«Dieses Jahr habe ich gelernt, dass man sich selbst keine Grenzen setzen muss»

Von Nicolò Forni

14.9.2021

Ajla Del Ponte möchte das besondere Ereignis der Castelli-Gala geniessen. 
Bild: Keystone

An den Olympischen Spielen in Tokio sorgte Ajla Del Ponte mit einem neuen Schweizer Rekord über 100 Meter für Furore. blue Sport spricht mit der Tessiner Sprinterin über ihre fantastische Saison, die Schweizer Leichtathletik und ihre Zukunft.

Von Nicolò Forni

14.9.2021

Ajla Del Ponte, unabhängig von Ihren Resultaten, was war Ihr Highlight bei den Olympischen Spielen?

Ich würde sagen das Hochsprungfinale mit Tamberi und Barshim. Es war der symbolische Moment dieser Spiele. Auch die Freundlichkeit der Japaner, die uns trotz der schwierigen Situation ein gutes Gefühl gaben. Tokio 2020 war zweifelsohne eine tolle Erfahrung auf menschlicher Ebene.

Ist der Druck bei einem Staffellauf grösser als bei einem Einzelrennen, weil man nicht nur für sich selbst rennt?

Der Druck ist definitiv grösser, weil man keine Fehler machen will. Man läuft für drei andere Leute, für das ganze Team, für den Trainer, aber auch für die ganze Schweiz. Der Druck ist grösser, aber auch die Motivation.

Wie erleben Sie den internen Wettbewerb mit Mujinga Kambundji?

Ich glaube, die Medien leben das viel leidenschaftlicher als wir aus (lacht). Wenn wir im Wettkampf sind, konzentrieren wir uns auf unsere Leistung, unabhängig davon, wer neben uns auf der Bahn steht. Es ist ein tolles Bild für die jungen Schweizerinnen und Schweizer, um ihnen zu zeigen, dass zwei Sportlerinnen aus einer kleinen Nation in einem olympischen Final stehen können. Die am stärksten vertretene Nation nach Jamaika war die Schweiz.

Das wichtigste Ereignis des Jahres waren die Olympischen Spiele. Oft kommt es bei Athleten danach zu einem Leistungsabfall, was bei Ihnen nicht der Fall war ...

Als Sportler wollen wir bei jedem Wettkampf unser Bestes geben. Natürlich waren die Olympischen Spiele der Höhepunkt, aber da wir in diesem Jahr so gut in Form sind, wollen wir das Beste daraus machen und weiterhin an Wettkämpfen teilnehmen und Spass haben.

Der Schweizer 4x100-m-Staffel mit Ajla Del Ponte, Salomé Kora, Riccarda Dietsche und Mujinga Kambundji (von links) schafft in Tokio Historisches, verpasst aber die Krönung in Form einer Medaille
Der Schweizer 4x100-m-Staffel mit Ajla Del Ponte, Salomé Kora, Riccarda Dietsche und Mujinga Kambundji (von links) schaffte in Tokio Historisches, verpassten aber die Krönung in Form einer Medaille haarscharf.
Bild: Keystone

In einem Jahr haben Sie Ihre Bestzeit um 18 Hundertstel verbessert und sind in La Chaux-de-Fonds die 100 m in 10,90 Sekunden gelaufen. In Tokio waren Sie nur ein Hundertstel langsamer. Wie sehr können Sie sich noch verbessern?

Ich hoffe, mindestens weitere 18 Hundertstel (lacht). Was ich in diesem Jahr gelernt habe, ist, dass man sich keine Grenzen setzen sollte. Wir werden am Ende meiner Karriere sehen, was mein Limit war.

Heute nehmen Sie in Bellinzona an der «Gala dei Castelli» teil. Was erhoffen Sie sich dort?

Es war immer ein sehr wichtiger Event für mich. Denn ich weiss, dass die Leute auch kommen, um mich zu sehen, um die Tessiner Sportler zu sehen. Es ist schön, die Saison mit einem solchen Treffen zu Hause abzuschliessen. Ich möchte ein gutes Rennen laufen, um dem Heimpublikum einen schönen Abend zu bereiten. Das ist eine tolle Motivation und auch eine schöne Art, diese unglaubliche Saison zu Hause zu beenden. Das ist etwas ganz Besonderes.

Glauben Sie, dass Sie anders empfangen werden als in den vergangenen Jahren?

Wahrscheinlich ja, denn im letzten Jahr habe ich mich sehr verbessert. Ich merke das auch in meinem Alltag – es gibt viel mehr Leute, die mit mir reden wollen, oder auch nur Hallo sagen oder mir gratulieren. Ja, es wird dieses Jahr in Bellinzona wahrscheinlich anders sein.

Was halten Sie von diesen Veränderungen?

Man muss sich einfach an die neue Situation gewöhnen. Es ist nicht so, dass es mich stört oder dass ich es besonders mag. Ich bin eine sehr diskrete Person, ich mag ein normales Leben, in dem ich herumlaufen kann, ohne ständig erkannt zu werden. Das heisst nicht, dass es anders schlecht ist, im Gegenteil. Es macht mir grosse Freude, wenn die Leute ihre Emotionen mit mir teilen und mir sagen, wie sie sich gefühlt haben, als sie mich im Wettkampf gesehen haben. Das gibt mir eine Menge Motivation. 

Wie sehr helfen neue Schuhmodelle wie zum Beispiel Vaporfly?

Die technologische Entwicklung hilft uns natürlich. Aber ich denke, wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns in einem olympischen Jahr befinden und die Leistungen automatisch höher sind, weil der Wettbewerb zwischen den Athleten auf dem Höhepunkt ist. Und was die Frauen betrifft, so haben wir jetzt viel mehr Erfahrung in der Ausbildung und auch in der Erholung. Zudem ist es nun einfacher, eine berufliche Laufbahn einzuschlagen. Man muss all diese Faktoren berücksichtigen, deshalb würde ich die Erfolge und schnellen Zeiten nicht auf die neuen Schuhe beschränken.



Usain Bolt sprach in einem Interview von einer ungerechten Hilfe. Wie sehen Sie das?

Wenn Bolt noch ein aktiver Sportler gewesen wäre, hätte er die neuen Schuhe auch getragen (lacht). 

Sie tragen schon seit ein paar Jahren spezielle Socken beim Laufen. Sind Sie abergläubisch?

Ich laufe schon seit einigen Jahren mit besonderen Socken: Pokémon, Star Wars, Herr der Ringe – ich trage immer Socken, die etwas Besonderes sind. Es ist nicht so, dass ich denke, wenn ich eines Tages ohne diese speziellen Socken laufe, geht alles schief. Daher würde ich also nicht unbedingt sagen, dass ich abergläubisch bin.

Ajla Del Ponte hat einen neuen Schweizer Rekord über 100 Meter aufgestellt..
Ajla Del Ponte hat einen neuen Schweizer Rekord über 100 Meter aufgestellt..
Bild: Keystone

Einige 100-m-Spezialisten laufen auch die 200 m. Ist das für Sie auch ein Thema?

Ich bin in diesem Jahr ein 200-m-Rennen gelaufen und bin damit in dieser Saison die drittschnellste Europäerin. Deshalb ist es sicherlich auch ein Thema für mich. Ich wäre gerne mehr über 200 m gelaufen. Normalerweise laufe ich die Distanz zwischen Mai und Juni, weil mir das bei der Vorbereitung auf die 100 Meter hilft. Leider konnte ich in diesem Jahr nach meiner Covid-Erkrankung kein spezifisches Training absolvieren, weshalb wir die Idee verwarfen. Es wird aber auf jeden Fall ein Thema für die nächsten Jahre sein. Mit meiner aktuellen Zeit (22,38 Sekunden, Anm. d. Red.) bin ich gut in der europäischen und der Weltelite dabei.

Mit Ihnen und Ricky Petrucciani hat das Tessin gleich zwei Spitzenathleten in der Leichtathletik. Wie ist das zu erklären?

Ricky und ich haben uns entschieden, auf der anderen Seite der Alpen zu trainieren. Wir haben beide gemerkt, dass es dort eine andere Professionalität gibt als im Tessin. Ricky ist etwas jünger als ich, aber er gehört zur gleichen Generation, die vom UBS Kids Cup profitiert hat. In Zusammenarbeit mit Swiss Athletics wurde dort die Leichtathletik vielen jüngeren Menschen nähergebracht, wodurch sich der Talentpool vergrössert hat – und wir sind beide aus diesem Projekt hervorgegangen.

Sie studieren Literatur in Lausanne. Was haben Poesie und Sprint gemeinsam?

Diese Frage wurde mir schon öfter gestellt und ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung (lacht). Ich wüsste nicht, wie man die beiden Sachen kombinieren könnte, und das ist ja das Schöne daran.

Was würden Sie einem jungen Mann oder einer jungen Frau sagen, die ihren Weg in der Welt der Leichtathletik machen will?

Nimm dir Zeit. Nicht alles muss sofort kommen und nicht alle Talente explodieren zur gleichen Zeit. Vergleiche deine Ergebnisse nicht mit denen einer gleichaltrigen Person. Man muss sich auf sich selbst konzentrieren, einen Schritt nach dem anderen machen und dann wird alles so sein, wie es sein soll.

Wenn Sie drei Dinge auf eine einsame Insel mitnehmen könnten, was würden Sie mitnehmen?

Auf jeden Fall ein Buch, ein Grammofon, um Musik zu hören, und Sonnencreme (lacht).