Gesucht: Der unumstrittene Weltmeister

12.6.2019 - 17:52, René Weder

Joshua, Ruiz, Wilder, Fury: Ein Quartett will den Vollerfolg.
Bild: Keystone

Lange waren die Aussichten im Schwergewichtsboxen nicht mehr so verheissungsvoll wie dieser Tage. Gleich vier Kämpfer erheben Anspruch auf den Titel des «Undisputed Champion». «Bluewin» bringt Licht in den Boxkeller.

Mit dem sensationellen Sieg von Andy Ruiz Jr. gegen Anthony Joshua wurden die Karten im Schwergewichtsboxen neu gemischt. Wer sind die vier Akteure, die den Boxsport in den kommenden Monaten prägen werden? Ein Blick hinter die Ringecken.


   GB

Kampfname: The Gypsy King

Tyson Fury

Alter: 30 (Geb. 12. August 1988)
Gewicht: 117 Kilogramm
Grösse: 2,06 Meter
Reichweite: 2,16 Meter
Stil: Linksauslage*
Kampfbilanz: 27-0-1 (Siege, Niederlagen, Unentschieden)
Aktuelle Titel: Keine

Tyson Fury ist ein Mann zwischen Genialität und Wahnsinn. Der Boxer aus Manchester hat Ecken und Kanten wie kein anderer seiner aktuellen Kontrahenten. Erstmals boxt er sich 2015 mit seinem Sieg gegen Wladimir Klitschko in die Schlagzeilen. Vom Grosserfolg geblendet und selbst überrascht, gerät Fury aus der Bahn, kämpft mit Depressionen und konsumiert Drogen. «Reichlich Kokain», wie er selber sagt. Der Brite, dreifacher Familienvater, sagt auch heute, dass sein grösster Gegner immer die dunklen Dämonen in seinem Kopf bleiben würden. Fury kämpft leidenschaftlich, teilt gerne auch verbal aus, schiesst dabei bisweilen auch über das Ziel, was wohl seiner Schlagfertigkeit geschuldet ist. Verfügt über einen äusserst unterhaltsamen Boxstil und flachst gerne während seiner Kämpfe wie einst Muhammad Ali.

«Ich kämpfe bis zum Tod. Aufgeben ist nie eine Option für mich. Mein Körper lässt das Gefühl des Aufgebens nicht zu. Egal gegen wen und wo ich kämpfe. Ich weiss immer, dass ich den nächsten Kampf gewinnen werde», sagt Fury kürzlich in einem Interview mit «ESPN». Er bezeichnet sich als linearen Weltmeister, da er seine im Kampf gegen Wladimir Klitschko errungene Titel wegen Drogenkonsums mit einhergehender Dopingsperre kampflos abgeben musste. Unter Experten gilt der lineare Weltmeister aber als einzig wahrer Titel, wenngleich Fury derzeit keinen der vier wichtigen Gürtel (WBA, WBC, WBO, IBF) besitzt. Im Leben ging Fury wiederholt K.o. – im Boxring ist er ungeschlagen. In der Nacht auf Sonntag kämpft er in Las Vegas gegen den deutschen Aussenseiter Max Schwarz. Mit einem Sieg verbessern sich die Aussichten auf ein Duell mit einem der folgenden Boxer.


   GB

Kampfname: AJ

Anthony Joshua

Alter: 29 (Geb. 15. Oktober 1989)
Gewicht: 113 Kilogramm
Grösse: 1,98 Meter
Reichweite: 2,08 Meter
Stil: Linksauslage*
Kampfbilanz: 22-1-0 (Siege, Niederlagen, Unentschieden)
Aktuelle Titel: Keine

Der Olympiasieger von London 2012 im Superschwergewicht ist unglaublich austrainiert und holt die ersten Punkte normalerweise bereits beim offiziellen Wiegen, wo er seine Gegner wie Amateursportler aussehen lässt. Joshuas Erscheinung ist eine Mischung aus Kampfmaschine und Traumschwiegersohn. Bis zum Kampf gegen Andy Ruiz Jr. hatte keiner seiner 22 Profi-Gegner etwas zu bestellen. Er boxt taktisch extrem versiert, geht wenig Risiken ein und sucht als muskulöser Athlet gerne den Infight, um seine enorme Schlagkraft wirkungsvoll einsetzen zu können.

Zudem ist Joshua bekannt für seine Fähigkeit, blitzschnell von der Defensive in die Offensive zu schalten. Wie er den Kampf gegen Ruiz Jr., der nur als Lückenbüsser für den des Dopings überführten vorgesehenen Gegner Jarrel Miller eingesprungen war, verlieren konnte, bleibt bis heute rätselhaft. Hat Joshua sein Gegenüber unterschätzt? War er nicht bei der Sache? Hatte er falsch trainiert? Ob Ruiz Jr. tatsächlich so stark ist, wird sich beim Rückkampf (voraussichtlich Ende Jahr) zeigen.

Joshua sorgte in den Anfängen seiner Profikarriere für Schlagzeilen, weil er trotz des grossen Erfolgs und des einhergehenden Reichtums weiterhin bei seiner Mutter wohnte. Für die Familie lief indessen nicht immer alles plan- und wunschgemäss ab. Joshua rutschte als Jugendlicher in seiner Heimat Watfort ins kriminelle Milleu ab, wurde mit Drogen erwischt und entging vor seinem Olympiasieg in London nur knapp einer mehrjährigen Haftstrafe. Inzwischen kanalisiert er seine Energie im Ring – und ist damit äusserst erfolgreich.


   US

Kampfname: The Bronze Bomber

Deontay Wilder

Alter: 33 (Geb. 22. Oktober 1985)
Gewicht: 96 Kilogramm 
Grösse: 2,01 Meter
Reichweite: 2,11 Meter
Stil: Linksauslage*
Kampfbilanz: 41-0-1 (Siege, Niederlagen, Unentschieden)
Aktuelle Titel: WBC

Gilt als unorthodoxer Boxer mit grosser Schlagkraft und als sportliches Multitalent. Verpasste es aber, seinen Traum des Profibasketballers zu verwirklichen. Holte vier Jahre vor Joshua in Peking 2008 eine olympische Medaille, bevor er zu den Profiboxern wechselte und sich dort schnell einen Namen machte.

Der furchtlose Linksausleger verfügt über einen ausgeprägten «Killerinstinkt», dessen forsche Aussagen auch schon medial für Aufsehen sorgten. So sprach Wilder vor einigen Jahren davon, einen Gegner dereinst im Ring töten zu wollen, was ihm glücklicherweise bis heute nicht gelungen ist. Wilder hat nicht die Brillanz eines Furys oder die Wucht eines Joshuas, aber er gilt als extrem beweglicher und schneller Boxer. Beeindruckend ist seine Bilanz in Sachen K.o.-Siege: 40 von 42 Kämpfen gingen nicht über die volle Distanz. Beanstanden könnte man, dass viele dieser Siege gegegen krasse Aussenseiter realisiert wurden und Wilder vornehmlich in der Heimat gegen Landsmänner boxte, wenngleich er den Fächer in den letzten Jahren öffnete und auch gegen Kämpfer aus Übersee antrat.

Wilder ist der älteste der hier porträtierten Sportler, entsprechend hat er auch am meisten Kämpfe absolviert und dabei eine fast makellose Statistik. Einzig das Remis gegen Fury im Dezemer 2018 mag als Eintrag im Reinheft bezeichnet werden können. Auch in diesem Kampf ging sein Gegner allerdings zu Boden. Und zwar gleich zwei Mal. Nichtsdestotrotz war für viele Experten Fury der eigentliche Gewinner des Kampfs, da er technisch einfach der bessere Boxer war. Ein Rückkampf ist wohl nur eine Frage der Zeit – und letztlich auch davon abhängig, wie sich Ruiz Jr. und Joshua bei ihrem zweiten Recontre schlagen und so den Weg für Fury oder eben Wilder für einen grossen Kampf ebnen. 


   US

Kampfname: The Destroyer

Andy Ruiz Jr.

Alter: 29 (Geb. 11. September 1989)
Gewicht: 122 Kilogramm
Grösse: 1,88 Meter
Reichweite: 1,88 Meter
Stil: Linksauslage*
Kampfbilanz: 33-1-0 (Siege, Niederlagen, Unentschieden)
Aktuelle Titel: WBA, IBF, WBO, IBO

Diesen Mann hatten bis vor kurzem nur die Wenigsten auf der Rechnung. Der US-Amerikaner aus Kalifornien mit mexikanischen Wurzeln ist rein optisch so etwas wie der Antipode Anthony Joshuas. Mit einigen Kilogramm zu viel um Bauch und Hüften ist Ruiz nicht gerade der Inbegriff des modernen Boxers.

Doch der Linksausleger, gerne auch als «Dickerchen» verspottet, hat die Hackordnung im Schwergewichtsboxen auf den Kopf gestellt. Der bekennende Snickers-Liebhaber mit den wabernden Hüftringen und dem stattlichen Gewicht von 122 Kilogramm stiess Schwergewichts-König Anthony Joshua am 1. Juni im ehrwürdigen Madison Square Garden brutal vom Thron. Viermal schickte er den Briten auf dei Bretter, ehe der Ringrichter Joshua erlöste. Das Verdikt: Technischer K.o. in der siebten Runde. Auf einen Schlag war der 1:25-Aussenseiter Weltmeister der grossen Verbände IBF, WBO und WBA sowie der weniger bedeutsamen IBO. 

«The little fat kid» (Das kleine dicke Kind), wie sich Ruiz gar selbst nennt, schafft damit eine jener Ring-Sensationen, wie sie James «Buster» Douglas 1990 gegen Mike Tyson, Hasim Rahman 2001 gegen Lennox Lewis und Corrie Sanders 2003 gegen Wladimir Klitschko gelungen waren und sicherte sich damit einen Eintrag in die Geschichtsbücher des Boxens. 

Mit Spannung wird nun der Rückkampf im Winter erwartet. Schauplatz dürfte dannzumal das Wembley-Stadion in London sein.


* Beim Linksausleger sind das linke Bein und die linke Hand näher am Gegner. Oft wird das durcheinander gebracht, denn Linksausleger sind Rechtshänder. Die starke rechte Hand ist die Schlaghand, während die linke Hand als Führhand geschlagen bzw. geführt wird. Dieser Typ wird als Linksauslage bezeichnet.


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