Stan Wawrinka: Die neue Kultfigur der Tennis-Tour

von René Weder

20.6.2019

Geniesst seinen Status und das Leben auf der Tour: Stan Wawrinka.
Bild: Screenshot Twitter

Viel zu lange stand Stan Wawrinka im Schatten Roger Federers. Gewiss hat der dreifache Grand-Slam-Sieger auch heute nicht die globale Anziehungskraft des Jahrhundertsportlers, doch auf seine alten Tage wird der Lausanner zusehends zum Publikumsliebling in den Tennisstadien dieser Welt. «Bluewin» nennt die Gründe.



Wer ganz weit oben war, zurückfiel und sich schliesslich mit eiserner Disziplin wieder nach vorne kämpft, braucht sich um die Anerkennung der Fans nicht zu sorgen. Das war im Sport schon immer so: Es ist der Stoff für grosse Geschichten.

Das ist auch bei Stan Wawrinka (34) nicht anders, der schon vor den French Open, aber erst recht seit seinem Kraftakt gegen Stefanos Tsitsipas im Achtelfinal des Grand-Slam-Turniers gelöster und zugänglicher wirkt als je zuvor. Die Strapazen und die Schinderei im Training zahlen sich tatsächlich noch einmal aus. Entgegen den Befürchtungen vieler Beobachter.



Vom kühlen Stan zum Sympathieträger – oder eben «Stan The Man»

Wawrinka mag durchaus auch Momente des Zweifels durchlebt haben, aber tief im Innern verlor er auf seinem Weg zurück an die Spitze nie den Glauben an eine erfolgreiche Rückkehr. Auch dann nicht, als man in der Weltrangliste weit zurückblättern musste, um seinen Namen auf Position 263 zu finden. Inzwischen ist der Westschweizer wieder unter den Top 20 angekommen. Tendenz steigend.

Wie gut dieser Tage Stan Wawrinka körperlich und mental unterwegs ist, zeigt sich auch an den Fever Tree Championships im Londoner Queen’s Club, wo er am Mittwoch Dan Evans eliminierte und heute Mittwoch im Achtelfinal auf den Franzosen Nicolas Mahut trifft. Generell lässt sich festhalten, dass der Olympiasieger im Doppel von 2008 und Davis-Cup-Gewinner von 2014 zu einem Sympathieträger gereift ist, der die Schweiz in der Tennis-Welt ebenso gut vertritt wie sein kongenialer Kompagnon aus Basel. Das hat seine Gründe.


▶️ Lockerheit auf Pressekonferenzen
Galten in früheren Jahren die Pressekonferenzen von Stan Wawrinka als tendenziell langweilig und boten wenig Mehrwert, fühlt sich der Waadtländer inzwischen viel wohler, die Fragen der Journalisten zu beantworten. Er bleibt im Triumph respektvoll und in der Niederlage fair. Er passt seine Auftritte dem Publikum an. Jüngst stellten ihm einige Kinder ein paar Fragen, das Resultat ist gleichsam unterhaltend wie sympathisch:

Schüler: Auf einer Skala von eins bis fünf Sternen, wie viele hast du?
Wawrinka: Wer hat fünf Sterne für dich?
Schüler: Djokovic.
Wawrinka: Ah, Djokovic. Und wie viele hat Roger, vier?
Schüler: Ja, vier Sterne.
Wawrinka: Und Rafa?
Schüler: Einen.
Wawrinka: Gut, dann habe ich null Sterne.


▶️ Interaktion auf Social Media – Wawrinka teilt sein Leben mit den Fans
Vielleicht ist es eine böse Behauptung, aber zumindest vorstellbar ist, dass das Leben der Tennis-Stars abseits der grossen Courts relativ unspektakulär abläuft. Das ist auch bei Wawrinka so, der zugegebenermassen viele Storys postet, die belegen, dass die Zeit zwischen Turnieren und Trainings auch langweilig sein kann. Aber es gibt Ausnahmen: Wawrinka verkauft sich immer besser auf Social Media, beantwortet in regelmässigen Frage-Antwortspielen noch so persönliche Fragen der Fans und zeigt sein Leben zwischen Spitzensport und Promi-Dasein. Dazu beweist er zunehmend Humor und eine erstaunliche Offenheit. Das kommt an.


▶️ Das Spiel mit dem Publikum
Auf dem Court spiegelt sich die Lockerheit von Wawrinkas Social-Media-Aktivitäten immer öfter: Im Spiel gegen Stefanos Tsitsipas heizt er die Stimmung an, animiert das Publikum. Nach seinem souveränen Zweirundensieg gegen den Chilenen Cristian Garin zeigt er ein grosses Herz, als er einen weinenden Jungen aus der Autogramm jagenden Menge rettet. Unvergessen auch der Moment 2016, als Wawrinka während eines «Medical Time Out» von Viktor Troicki einen Balljungen fragt, ob dieser ein paar Bälle mit ihm spielen möchte. Das Publikum quittiert die Aktion mit tosendem Beifall.


▶️ Wille vor Talent
«Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser» – keine weiteren Fragen. Wer diesen Satz als Leitbild nimmt und ihn sich auf den Unterarm tätowiert, ist bereit zu leiden – Talent in Ehren.

Nicht jedes Tattoo macht Sinn. Bei Stan Wawrinka machen wir eine Ausnahme.
Bild: Keystone

▶️ Die schönste Rückhand auf der Tour
Über Stan Wawrinkas Rückhand wird viel gesprochen. Aber Worte können kaum ausdrücken, wie schön das einhändig vorgeführte Kunstwerk tatsächlich ist. Deshalb: zurücklehnen und geniessen. 


▶️ Fairness und Demut
Ob nach der Viertelfinal-Niederlage gegen Roger Federer in Paris oder dem Finalsieg gegen einen angeschlagenen Rafael Nadal an den Australian Open 2014: Stan Wawrinka akzeptiert den Ausgang einer Partie und zeigt Grösse. Der Westschweizer steht für viele Werte, die im Sport zentral sind. Sympathiepunkte holte er auch am Dienstag im Spiel gegen Dan Evans: Im ersten Satz rutschte dieser beim Stand von 1:3 aus und ging zu Boden. Erster Helfer: Stan Wawrinka. Auch hat er sich zu keinem Zeitpunkt seiner Karriere über die grossen Helden seines Sports gestellt, für Wawrinka war immer klar: Nadal, Djokovic und Federer sind zwar zu schlagen, haben aber mehr erreicht.


▶️ Drei Grand-Slam-Titel
Heinz Günthardt, Jakob Hlasek oder Marc Rosset sorgten für Glücksgefühle bei den Schweizer Tennis-Fans in den 80er und 90er Jahren. Dann kam Martina Hingis und holte insgesamt fünf Major-Siege im Einzel. Niemand konnte damals ahnen, dass mit Roger Federer die ganz grosse Schweizer Nummer noch folgen würde. Wawrinka wurde in dessen Schatten gross und bringt es Stand heute auf drei Grand-Slam-Siege. Seit 2000 holten nur drei Spieler mehr grosse Titel als Wawrinka: Federer, Nadal und Djokovic. Was der Waadtländer in der Weltsportart Tennis erreicht hat, kann nicht hoch genug eingestuft werden.

Drei Grand-Slam-Titel in drei Jahren: Stan Wawrinka gälte wohl als erfolgreichster Schweizer Sportler der Geschichte, wäre da nicht Roger Federer.
Bild: Wikipedia

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