielsagend: «Ich bin gespannt, wie hoch die Strafe für ihn ausfallen wird.»

Tatsächlich ist das Urteil des Turnierveranstalters bemerkenswert. Während Tsitsipas wegen unsportlichen Verhaltens 10'000 Dollar büssen muss, fällt die Strafe gegen Kyrgios wegen unflätiger Ausdrucksweise mit 4'000 Dollar deutlich glimpflicher aus. Auch das dürfte dem Unterlegenen wie ein schlechter Scherz vorkommen, zeigt zugleich aber die Cleverness von Kyrgios.

Im Unterschied zu Tsitsipas bewegt er sich stets an der Grenze zum Unerlaubten, aber nicht explizit darüber. Den Fairplay-Preis wird Kyrgios mit solchen Auftritten definitiv nicht gewinnen, Tennis-Partien aber schon. Denn der umstrittene Auftritt gegen Tsitsipas ist schlussendlich auch eine taktische Meisterleistung.