«Männerküche»: Wo sind die Koch-Trottel?

TV-Experte Gion Mathias Cavelty

7.4.2019

Kochshows im Fernsehen gehen den Bach runter, wenn man TV-Experte Gion Mathias Cavelty glauben darf. Unterhalten sie trotzdem noch?

Gestern Abend ist auf SRF 1 die siebte Staffel der «Männerküche» angelaufen. Ich bin süchtig nach Kochshows, weil ich nicht kochen kann. Ich kann nicht einmal eine Raviolidose öffnen oder eine Tiefkühlpizza in den Ofen schieben. Darum bin ich froh, wenn andere im Fernsehen für mich kochen. Genauso wie ich froh bin, dass andere im Fernsehen für mich lachen (ab Konserve) oder andere für mich jassen (im «Samschtig-Jass»).

Nun ist es aber leider so, dass diese Kochshows nicht mehr richtig Spass machen. Und zwar deshalb, weil die Kandidaten immer ehrgeiziger werden. Vor laufender Kamera bereiten sie möglichst ausgeklügeltes Zeug zu, trainieren im Vorfeld wie Höchstleistungssportler, wollen ums Verrecken gewinnen (siehe etwa die Kandidatinnen der aktuellen Championsweek der ZDF-«Küchenschlacht»). Dabei sollten sie doch Herrn und Frau Jedermann repräsentieren und nicht Profis sein wollen. Darum frage ich mich zunehmend verzweifelt:

Wo sind die Koch-Trottel? Wo sind die Koch-Idioten? Wo sind die Koch-Dilettanten? Wo ist einer wie ich?

Meine Hoffnung für die neuen «Männerküche»-Folgen: Dass es tatsächlich einmal einer wagt, nur Ravioli aus der Dose zu servieren – kalte, schlabbrige Ravioli mit höchstens einem Büschel Peterli obendrauf. Mein Herz würde ihm zufliegen.

Natürlich gab es auch in der gestrigen Ausgabe keine Dosenravioli und keine Fertigpizza. ABER: Es hätte wesentlich schlimmer kommen können. In einem Interview im Vorfeld hatte ein Kandidat etwa von «Schweinsohr-Terrine» und «Raupen-Würzpulver» schwadroniert. So weit kam es gestern zum Glück nicht.



Gastgeber Guy Droz (34, von Beruf Kundenberater) lud seine vier Konkurrenten zu sich nach Hermiswil (Kanton Bern) ein. Ein unprätentiöser, fadengerader Typ mit einem prächtigen Gartenzwerg vor der Hütte; vierfacher Familienvater und Dudelsackspieler («Der Dudelsack ist sehr präsent und vorlaut und das passt zu mir»). Sein Grill sollte die Hauptrolle spielen; leider schiffte es tüchtig. Doch ein echter Kerl grilliert auch, wenn es schifft. Bravo! Sch**ss auf Schnickschnack-Raupen-Würzpulver!

Guys Menu: (Gekaufte) Chorizo- und Blutwürste vom Grill zur Vorspeise – (gekauftes) Tomahawk-Steak vom Grill als Hauptgang – flambierte Kirschen vom Grill als Dessert. Yeah! Und gleich noch einmal: Sch**ss auf Schnickschnack-Raupen-Würzpulver!

TipTopf lässt grüssen

Minute 4.06: Die ersten Bierchen werden geöffnet. So geht gute Küche!

Minute 24.25: Guy demonstriert, wie man selbst Ketchup herstellt (ich will nichts spoilern, aber Tomaten spielen eine gewisse Rolle).

Minute 29.45: Guy halbiert die gegrillten Würstchen und steckt sie mit selbst gemachter Rauchwhisky-Sauce und selbst geerntetem und selbst eingelegtem Gemüse in selbst gebackene Brötchen (ist mir persönlich fast ein bisschen zu viel «selbst» – das gibt’s doch auch alles im Laden zu kaufen ...).

«Dribiisse!», fordert Guy seine Mitstreiter hernach auf. Mit den Händen essen – wenn das kein Schock für den Raupen-Würzpulver-Typ ist (der heisst übrigens Samuel und spricht Baseldeutsch)! Der isst zuhause bestimmt nur mit der Pinzette. Hier greift er notgedrungen zu Messer und Gabel.

«Serviette ist für mich selbstverständlich. Ohne Serviette ist ein No-go», mosert ein anderer Konkurrent (Andreas aus Siebnen) über die fehlenden Servietten. Heul doch! Servietten braucht ein Mann wie Guy nicht!

«Die Vorspeise hatte etwas Widerspenstiges, weil irgendwie die … die … die … die Wursthäute noch so ein bisschen da waren; man hat gespürt, dass da noch so ein Produkt war, das sich eigentlich dagegen wehrt, in einen Hamburger eingesperrt zu werden», inszeniert sich der Raupen-Würzpulver-Mann als gönnerhafter Gross-Gastrophilosoph und macht ein angestrengtes Gesicht dazu.



Die gigantischen Red-Angus-Tomahawk-Steaks: Bombe! Genörgelt wird über die rohen Rüebli.

Dessert, Wodka und ganz zum Schluss ohrenbetäubendes (und stellenweise kreuzschiefes) Dudelsackgedröhne: ergibt von den vier Gästen total 315 von möglichen 400 Franken (= Punkten).

Für mich ein Start (fast) ganz nach meinem Geschmack. Natürlich wird Guy mit seinen 315 Punkten nicht gewinnen – seine Performance war aber ein klares Statement gegen die auf allen Kanälen den Kochlöffel schwingenden, überambitionierten Möchtegern-Paul-Bocuses.

«SRF bi de Lüt» lief am Freitag, 5. April, um 20.05 Uhr auf SRF 1. Mit Swisscom Replay TV können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

Und hier noch die Bilder des Tages
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