Hamilton: «Ich kämpfe gegen bestimmte Dämonen»

lbe

5.11.2019

Im Moment des Triumphs auch nachdenklich: Lewis Hamilton.
Bild: Getty

In überragender Manier gewinn Lewis Hamilton in Austin seinen sechsten Titel in der Formel 1 und jagt nun den Rekord von Michael Schumacher. Trotz der erfolgreichen Saison spricht der Brite von einem schwierigen Jahr.

Es ist der nächste Meilenstein in einer grossartigen Karriere: Dank einem zweiten Platz in Austin wird Lewis Hamilton in seiner 13. Saison zum sechsten Mal Formel-1-Weltmeister und hat damit nur noch einen Titel weniger auf dem Konto als Rekordhalter Michael Schumacher. Selbst Erzfeind Sebastian Vettel findet nur lobende Worte für den Briten: «Jetzt ist der Zeitpunkt, so viele gute Sachen zu schreiben, wie ihr könnt. Wenn jemand sechsmal den Titel gewinnt, dann verdient er das», sagte der Ferrari-Pilot und fügt an: «Ich freue mich sehr für ihn, aber nicht für uns, weil wir so weit hinterher waren.»

Tatsächlich scheint Mercedes die Szene in dieser Saison nach Belieben zu dominieren – wie eigentlich immer seit Beginn der Turbo-Hybrid-Ära vor sechs Jahren. Die Silberpfeile ergattern in dieser Zeitspanne in 119 Grands Prix 88 Siege, was einer Erfolgsquote von fast 74 Prozent entspricht. Dennoch beteuert der frischgebackene Weltmeister an der Pressekonferenz, in diesem Jahr hart gefordert worden zu sein: «Dieses Auto war nicht einfach. Wir starteten in Melbourne in die Saison und dachten, wir haben Rückstand. Bei Saisonhälfte lagen wir zurück und die zweite Saisonhälfte war eine echte Challenge – mit dem Kampf gegen Ferrari und Red Bull wohl die schwierigste, die wir als Team hatten.»



«Ich fühle mich geehrt»

Dementsprechend gross ist Hamiltons Wertschätzung für die Arbeit seiner Teamkollegen. «Es gab in der Vergangenheit keinen einzigen Fahrer, der einen Titel gewonnen hat, ohne ein grossartiges Team um sich herum zu haben. Es gibt auch keinen Tennisspieler, der ohne ein grossartiges Team einen Titel gewonnen hat. Das gehört zum Spiel.» Er selbst sei nur ein Teil einer ganzen Kette und trage mit Stolz seinen Teil zum Erfolg bei. «Ich fühle mich geehrt und bin zufrieden mit meinem Beitrag. Dass ich helfen konnte, das Team bei der Entwicklung in die richtige Richtung zu lenken.» 

Dies will Hamilton auch in der kommenden Saison wiederholen – und so eine Marke egalisieren, die er selbst bis vor kurzem nicht für möglich gehalten hat: den Rekord von Michael Schumacher. «Ich arbeite an einem Meisterwerk und habe es noch nicht ganz fertig. Es braucht viel Zeit, sein Handwerk zu beherrschen. Und während ich das Gefühl habe, dass ich es beherrsche, gibt es immer noch mehr zu bewältigen.» Dennoch fühlt sich der 34-Jährige gerüstet für die kommenden Herausforderungen: «Es wird mehr Höhen und Tiefen geben auf diesem Weg. Aber ich habe das Gefühl, dass ich jetzt die besten Werkzeuge habe, um damit umgehen zu können.»

Auch Hamilton hat zu kämpfen

Doch Hamilton zeigt sich in diesem grossen Moment auch nachdenklich. In den vergangenen Monaten wird die Motorsport-Familie gleich von zwei Todesfälle erschüttert, die den Briten härter treffen als gedacht. «Ich dachte nicht, dass mich der Verlust von Niki (Lauda, Anm. d. Red.) so hart treffen würde. Ich vermisse ihn heute sehr und wusste nicht, wie sehr ich den Kerl liebte. (…) Das war ein harter Moment für uns.»

Genau wie der fürchterliche Unfall in der Formel 2, bei dem der 22-jährige Nachwuchspilot Anthoine Hubert Ende August sein Leben verliert. «Ich sah es im TV», sagt Hamilton. «Wenn so etwas passiert, kommen viele Zweifel auf.» Man fragt sich dann schon, ob es vielleicht Zeit wäre, mit dem Rennsport aufzuhören. «Es gibt ja auch ein Leben nach der Formel 1 - und ich will irgendwann eine eigene Familie haben.»

Der Brite will klarmachen, dass das Leben auch als sechsfacher Weltmeister nicht immer so leicht ist, wie es vielleicht aussieht. «Jede Reise ist anders. Jedes Jahr erlebst du eine andere emotionale Achterbahnfahrt, um dorthin zu gelangen, wo du hin willst. Jeder einzelne von uns hat im Leben mit etwas zu kämpfen. Was es auch immer sein mag: klein oder gross. Ich habe versucht, den Leuten zu zeigen, dass die Dinge von aussen immer gut aussehen – aber nicht immer gut sind», erkärt Hamilton und gibt zu: «Ich habe auch mit vielen verschiedenen Dingen Mühe und kämpfe gegen bestimmte Dämonen. Aber ich versuche, als Person ständig zu wachsen.»

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