TV-Experte

«Reise ins Übersinnliche»: Fauler Zauber zur besten Sendezeit

Gion Mathias Cavelty, TV-Experte

1.3.2019

Es ist die Primetime im Schweizer Fernsehen und TV-Experte Gion Mathias Cavelty fragt sich, ob diese wirklich mit Esoterik gefüllt sein muss.

Am gestrigen Donnerstagabend hat das Schweizer Fernsehen wieder einmal jede Menge Geistheiler, Handaufleger und Jenseits-Medien von der Kette gelassen: Auf SRF 1 lief die erste Folge der dreiteiligen Doku-Serie «Reise ins Übersinnliche». Folgenden Fragen wollte man in den nächsten 36 Minuten nachgehen: «Gibt es paranormale Phänomene? Kann man hellsehen? Existieren Schutzengel? Klappt Handauflegen? Funktioniert Geistheilen?»

Um es kurz zu machen: Natürlich erfuhr der Zuschauer wieder einmal nichts, was ihn in Sachen «Übernatürliches» auch nur ein Schrittchen weitergebracht hätte.

«In wenigen Augenblicken fährt ein Geist in den Körper von Silvia Hollenstein», versuchte ein Off-Sprecher, das Fernsehpublikum zu Beginn der Sendung heiss zu machen.

Alles nur Humbug?

Schnitt zu Silvia Hollenstein, ein selbsternanntes Trance-Medium aus dem Kanton Thurgau. In ihrer Praxis sass sie auf einem Sessel, der der Fantasie von Rolf Knie hätte entsprungen sein können; vis-à-vis von ihr hatte eine esoterikgläubige Ratsuchende Platz genommen. Frau Hollenstein erklärte: «Wenn ich eine Trance-Sitzung mache, dann meldet sich erfahrungsgemäss immer die gleiche Energie, die gleiche Präsenz; wenn diese Präsenz näher kommt, beginnt sich mein Aussehen zu verändern, meine Stimmlage verändert sich und meine Sprache wechselt ins Schriftdeutsche.»

Dann ging das Spektakel los. Plötzlich verkrampfte sich der Körper des Mediums, sein Gesicht begann ausgiebig zu zucken, die Hände zitterten wie die einer 200-Jährigen. «Mein Liebe», würgte Frau Hollenstein mit unnatürlich tiefer, affektierter Stimme auf Hochdeutsch (mit Thurgauer Akzent) hervor, «was würdest du gerne mit mir besprechen?»

Ich musste lachen und fühlte mich an eine Nummer von Kliby und Caroline erinnert.



Gott und die Welt

Im Lauf der Sitzung meldete sich die verstorbene Gotte der Klientin durch Frau Hollenstein zu Wort.

Jetzt könnte man ja denken: Wenn man schon einen Jenseits-Kontakt etabliert hat – sollte man da nicht nach WICHTIGEM fragen, damit man endlich mal etwas WICHTIGES erfährt (wie das Leben nach dem Tod aussieht, ob es einen Gott gibt, et cetera)? Aber was kommt aus dem Mund des Mediums? Nur absolute BANALITÄTEN. Konkret verkündete Frau Hollenstein: «Die Verstorbene sagt, der Tod sei eine Erlösung gewesen ... Sie sagt, du hast so viel getan für sie ... Wenn du wüsstest, wie viel du da bewirkt hast ... Und sie sagt dir, sie kommt bald wieder vorbei ... Sie besucht dich lieber in kleinerem Rahmen ... Sie hat's nicht so gern, im Mittelpunkt zu stehen ...»

Ich musste wieder lachen. Vielleicht sollte man Frau Hollenstein die Satire-Sendung am Sonntagabend anvertrauen.

«Das ist alles Fake!», lautete das klare Verdikt des die Aufnahmen kritisch hinterfragenden Neuropsychologen Peter Brugger vom Universitätsspital Zürich. «Wenn man das Ganze vom Wissenschaftlichen – vom Parapsychologischen – her angeht, dann sollte man doch das Medium und seine Klientin verkabeln. Ich würde jetzt einmal sagen: An den Hirnfrequenzen würde sich nichts ändern, wenn ein Geist in Frau Hollenstein fährt.»

Das Fazit ist mager

«Isch iidrücklich gsii», bilanzierte Frau Hollensteins Klientin am Ende der Sitzung. «Ich ha mich die ganz Ziit so wie gwiegelet gfühlt.» Drei Sätze hat sie aus der Sitzung mitgenommen: «Angst stiehlt mir meine Lebenszeit – Nimm dir auch genug Energie für dich selbst – Vertraue auf das, was du kannst.»

Jetzt platze ich fast vor Lachen. DAFÜR das ganze Brimborium?

Im Lauf der Sendung treten dann noch weitere Esoterikgläubige auf – «Grenzwissenschaftler» Lucius Werthmüller, Handaufleger Patric Pedrazzoli, Auraheilerin Angelika Hunziker. Sie reden wolkig und viel, aber alles bleibt leere Behauptung. Wenn man doch bloss die Radio- und Fernsehgebühren auch nur im Geiste bezahlen könnte ...

Folge 1 von «Reise ins Übersinnliche» lief gestern Donnerstag, 28. Februar, um 21.05 Uhr auf SRF 1. Der zweite Teil kommt in einer Woche am Donnerstag, 7. März – gleiche Zeit, gleicher Ort. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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