Kann «Rapunzel» Jastina Doreen dem Krönchen den Glanz zurückbringen?

von Lukas Rüttimann

11.3.2018

Jastina Doreen Riederer heisst die neue Miss Schweiz. An der Aargauerin wird es liegen, der angeschlagenen Missen-Marke neues Leben einzuhauchen.

Seit gestern kurz nach 22 Uhr hat die Schweiz wieder eine Königin. Oder zumindest eine Frau mit Krone: Jastina Doreen Riederer heisst die neue Miss Schweiz, die in der Trafo-Halle in Baden von einer fünfköpfigen Jury – bestehend aus Modelagent Peyman Amin («GNTM»), Teleclub-Programmleiterin Claudia Lässer, Moderator Jontsch Schächter, Fotograf Thomas Buchwalder und «G&G»-Moderatorin Annina Frey – gekürt wurde. Die 19-Jährige stammt aus Spreitenbach AG, arbeitet im Detailhandel, ist in einer Grossfamilie aufgewachsen und liebt Nutella.

Natürlich durfte das obligate Tränchen bei der Krönung nicht fehlen. Auch die ersten Worte von Jastina Doreen waren durchaus schon missenhaft. Sie wolle das Jahr nutzen, um «möglichst viele Erfahrungen zu sammeln und mich für eine tolerante, weltoffene Schweiz einzusetzen». Auf die Frage von bluewin.ch, ob sie sich zutraue, dem Titel etwas vom Glanz früherer Tage zurückgeben zu können, antwortete sie selbstbewusst: «Ich werde auf jeden Fall meinen Beitrag dazu leisten und all meine Kraft in dieses Jahr stecken. Ich bin überzeugt, dass die Schweiz eine gute Miss gebrauchen kann».

Irrwege einer Krone

Tatsächlich wird es spannend sein zu sehen, ob der Titel zurück in die Relevanz findet. Satte drei Jahre hat die Nation ohne Repräsentantin auskommen müssen. Vermisst hat die Miss Schweiz zuletzt allerdings kaum jemand. Zu unscheinbar waren die letzten Krönchen-Trägerinnen, an die Namen nach Dominique Rinderknecht – gestern als Moderatorin für Teleclub Zoom unterwegs – mag man sich kaum erinnern.

Das hat vor allem damit zu tun, dass das Konzept nach dem Ende der Ära von Missen-Macherin Karina Berger ein grosses Missverständnis war. Niemand hat etwa gegen Charity. Aber eine Schönheitskönigin wie zuletzt schon von Vornherein zum kantenlosen Gutmenschentum zu verurteilen, das konnte einfach nicht gutgehen.

Bachelors und Bacheloretten

In die Bresche gesprungen sind seither die Bachelors und Bacheloretten aus der gleichnamigen Kuppelshow des Privatsenders 3plus. Kein Zufall, dass sie gestern fast geschlossen anwesend waren. Zaklina Djuricic, Joel Herger (übrigens ohne seine Ludmilla), Raphael Beutl, Kristina Radovic – sie haben auf und neben dem Bildschirm jene Action gebracht, der den Missen und vor allem der Miss-Wahl am TV zuletzt fehlte.

Das war nicht immer so. Melanie Winiger, Christa Rigozzi, Stéphanie Berger oder Fiona Hefti waren und sind Persönlichkeiten, die dem Krönchen – und der Schweiz – Glamour verliehen. Sie fütterten die Medien mit knackigen Geschichten und schafften es, auch nach ihrem Missen-Jahr für Schlagzeilen zu sorgen. Erst als das Miss Schweiz Management zunehmend die Ecken und Kanten abschliff, um ja keine Werbekunden zu verscheuchen, sanken die Quoten, der Niedergang der Marke nahm seinen Lauf.

Industrial-Charme statt SRF-Glamour

Gestern zeigte die Miss Wahl auf Sat 1 Schweiz zumindest neue Ansätze. Moderator Patrick Hässig führte mit Drive und sogar dem einen oder anderen Seitenhieb gegen das Schweizer Fernsehen durch eine Show, die mit ihren Catwalks und den tränenreichen Live-Votings über das Weiterkommen ein bisschen Miss Wahl, ein bisschen Dauerwerbesendung, aber vor allem ganz viel «Germany’s Next Top Model» war.

Freilich, die Trafo-Halle in Baden ist nicht Klum in der Karibik oder das Studio 1 im Leutschenbach. Längst nicht alles war glamourös. Die Choreografien wirkten etwas verloren in der schmucklosen Halle, das kumpelhafte Getue der moderierenden Radiomänner Schächter und Hässig überspann zuweilen den Bogen. Dafür gab es industriellen Charme, Publikumsnähe und Split Screen-Einstellungen, die den YouTube-Kids gefallen haben dürfte.

Bikini und Buri

Klassisch dagegen war das Comeback des umstrittenen Bikini-Durchgangs, der während der Charity-Ära abgeschafft worden war. Auch der Walk in der Abendgarderobe bot Schönheitswettbewerb-Pflichtstoff. Dabei konnte Jastina Doreen überzeugen und durfte sich unter dem Blitzgewitter der Fotografen die neue Krone aufs Haupt setzen lassen.

Abzuwarten bleibt, ob die 19-Jährige mit den Spitznamen «Rapunzel» (wegen ihrer langen Haare) an den Glanz früherer Titelträgerinnen anknüpfen kann. Denn dass eine populäre Miss Schweiz auch in der Zeit von #MeToo und «Time’s Up» ihren Platz hätte, steht für eine der erfolgreichsten Exponentinnen der Zunft ausser Frage.

Sie würde sich wünschen, dass der Missen-Titel wieder den Stellenwert früherer Tage erreicht, sagte Anita Buri zu bluewin.ch. Denn: «Gerade in der heutigen Zeit könnte eine gute Miss Schweiz ein positives Zeichen für unsere Gesellschaft setzen».

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