Wie Hollywood Männer an den Pranger stellt

Lukas Rüttimann

9.2.2020 - 18:00

Harley Quinn (Margot Robbie) mischt in «Birds of Prey» böse Jungs auf. 
Bild: AP/Warner Bros. Pictures

In Filmen wie «Birds of Prey» machen mutige Frauen bösen Männern den Garaus. Längst sind in Hollywood Männer als Feindbild salonfähig geworden.

In Sachen Feindbilder war Hollywood nie sonderlich kreativ. Während von den 50er- bis weit in die 80er-Jahre immer mal wieder die bösen Kommunisten als Schurken herhalten mussten, kam in den letzten Jahren der regional nicht eindeutig zugeordnete, aber meist irgendwie aus dem Mittleren Osten stammende Terrorist in Mode. Die «Achse des Bösen» klingt schliesslich nicht umsonst wie der Titel einer Jerry-Bruckheimer-Produktion.

Dankbar sind auch Nazis in allen Formen und aus allen Epochen – moderne, historische, erfundene und reale. Das ist verständlich: Bei üblen rechten Schergen kann man als Filmstudio nicht viel falsch machen; auf die Füsse getreten fühlen dürften sich bei NS-Schurken jedenfalls nur eine extreme Minderheit.

Etwas anders sieht das jedoch beim aktuellen Lieblingsfeindbild in Hollywood aus: Männer – vor allem mittelalterliche weisse Männer in Machtpositionen – sind sozusagen der «Flavour of the Day» in Sachen Filmschurken. Harvey Weinstein sei Dank.

Mantra-artiges Mahnen

So geht es bösen weissen Männern etwa im diese Woche neu angelaufenen «Justice League»-Spin-Off «Birds of Prey» mächtig an den Kragen. Eine unerschrockene Heldin – die von Schauspielerin Margot Robbie gespielte Titelheldin Harley Quinn – verprügelt darin mit ihrer Girl-Gang Männer nach Herzenslust.

Damit ist sie eine Art Vorbote einer ganzen Welle an weiblichen Superheldinnen, die in den kommenden Monaten auf der Kinoleinwand und auf Streamingdiensten wie beispielsweise Disney Plus («Black Widow», Realfilm-Version von «Mulan») starke Frauen zum Konzept erheben.

Auch «Black Widow» erhält ihren eigenen Film. 

Quelle: Youtube

Nun sind Männer als Schurken keineswegs ein neues Phänomen. Neu aber ist, wie plakativ das feministische Bild von mutigen Frauen und bösen Frauen promotet wird. Notabene sogar von den Männern selbst.

Ewan McGregor, der in «Birds of Prey» den frauenfeindlichen Bösewicht Black Mask spielt, betonte in Interviews etwa Mantra-artig, dass dieser «feministische Film» einen «echten Blick auf das akute Problem Frauenhass» werfe. «Dieser Film zeigt die vielen subtilen Formen von Frauenhass im Alltag», so der britische Schauspieler. «Ich denke, das ist bitter nötig. Es ist nötig, dass wir diese Probleme näher betrachten. Wir müssen die Formen überdenken, wie wir mit dem anderen Geschlecht umgehen. Es ist an der Zeit, dass wir uns ändern.»

Übers Ziel hinaus geschossen?

Dass sich Hollywood in der Post-Weinstein-Ära Asche aufs Haupt streuen würde, war freilich zu erwarten. Nicht nur Ewan McGregor schwingt sich zum Vorkämpfer gegen Frauenfeindlichkeit auf. Auch Filme, in denen sich Frauen gegen sexuelle Unterdrücker auflehnen, haben Hochkonjunktur. Serien wie «The Morning Show» (mit Jennifer Aniston und Reese Whiterspoon als Moderatorinnen sowie Steve Carrell als geschassten Kollegen und Frauenbelästiger) thematisieren sexuelle Nötigung am Arbeitsplatz explizit, während notorische Frauenbelästiger wie der verstorbene Fox-News-Boss Roger Ailes im Kino («Bombshell») und TV («The Loudest Voice») ihr Fett weg kriegen.

Trailer zur Serie «The Loudest Voice».

Quelle: Youtube

Allerdings mehren sich Beispiele, in denen die Selbstkasteiung ein wenig über Ziel hinaus zu schiessen droht. Die «Woke»-Bewegung – der amerikanische Überbegriff für Filme mit einer politisch korrekten Ausrichtung – ist in einigen Fankreisen fast schon zum Schimpfwort avanciert, nachdem beispielsweise die neuen «Star Wars»-Filme oder auch TV-Serien wie «Star Trek: Discovery» die Agenda mit auffällig starken, nicht-weissen und nicht-heterosexuellen Heldinnen etwas gar penetrant pushten.

Im Falle der TV-Adaption des Comic-Klassikers «Watchmen» für den US-Sender HBO hatte dies gar zur Konsequenz, dass Kritiker die Serie ob ihres modernen politischen Drehs in den Himmel lobten – die Fans sie jedoch aus denselben Gründen mehrheitlich ablehnten.

Trailer zu «Watchmen».

Quelle: Youtube

Tatsächlich dürfte die Beziehung von Frauen und Männern in Sachen Filme und Serien bis auf weiteres kompliziert bleiben. So machten die Schauspielerinnen und Filmemacherinnen des Remakes von «Charlies Angels» und des Dramas «Little Women» unter anderem die «aktuell herrschende toxische Männlichkeit» dafür verantwortlich, dass die Kinosäle bei ihren Werken eher dünn besetzt waren.

Und ein Film wie das Stripper-Drama «Hustlers» zeigt, dass Männer wohl auch in Zukunft nicht viel zu lachen haben werden. In dem von den Kritiker gelobten Drama werden ganz normale Stripbar-Besucher in Manhattan von einer Tänzerinnen-Truppe um Jennifer Lopez erst heimlich mit Drogen gefügig gemacht und dann nach allen Regeln der Kunst abgezockt. Für ihre Straftaten werden sie im Film jedoch nicht etwa an den Pranger gestellt, sondern als eine Art weibliche Version von Robin Hood gefeiert.

Trailer zu «Hustlers» mit Jennifer Lopez. 

Quelle: Youtube

Auch wenn Börsenhaie vielleicht nicht die allersympathischsten Zeitgenossen der Welt sein mögen – mieser behandelt werden in Filmen sonst tatsächlich nur Terroristen und Nazis.

Galerie: Die Oscar-Nominierten 2020 

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