Giona A. Nazzaro: «Wenn es im Saal dunkel wird, sind wir alle gleich»

Von Bruno Bötschi

28.7.2021

Giona A. Nazzaro, the new director of the Locarno Film Festival, is pictured in Locarno, Switzerland, Wednesday, November 4, 2020. (KEYSTONE/Ti-Press/Alessandro Crinari)
«Nach den vielen Monaten des Lockdowns dürfen wir endlich wieder Filme zusammen ansehen und darüber debattieren»: Giona A. Nazzaro leitet in diesem Jahr zum ersten Mal das Locarno Film Festival.
Bild: Keystone

Giona A. Nazzaro heisst der neue künstlerische Leiter des Locarno Film Festivals. Wer ist der Mann, der in Dübendorf aufgewachsen ist und heute in Rom lebt? Ein Gespräch über Tränen, Streit – und seine erste Leinwandliebe.

Von Bruno Bötschi

28.7.2021

Herr Nazzaro, welcher Film hat Sie als Mensch besonders stark geprägt?

‹Viaggio in Italia› begleitet mich durchs Leben, seit ich den Film kenne. Roberto Rosselini hat damit 1954 sozusagen das moderne Italien erfunden.

Das müssen Sie erklären.

Ich meine das im Sinn von: Nach der Tragödie des Zweiten Weltkriegs brachte er mit dem Film uns Italienern die Würde zurück. Er ermöglichte es, dass wir wieder «wir» sagen konnten. «Viaggio in Italia» ist ein Melodrama über ein Ehepaar, gespielt von Ingrid Bergman und George Sanders, das kurz vor der Trennung steht. Am Ende des Films geraten die beiden mit dem Auto in eine kirchliche Prozession. Als das Paar nicht weiterkommt, steigt es aus und wird in der Menschenmenge voneinander getrennt. Die Frau ruft den Mann um Hilfe, und wie durch ein Wunder wird das Paar wieder zueinander getrieben. Sie umarmen sich und versichern sich, dass sie sich lieben. Mich rührt das an den Glauben, dass immer etwas Unvorhergesehenes passieren und ein scheinbar sicheres Schicksal über den Haufen geworfen werden kann.

Ihr erste grosse Leinwandliebe?

Sergio Leone und sein Film «Für eine Handvoll Dollar». Ich sah ihn als Teenager im Kino Rex in Zürich. Ich war von Clint Eastwood total fasziniert, aber auch vom Kino selber, vom Eingangsbereich, vom dunklen Saal, einfach von allem.

Wann haben Sie zuletzt geweint im Kino?

Ach, ich weine ständig im Kino. Bei fast allen Filmen von John Ford kommen mir die Tränen und auch die Werke von Roberto Rossellini sorgen bei mir meistens für feuchte Augen. Es gibt zudem einen ganz schlimmen Film von Lasse Hallström, der mich jedes Mal von Neuem zu Tränen rührt.

Von welchem Film reden Sie?

Von «Hachiko – eine wunderbare Freundschaft». Die Geschichte dreht sich um einen Hund der japanischen Rasse Akita und dessen Treue zu seinem Herrchen, einem Universitätsprofessor, gespielt von Richard Gere. Und obwohl ich weiss, dass es eigentlich ein ganz schlechter Film ist, kommen mir jedes Mal die Tränen.

Ist es Ihnen peinlich, wenn Sie weinen müssen im Kino?

Überhaupt nicht.

Sie leiten in diesem Jahr zum ersten Mal als künstlerischer Leiter das Locarno Film Festival. Wie ist Ihre aktuelle Gefühlslage?

Ich kann es kaum erwarten, bis das Festival am 4. August endlich eröffnet wird. Nach den vielen Monaten des Lockdowns dürfen wir endlich wieder Filme zusammen ansehen und darüber debattieren.

Streiten Sie gern über Filme?

Oh nein, Streit finde ich uninteressant.

Giona A. Nazzaro, the new director of the Locarno Film Festival, is pictured in Locarno, Switzerland, Wednesday, November 4, 2020. (KEYSTONE/Ti-Press/Alessandro Crinari)
«Mich rührt das an den Glauben, dass immer etwas Unvorhergesehenes passieren und ein scheinbar sicheres Schicksal über den Haufen geworfen werden kann»: Giona A. Nazzaro.
Bild: Keystone

Können Sie Ihre Vision für das Filmfestival kurz und knapp zusammenfassen?

Ich möchte versuchen, seine Geschichte weiterzuschreiben – aber alles mit dem nötigen Respekt vor der Vergangenheit des Filmfestivals und seiner Bedeutung in der Filmwelt.

Was macht die Magie von Locarno aus?

Für mich ist Locarno ein Symbol für die leidenschaftliche Liebe zum Kino, also die Cinéphilie. Mir gefällt ganz besonders, wie sich während der Zeit des Festivals die Stadt verwandelt. Das fängt an mit der grossen Leinwand auf der Piazza Grande und dass man auf der Strasse Regisseur*innen und Schauspieler*innen trifft, die man ansprechen kann. Es ist, als würde sich der ganze Ort während dem Festival nur mit dem Thema Kino befassen. Einfach wunderbar.

Cannes und andere prestigeträchtige Festivals haben Vorbehalte gegen Filme von Streaming-Plattformen. Locarno scheinbar nicht. Zur Eröffnung zeigen Sie auf der Piazza Grande ‹Beckett›, den neuen Film von Ferdinando Cito Filomarino, für den Netflix die Auswertungsrechte gekauft hat.

Es ist ein Fakt, dass es mit den sogenannten VoD-Anbietern seit einigen Jahren neue Player in der Filmlandschaft gibt. Dass können wir als Filmfestival nicht verhindern. Gleichzeitig wehre ich mich jedoch dagegen, «Beckett» als politische Aussage unsererseits zu verstehen. Der Film ist vielmehr ein Ausdruck davon, wie sich die Welt des Kinos verändert hat. Das einzige Statement ist, dass uns Locarno-Verantwortlichen dies klar ist und dass wir mit diesen Leuten im Gespräch sind. Denn ich bin überzeugt, Gesprächsverweigerung bringt nichts.

Im vergangenen Frühling sagten Sie in einem Interview: «Mein oberstes Ziel ist es, Langweile beim Publikum zu verhindern. Das Leben ist sehr kostbar und wir dürfen keine Zeit verschwenden.» Was heisst das konkret für das Programm des Locarno Film Festivals?

Die Auswahlkommission und ich legen Wert darauf, Filme zeigen zu können, die dem Publikum ein besonderes cineastisches Erlebnis bieten werden. Gleichzeitig weiss ich natürlich auch, dass nicht jeder Film von allen Zuschauer*innen gleichermassen geliebt werden wird. Mein ganz persönliches Ziel ist es zudem, dass wir es nach dieser schwierigen Zeit der Pandemie in Locarno schaffen werden, das Medium Kino als Gesamterlebnis wieder aufleben lassen zu können.



Was sind aus Ihrer persönlichen Sicht die cineastischen Höhepunkte des diesjährigen Filmfestivals?

Ich möchte nicht unfair sein gegenüber einzelnen Regisseur*innen und sage deshalb nur so viel: Alle 17 Filme, die im diesjährigen Wettbewerb dabei sind, sind auf ihre Art grossartig.

Die französische Schauspielerin Leatitia Casta ist der Star des diesjährigen Festivals. Sie wird mit dem Excellence Award 2021 geehrt. Warum?

Leatitia Casta gehört für mich zu den faszinierendsten Schauspielerinnen unserer Zeit. Ihre Präsenz ist mit jener von Gina Lollobrigida und Sophia Loren vergleichbar. Es gibt eine wunderbare Szene im Film «Les âmes fortes» von Raúl Ruiz, während der Casta in einen Spiegel schaut und sich ihr Gesicht vervielfacht. Diese Szene ist typisch für sie – Casta ist eine unglaublich intelligente Künstlerin, die sich immer wieder neu erfindet.

John Landis, der Kult-Regisseur von «Blues Brothers», «Kentucky Fried Movie» und «Thriller» erhält in diesem Jahr den Ehrenleopard.

John Landis ist ein Genie, finde ich. Er ist ironisch, politisch und radikal, aber auch immer lustig. Er vermischte Horror und Komödie, Musical und Noir auf eine nie dagewesene Weise. Die daraus resultierenden Meisterwerke begeisterten ein Publikum auf der ganzen Welt. Filmemacher Landis zeigte, dass man fast alles machen und noch mehr träumen kann. Damit machte er das Kino besser, gerechter und inklusiver. John Landis verkörpert das US-amerikanische Kino, das ich immer geliebt habe und immer lieben werde.

Giona A. Nazzaro, the new director of the Locarno Film Festival, is pictured in Locarno, Switzerland, Wednesday, November 4, 2020. (KEYSTONE/Ti-Press/Alessandro Crinari)
«Für mich ist Locarno ein Symbol für die leidenschaftliche Liebe zum Kino, also die Cinéphilie»: Giona A. Nazzaro.
Bild: Keystone

Es heisst, Sie hätten ein besonderes Faible für Actionfilme. Verraten Sie den Leser*innen von «blue News» Ihre drei Lieblings-Actionfilme?

Das ist eine einfache Frage. «To Live and Die in L.A.» von William Friedkin, «Roma a mano armata» von Umberto Lenzi und «The Killer» von John Woo.

Und welches ist Ihr Schweizer Lieblingsfilm?

‹Höhenfeuer› von Fredi M. Murer. Er ist ein unglaublich kraftvoller Filmemacher.

Was sehen Sie, wenn Sie die heutige Filmszene in der Schweiz betrachten?

Wir befinden uns gerade in einer äusserst spannenden Zeit. Es ist viel positive Energie spürbar, was auch damit zu tun hat, dass viele neue helvetischen Filmemacher*innen auf den Markt drängen. Ich bin sicher, die nächsten Jahre werden uns ganz tolle neue Schweizer Filme bescheren. Wir zeigen heuer im Hauptwettbewerb «Soul of a Beast» von Lorenz Merz. Der Film wird für viel Gesprächsstoff sorgen.

Auf der Piazza Grande wird zudem «Monte Verità» von Stefan Jäger zu sehen sein.

Darauf freue ich mich sehr. Insgesamt zeigen wir in diesem Jahr fünf Schweizer Filme, die alle auf besondere Art zeigen werden, welche grosse Kreativität das heimische Filmschaffen zurzeit aufweist. Wäre das «Das Mädchen und die Spinne» der Schweizer Zwillinge Ramon und Silvan Zürcher nicht bereits an der «Berlinale» gelaufen, hätte ich diesen Film auch gerne noch gezeigt.

In Dübendorf aufgewachsen, leben Sie heute in Rom: Wie unterscheiden sich das italienische und das Schweizer Kinopublikum?

Wenn es im Saal dunkel wird, sind wir alle gleich.

Sophia Loren oder Liselotte Pulver?

Ha, ha … meine Favoritin ist Gianna Maria Canale.

Der Festivaldirektor von Locarno muss sich auch als Conférencier bewähren. Wissen Sie schon, was Sie am 4. August auf der Piazza Grande dem Publikum zur Eröffnung sagen werden?

Ich werde einfach sagen: «Buona visione.» (auf Deutsch: «Gute Vorführung›).


74. Locarno Film Festival, 4. bis 14. August. Programm und mehr Infos: locarnofestival.ch