Virtuelle Duelle

Sehen wir bald Federer gegen McEnroe?

Von René Weder

11.4.2020

Roger Federer hat in Wimbledon acht Mal gewonnen, John McEnroe (rechts) fünf Mal.
Roger Federer hat in Wimbledon acht Mal gewonnen, John McEnroe (rechts) fünf Mal.
Bild: Getty

Im Zuge der Coronakrise wurde das weltbekannte Grand National Pferderennen virtuell ausgetragen. Ein Vorgeschmack auf weitere digitale Wettkämpfe?

4. April 2020. Die prestigeträchtige Pferderennveranstaltung Grand National im britischen Aintree bei Liverpool findet trotz Coronakrise statt. Zwar nicht wie üblich mit realen Pferden auf dem echten Kurs, sondern als computergesteuerte Version, die es verblüffend nahe ans Original schafft.

Schon in den zwei Jahren zuvor ging die virtuelle Ausgabe des Pferderennklassikers über die Bühne – vergleichsweise aber ohne allzu viel mediale Resonanz. Anders in diesem Jahr wegen der Sportflaute infolge der Corona-Pandemie: Über 4,8 Millionen Zuschauer setzten sich an diesem Nachmittag trotz strahlenden Sonnenscheins vor die Bildschirme und schalteten sich der Live-Übertragung des Senders «ITV» zu. Das entsprach rund einem Drittel der britischen Fernsehzuschauer um diese Tageszeit.

«Potter’s Corner» düpiert «Tiger Roll»

Auf dem Parcours ging es in der Folge erstaunlich realitätsnah zur Sache (Video Youtube): 40 Pferde machten sich auf die sieben Kilometer lange Strecke. 30 Hürden, bis zu 1.60 Meter hoch, mussten zwischen Start- und Ziellinie überquert werden. Wie beim traditionellen Grand National war es auch beim Virtual Grand National möglich, Wetten zu platzieren, denn niemand kannte den Ausgang des Rennens. Der Maximaleinsatz war indes auf zehn Pfund pro Person limitiert. Der Ansturm war dennoch beachtlich: Insgesamt wurden durch die Wetten 2,6 Mio. britische Pfund (über 3,1 Mio. Schweizer Franken) generiert. Die Erlöse kommen dem britischen Gesundheitsdienst NHS (National Health Service) im Kampf gegen das Coronavirus zugute.

In monatelanger Arbeit hatten Computer-Experten zuvor Daten über Reiter und Pferde zusammengetragen und letztlich mittels komplexer mathematischer Algorithmen die Grundlagen für das virtuelle Rennen gelegt. Als Basis dienten etwa Berechnungen basierend auf Alter und Gewicht des Pferdes sowie den Wetterbedingungen, all das natürlich in Verbindung mit den vorausgegangenen Leistungen der 40 Starter. Die Macher des virtuellen Rennens (Inspired Entertainment) stellen dazu folgende Demonstration zur Verfügung.

Favorit der Buchmacher bei der Ausgabe 2020 mit einer Quote von 5,00 war «Tiger Roll». Das Pferd hatte zweimal in Folge den realen Grand National gewonnen. Am Ende entschied aber «Potter’s Corner», der von den Buchmachern mit einer Quote von 19,00 gehandelt wurde, das Rennen für sich. «Tiger Roll» belegte hinter «Walk The Mill» und «Any Second Now» Platz vier.

Nadal vs. Laver? Das wär doch was

So nahe diese Spielerei auch an die Realität kommen mag, ganz ersetzen wird man sportliche Wettkämpfe damit nicht. Es wäre aber durchaus interessant, wenn man alle zur Verfügung stehenden Daten etwa im Tennissport dazu nutzen könnte, Spieler unterschiedlicher Generationen gegeneinander antreten zu lassen.

Wie würde sich etwa der John McEnroe der 80er-Jahre in Bestform gegen den dominierenden Roger Federer der 00er-Jahre schlagen? Rod Laver gegen Rafael Nadal zu sehen, hätte durchaus auch seinen Reiz. Jedenfalls liesse sich so vielleicht die Frage nach dem «GOAT», dem grössten Spieler der Geschichte, zumindest virtuell klären.



Oder wer würde gewinnen, wenn man die Fussball-Nati von Köbi Kuhn gegen das aktuelle Team von Vladimir Petkovic antreten lassen würde? Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Datenmaterial gibt es gerade in den Top-Sportarten, wo jeder Schritt, jede Bewegung und jeder Ballabsprung gemessen wird, zur Genüge, wenngleich historische Vergleiche gerade deswegen auch schwierig wären. 

Zurück zum Grand National: Trotz der positiven Resonanz auf das virtuelle Rennen hat die Absage der echten Veranstaltung der Renn- und Wettbranche, inklusive den Unternehmen rund um die Rennstrecke, einen kollektiven wirtschaftlichen Schaden in Höhe von 500 Millionen Pfund zugefügt, wie englische Medien berechneten.

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