«Wer wohnt wo?»: So bünzlig, dass es schon wieder gut ist

von Gion Mathias Cavelty

16.9.2018 - 10:00

«Total spannungslos ist das neue total spannend», weiss TV-Experte Gion Mathias Cavelty, nachdem er sich die erste Folge von «Wer wohnt wo?» angesehen hat.

Sven Epiney – wer war das schon wieder? Ah ja, ein Moderator des SRF, der früher jede zweite Sendung moderiert hat, jetzt erinnere ich mich wieder. Schon lange nicht mehr gesehen! Immer, wenn ich letzter Zeit das Schweizer Fernsehen eingeschaltet habe, haben mir entweder Nik Hartmann oder Roman Kilchsperger aus der Röhre entgegengeblickt … Aber letzterer ist ja jetzt weg. Heisst das, dass Sven Epiney wie ein Phoenix aus der TV-Asche auferstehen wird?

Indizien dafür gibt es (das wichtige Stichwort in diesem Satz ist «Indizien», liebe Watsons): So hat Epiney gestern die neue SRF-Samstagabendshow «Wer wohnt wo?» moderiert. Eine Sendung mit einem Fragezeichen im Namen: Das deutet darauf hin, dass irgendetwas herausgefunden werden muss. Ob jemand Spass versteht, zum Beispiel. Oder was etwas ist («Was bin ich?»). Oder ob «Alles nichts oder?!» ist (hochmetaphysisch!).

«Wer wohnt wo?»

Kombinieren ist gefragt

Der innere Sherlock Holmes wird also direkt angesprochen. «Ärzte vs. Internet» hatte zwar kein Fragezeichen im Titel, aber es wurde trotzdem fleissig deduziert: Nämlich was für eine Krankheit Patient X oder Patientin Y hat. Ich fand das super-zynisch, aber vielen Zuschauern scheint es gefallen zu haben. Eben: Der innere Sherlock-Holmes wurde hinter dem Ofen hervorgelockt.

Und mit «Wer wohnt wo?» scheint das SRF weiter die Detektiv-Schiene fahren zu wollen. Worum es darin geht? Haben Sie schon einen leisen Verdacht? Ich gebe Ihnen drei Tipps. Erstens: Es geht um jemanden («wer»). Zweitens: Dieser jemand «wohnt» offenbar. Aber – und jetzt kommen wir zum dritten und letzten Punkt – «wo?». Wo? WOOOOO???

«Wer hat wen abgemurkst?» – der Kern jedes Krimis – wird mit «Wer wohnt wo?» in Sachen nervenzerfetzender Spannung, gnadenloser Kombiniererei und überraschenden Auflösungen bestimmt gnadenlos in den Schatten gestellt, dachte ich mir, als ich gestern Abend den Fernseher einschaltete. Anders kann es gar nicht sein!

TV-Experte Gion Mathias Cavelty hat bei «Wer wohnt wo?» reingezappt.
Paolo Dutto

Ähm. Ganz so war es dann leider nicht.

Neunzig Minuten lang stoffelten fünf Kandidaten (Gaby, Dorothée, Peter, Stefan, Thomas) durch fünf traumhafte Wahnsinns-Wohnungen («Sponsor mit Produktplatzierung»: Grosses schwedisches Möbelhaus) und mussten herausfinden – Aufgepasst! – wer von ihnen wo wohnt (der tatsächliche Wohnungsbesitzer musste dann natürlich so tun, als sei er es nicht). Fertig.

«Dä gross Färnseh, wo-n-i do gsehn, würd zum Thomas passe», lautete zum Beispiel eine typische Mutmassung von Hobby-Detektiv Peter.

«Afrika isch überall, Afrika», kommentierte Kandidatin Gaby angesichts einer an der Wand hängenden afrikanischen Maske.

«Männer-Akte, HA HA HA HA HA!», entfuhr es Thomas beim Anblick von Schwarz-weiss-Fotos von einem Blüttler.

«Ich weiss sogar d Marke!», brüstete sich Dorothée, als alle kollektive eine Küchenlampe anstarrten.

Und hier das Fazit

Das Ganze war so bieder, dass ich es fast nicht glauben konnte. Ja – es war sogar so bieder, dass ich es irgendwie noch gut fand. Eigentlich fand ich es sogar sehr gut, dieses unfassbar Bünzlige, komplett Spannungslose, total Entschleunigte. Habe danach jedenfalls hervorragend geschlafen. Und hätte gleich eine Bitte an die Programmmacher des SRF: Bitte noch Tonnen mehr von dem Zeug! Also neue Shows lancieren wie:

  • «Wer hat diese Socken gestrickt?»
  • «Wer hat den Abfall nicht rausgebracht?»
  • «Wer hat mein Joghurt gegessen?»
  • «Wem gehört diese Briefmarkensammlung?»
  • «Wer hat das Rahm-Chübeli auf der neuen Ausgabe der 'LandLiebe' ausgeleert?»

Die Welt da draussen ist schon verrückt genug.

«Wer wohnt wo?» lief am Samstag, 15. September, um 20.10 Uhr auf SRF 1. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen. 

Sven Epiney
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