«Verdammt, du bist in Wimbledon, reiss dich zusammen!»

12.7.2018 - 21:14, Aus Wimbledon: Roman Müller

Mitreissend: Die typische Wimbledon-Stimmung auf dem Henman Hill.
Bild: Getty Images

Mein Debüt als Wimbledon-Journalist und -Blogger erfuhr mit dem überraschenden Out Roger Federers einen argen Dämpfer. Der Tennis-Blues überkam mich. Wie sich doch noch alles zum Guten wendete, lesen Sie im neusten Teil meines Blogs.

Mein Gott, war das ein übler Tag gestern! Als Journalist muss man immer schön brav objektiv und gelassen bleiben. Pustekuchen! Ich habe mit Roger so mitgelitten, wie es eben nur ein waschechter Fan tut. Da ich gleichzeitig das Spiel von Kei Nishikori – einem anderen Liebling von mir – gegen Novak Djokovic schauen wollte, hatte ich mich entschieden, nicht von meinem Privileg Gebrauch zu machen, ins Tennisstadion zu gehen, sondern die beiden Matches im Büro zu schauen. Und dann dies: Nishikori scheitert trotz solider Gegenwehr an Djokovic. Einer meiner Jobs ist es, nach den Matches sofort die sogenannte Push-Meldung, die man jeweils aufs Handy bekommt, abzuschicken. Und ich habe bei dieser kinderleichten Aufgabe total versagt. «Novak Djovokic nach zähem Kampf im Halbfinal» habe ich der Schweiz mitgeteilt. DJO-VO-KIC. An dieser Stelle möchte ich mich dafür in aller Form bei allen «Nole»-Fans und Push-Empfängern da draussen reumütig entschuldigen.

Ich war einfach viel zu sehr auf Federers Spiel fokussiert. Der Puls ging hoch und runter. Der dünne, fade Journikaffee floss in rauen Mengen. Ich stand auf, tigerte rum, setzte mich wieder. Ich schüttete Wasser über meine Hose, provozierte Blicke meiner Kollegen durch nervige Fingernagel-Auf-Zahn-Geräusche und das Schlimmste dabei: Ich war der einzige im Raum, der für Federer war. Um mich herum alles Journalisten, die den Langweiler Anderson mit seinem Hau-Drauf-Tennis anfeuerten. Und zwar alle aus demselben Grund: Wenn Roger «rausfault», dann gibt das eine gute Story. Und die bekamen sie dann ja auch. Roger out, Nishikori out, Del Potro out und mein Stimmungs-Barometer lag etwa bei -52. So trottete ich nach getaner Arbeit gebrochen nach Hause, wo mich mein Host-Vater Joe mit Essen, Bier und verbalen Schulterklopfern zur zweiten Halbzeit des WM-Matches England – Kroatien empfing.

Eines dieser kleinen Dinge, die Wimbledon ausmachen. Leider war ihr Wasser dann doch cooler...
Bild: ZVG

Das völlig übertriebene Mitbringsel

«Unser» England führte 1:0. Das Stimmungs-Barometer stieg leicht an auf -22. Ich sage zu Joe: «Mein Tag war sportlich gesehen ein solches Desaster, es würde mich nicht wundern, wenn jetzt auch noch Kroatien gewinnen würde». Sekunden später erzielte Perisic das 1:1 für «Hrvatska». Joe, dem Fussball normalerweise am Allerwertesten vorbeigeht, lief in Sachen Kraftausdrücke erneut zu Höchstform auf.

Als dann, nach dem 2:1 Kroatiens, ein Jubel-Gruss meines halbkroatischen Chefs unser Wohnzimmer erreichte, wäffelte Joe: «Und ich trinke tatsächlich noch diesen Grappa von euch, obwohl dein Chef ein 'bloody' Kroate ist!?». Natürlich meinte er es mit Humor. Dazu muss man wissen: Mein Chef hatte mich vor meiner Abreise gebeten, Joe als Mitbringsel einen Grappa mitzunehmen – auch in seinem Namen.

So ging ich zu meinen Lieblingsitaliener «Rocco» und liess mich dort beraten. Und da ich absolut keine Ahnung von diesem Gebräu habe und mich vor Joe nicht blamieren wollte, habe ich einfach den teuersten gekauft. Ein seltener Tropfen, edel eingepackt in einen dunkelroten Sarg aus Kirschbaumholz-Imitat. Für schlappe 115 Eier. Ich einigte mich mit meinem Chef, dass dies zwar total übertrieben ist, aber Joe sicher seine Freude daran habe. Und das hatte er auch. Er war, gelinde gesagt, aus dem Häuschen. Nun gut, Joe hatte also seinen luxuriösen Grappa. Ich meine billigen Bierchen. Vom enttäuschenden Sporttag erholten wir uns bei einer Filmhälfte «Pulp Fiction» und torkelten dann beide ins Bett – meine Stimmungs-Barometer zeigte verschwommene -12.

Das völlig übertriebene Mitbringsel für Joe, den Grappa-Nipper.
Bild: ZVG

Wie ich den Blues besiegte

Heute Morgen gings mir auch noch nicht wirklich besser. Anstatt wie üblich diese Woche meiner «Gute Laune»-Playlist zu frönen, war heute Blues angesagt. Die Erdbeeren am Frühstückstisch waren plötzlich wässrig und auch den Kaffee schlürfte ich total lustlos. Barometer auf -5. Dann dachte ich mir: «Komm, geh auf die Anlage und geniesse weiterhin dein Privileg». Immerhin spielte dort noch eine Schweizer Juniorin und dieses Match wollte ich mir noch anschauen. Und wow, die beiden Junioren legten los wie die Feuerwehr! Oder wie es ein deutscher Journalist diese Woche bei einem anderen Match mal formulierte: «Mein lieber Scholli, das geht aber Rucki-Zucki!».

Kämpfte beherzt und erfolgreich: Juniorin Leonie Küng
Bild: ZVG

Wie diese 17-jährige Leonie Küng kämpfte, rannte und zauberte, war ein wahrer Tennisgenuss. Viele spektakuläre, spannende Ballwechsel. Mit das beste Match, das ich diese Woche gesehen habe. Hinter mir, Passanten, die mit Halbwissen glänzten, wie etwa der Mann zu seiner Frau: «Das ist keine echte Schweizerin, sie muss Chinesin sein. Ihr Nachname ist Kung» – dabei schreibt sie sich im englischen halt einfach ohne Umlaut. Ich sagte nichts dazu und lachte laut heraus.

Und plötzlich war sie wieder da, meine Freude und Begeisterung für dieses wunderschöne Turnier. «Verdammt du bist in Wimbledon, Roman. Reiss dich zusammen!». Endlich war das Stimmungs-Barometer wieder im Plus! Ausrufezeichen! Mehr Ausrufezeichen!! Ich erinnerte mich plötzlich wieder an unzählige tolle Dinge, die ich in dieser Zeit hier erlebt und gesehen habe. Oft kleine Dinge. Etwa, wie der Staff jeden Morgen, bevor die Horde Zuschauer die Anlage stürmt, jede einzelne Zaunlatte um die Plätze herum abstaubt. Oder wie jedes Blümchen, das nicht mehr perfekt blüht, liebevoll ausgetauscht wird.

Oder wie du dich durch die Leute kämpfst und plötzlich wirst du trotz stahlblauem Himmel von einem gigantischen Schatten überzogen: 2.08-Meter-Riese John Isner läuft an dir vorbei. Oder wenn du in der Menschenmenge um 14 Uhr Nachmittags einem englischen Teenager über den Weg läufst, der mit einer dreiviertel-leeren Weissweinflasche durch die Massen schwankt und «Come On Andy!» schreit, in Anlehnung an den Einheimischen Andy Murray, der dieses Jahr verletzungsbedingt gar nicht am Start war.

Ubaldo stellt die «besten» Fragen

Oder wenn der italienische Tennis-Journalist mit dem klingenden Namen Ubaldo Scanagatta an der Pressekonferenz eine seiner legendären Fragen stellt, die übersetzt etwa wie folgt lauten könnte: «Ich habe recherchiert, dass in 68 Prozent der Fälle von über 25-jährigen Tennisspielern, die einen Ball im Jahresdurchschnitt weniger als zweieinhalb Meter hoch werfen, den Ball nicht schlagen, sondern es vorziehen, ihn in den meisten Fällen mit drei Fingern der linken Hand wieder zu fangen, falls ein Windstoss von über 12,6 km/h über den Platz fegt – dies beschränkt sich hier in Wimbledon aber nur auf die Plätze, die umzäunt sind mit Holzlatten von einer Mindesthöhe von 2 Metern und 20 Zentimetern. Was sagen sie dazu, Herr Nadal?»

Oder wenn du einen Blog schreibst, und Ni, dein chinesischer Sitznachbar, wieder mal mit einer vollen Einkaufstasche von seinem harten Arbeitstag zurückkommt – was jetzt gerade der Fall ist. Übrigens hat mich der gute Ni gestern bei meinem Leiden während des Federer-Matchs immer wieder beobachtet, vor sich hin gekichert und dann in sein Handy getippt. Die Vermutung liegt nah: Er macht genau dasselbe wie ich. Er macht sich lustig über die pummlige Langnase, die neben ihm sitzt und fragt sich, was ich eigentlich den ganzen Tag lang hier mache.


Über den Autor
Roman Müller arbeitet seit bald 20 Jahren als Sportjournalist. Er ist seit früher Kindheit mit dem Tennissport verbunden. Als Spieler hat er es nie über R8 herausgebracht, trotz seiner gefürchteten Vorhand und wohl auch wegen kaum vorhandener Trainingsdisziplin. Als Tennisfan ist er jedoch als N1 einzustufen. Er ist stolzer Besitzer von 36 Roger-Federer-Caps, die er nicht sammelt, sondern trägt und somit natürlich befangen ist, was das Thema RF anbelangt. Seine Lieblingsfarben sind Violett und Grün, seine Lieblingszahlen 15, 30 und 40.

Ich bin der Mann mit Hut ... also der, der in die Kamera schaut.
Bild: ZVG
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