Tränen bei Ogi, Prügel für Vescoli: Diese SRF-Sendung ging ans Herz

von Lukas Rüttimann

21.7.2018

Über Adolf Ogi und Toni Vescoli meint man schon alles zu wissen. Die Dok-Serie «Geboren am...» dürfte jedoch den einen oder anderen eines Besseren belehrt haben.

Ganz ehrlich: Die Ankündigung der zweiten Staffel der Sommerserie «Geboren am...» fiel nicht gerade unter das Kapitel «besonders spektakulär». Die SRF-Serie, die Prominente mit dem gleichen Geburtsdatum vereint und ihre Lebensgeschichte aufrollt, startete heuer mit Portraits über alt Bundesrat Adolf Ogi und Sänger Toni Vescoli – zwei Prominenten, deren Leben in der Vergangenheit schon von allen möglichen Seiten durchleuchtet wurden.

Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Den Machern gelang es, die beiden am 18. Juli 1942 geborenen Protagonisten spannend zu porträtieren – und sogar das eine oder andere Kapitel in ihren Leben aufzuklappen, das nicht bereits zum Schweizer Allgemeinwissen gehört.

Packendes Bildmaterial

Zu verdanken war das unter anderem dem tollen Bildmaterial. Vater Ogi mit seinen Buben beim Klettern in den Bergen, Warnschildern in Restaurants, dass Langhaarige nicht bedient werden, oder auch die Filmaufnahmen aus Vescolis Kindheitsjahren in Lima – das Schweizer Fernsehen konnte bei der Illustration der Lebensgeschichten aus dem Vollen schöpfen.

Auch die Protagonisten hielten nicht zurück. In seiner typisch offenen Art erzählte Ogi von der Häme, die er auf seinem Berufsweg wegen seiner nichtakademischen Ausbildung erfahren musste. «Hart» habe ihn das gemacht, sagte er. Genauso wie die anspruchsvolle Bergtour als kleiner Bub mit seinem Vater, der ihm auf diese Weise beigebracht hat, dass es ohne Fleiss, Leistung und Ausdauer nicht geht im Leben.

Und obwohl man andere Stationen – die Vereidigung als Bundesrat, den Triumph in Sapporo oder seine Arbeit als Uno-Botschafter – schon zur Genüge kennt, kam in diesem «Geboren am...» kaum Langeweile auf. Denn Ogis Geschichte ist Schweizer Geschichte. Dazu gehört auch das traurige Kapitel, in dem der alt Bundesrat mit Tränen in den Augen über den frühen Krebstod seines Sohnes Matthias erzählte – sowie die Hassliebe zum verstorbenen Otto Stich, mit dem er das Heu nicht nur politisch nicht auf der selben Bühne hatte.

Vescolis strenger Vater

Spannendes erfuhr man auch über Toni Vescoli. Die Kindheit des Ingenieurssohnes in Peru, wo der junge Toni mit südamerikanischen Traditionen und Musik in Berührung kam, warf ein neues Licht auf den Werdegang des «Schweizer Beatle». Seine Erinnerungen an den «bösen Vater», der in seiner Freizeit boxte und seinen Sohn auch mal schlug, brachten zudem ein unschönes Kapitel zutage. Doch eine Tracht Prügel für das Kind gehörte in den 50er- und 60er-Jahren genauso zum Alltag wie die strengen Sitten.

Die Anfänge der «Halbstarken» im Restaurant «Schwarzer Ring» waren jedenfalls erneut mehr als nur Lebensgeschichte von Toni Vescoli. Herrlich, wie der Musiker erzählte, dass er seine Jeansjacke jeweils draussen an- und abzog, um daheim den anständigen Sohn zu geben. Weniger schön seine Erinnerung, wie er wegen seiner langen Haaren beleidigt und zusammengeschlagen wurde.

Das dritte Portrait hatte es da verständlicherweise schwer. Immerhin lieferte die vielgereiste Verena Gloor-Schoch einen spannenden Einblick ins Leben einer Auslandschweizerin im Amerika der 60er-Jahre. Doch gegen Ogis Emotionen und Vescolis Geständnisse verblassten für einmal sogar Erinnerungen an den Kennedy-Mord.

«Geboren am...» lief am Freitag, 20. Juli, um 21 Uhr auf SRF 1. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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