Kommentar

Was machen wir mit den Gamern nach dem Lockdown?

Von Pascal Wengi

17.4.2020

Das wäre das perfekte Quarantäne-Gaming-Setup.
Bild: Fizx

Uns Gamer trafen die Massnahmen gegen Covid-19 nie besonders hart. Zuhause bleiben und soziale Kontakte meiden, das kannte ich als Gamer schon lange vor den Vorgaben des Bundesrates und des BAG. Mittlerweile wird Gamen auch von der WHO empfohlen und dadurch sind Gamer und ihr Gaming Content gefragter denn je. Doch was passiert eigentlich nach dem Lockdown?

Ich erinnere mich zurück an eine Zeit, als wir Gamer von der Gesellschaft geächtet wurden. Als in den Medien vor allem das Bild des verwahrlosten, übergewichtigen Einzelgängers vorherrschte und krampfhaft versucht wurde die ganze Videospiel-Industrie schlecht zu reden. Damals musste ich mein liebstes Hobby geheim halten. Denn wer zu Zeiten meiner Jugendjahre offen zugab, gerne zu gamen, war automatisch ein Verlierer, ein Sonderling. Nach und nach besserte sich die Situation um die Jahrtausendwende und mittlerweile ist das «Gamer-Sein» etwas salonfähiger. Dies ist nicht zuletzt auch «The Big Bang Theory» oder dem Marvel Cinematic Universe zu verdanken, die einen Hype um die Nerd-Kultur aufgebaut haben. Heute kann ich offen verkünden, dass ich ein Gamer und ein Nerd bin. Mehr noch: Ich verdiene sogar mein tägliches Brot mit Zocken.



Gaming wird salonfähig

Und dann kam Covid-19 und der Lockdown. Plötzlich ist zu Hause zu bleiben und seine Abenteuer am Bildschirm zu erleben nicht mehr ganz so doof, wie viele mir das über Jahre immer vorpredigten. Denn selbst die WHO rief zum Gamen auf. Was für ein Schritt für uns Gamer. Scheinbar jeder ist aktuell irgendwie ein bisschen am Zocken. Die Nintendo Switch ist seit Wochen in jedem Online Shop restlos ausverkauft und Nintendo musste kurzerhand die Produktionskapazität erhöhen, um die Nachfrage zu decken. Server in längst verlassenen Online-Games sind wieder prall gefüllt und beliebte Spiele wie «League of Legends» mussten Spieler in teils stundenlange Warteschlangen stecken, um der hohen Nachfrage gerecht zu werden. Die Streaming-Plattform Twitch verzeichnet Zuschauerzahlen in Rekordhöhe und die Streamer erfreuen sich an mitteilungsfreudigem Publikum.

In der aktuellen Lage werde ich sogar von ehemaligen militanten Videospiel-Gegnern angefragt, welches Game ich denn während des Lockdowns so als Zeitvertreib empfehlen würde. Es scheint so, als hätte die ganze Welt auf Anraten der WHO einstimmig beschlossen, Gamen nicht mehr zu verteufeln und sogar Gefallen daran zu finden. Irgendwie fühlt man sich als Gamer nun mehr als Teil dieser Gesellschaft als je zuvor.



Die Zeit danach

Doch eine Frage brennt mir unter den Nägeln: Was passiert eigentlich, wenn das alles vorbei ist? Hat das Coronavirus langfristige Auswirkungen auf unser Handeln und unser Denken? Ist irgendwann der Lockdown vorüber und die Leute bleiben trotzdem einfach gerne zu Hause, weil wir als Gesellschaft erkannt haben, dass wir Pre-Covid-19 doch sehr vieles taten oder nicht taten ohne ersichtlichen Grund? Als Beispiel Homeoffice, welches viele Vorgesetzte zu lange als Ding der absoluten Unmöglichkeit und Grund zum Faulenzen angesehen, aber nun erkannt haben, dass dies viele Vorteile mit sich bringt. Erinnert sich die WHO dann plötzlich wieder daran, dass sie erst gerade kürzlich Gamesucht offiziell als Krankheit anerkannt und sich auch sonst eher kritisch dem beliebten Hobby gegenüber gezeigt hat? Sind dann Gamer wieder verwahrloste Einzelgänger und finden kaum Beachtung? Nennen dann Politiker in Interviews wieder Videospiele als Ursache für Gewalttaten?

Ich werde das Gefühl nicht los, dass nach der Pandemie auch vor der Pandemie sein wird. Wir Gamer können irgendwie damit leben, wenn wir wieder die verwahrlosten Einzelgänger sind und unser Hobby als Feindbild für Politiker herhalten müssen. Wir haben ja, offen gesagt, auch nichts anderes zum Wohle der Gesellschaft beigetragen als unserem Hobby zu frönen.



Die wahren Helden der Pandemie

Aber was mich jetzt schon traurig macht, ist die Antwort auf die Frage wie lange der Applaus und die Dankbarkeit für die wahren Helden der Pandemie wohl andauern wird. Wenn die erste Diskussion über Anstellungsbedingungen im Gesundheitssektor ansteht und die Gesellschaft sich in kollektiver Vergesslichkeit übt und das Gemeinschaftsgefühl wieder dem Egoismus weicht.

Es wäre darum schön, wenn wir die Pandemie nicht einfach schnell wieder vergessen, sondern einige Dinge daraus lernen. Zum Beispiel, dass einige Berufe wichtiger für das Wohl der Gesellschaft sind, als wir dies uns bei Lohndebatten gerne eingestehen wollen. Dass eine Priese Verständnis und Freundlichkeit grosse Gesten sein können. Oder, dass absolut ok ist, mal nicht raus zu müssen, und jeder einfach so leben soll, wie sie oder er das für richtig hält.

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