Allergologe: «Heuschnupfen kann auch im Winter auftreten»

Runa Reinecke

27.2.2019 - 00:00

«Drei Mal niesen bringt Freude», besagt ein altes Sprichwort. Allergiker sehen das wohl anders. 
Bild: Keystone

Heuschnupfen? Schon jetzt? Da reibt sich der Allergiker verwundert die geröteten Augen. Allergologe Peter Schmid-Grendelmeier über Bäume, die sogar bei bitterer Kälte den Frühling spüren und winzige Spinnentiere, mit deren Ausscheidungen wir das Bett teilen. 

Es ist noch nicht einmal März – und Sie haben die Nase schon so richtig voll? Was man gegen lästige Allergiebeschwerden tun kann und warum man eine solche Erkrankung ernst nehmen sollte, verrät der Leiter der Allergologie des Universitätsspitals Zürich im Interview.

Herr Schmid-Grendelmeier, so mancher klagt schon jetzt über Heuschnupfensymptome. Ist es dafür nicht noch etwas zu früh?

Leider nicht. Pollenallergien können sogar mitten im Winter bei eisigen Temperaturen auftreten.

Es gibt bei uns Pflanzen, die bei Frost und Schnee blühen?

Die gibt es tatsächlich. Zum Beispiel die hier heimisch gewordene Purpur-Erle. Dieser Baum stammt ursprünglich aus Sibirien und ist Temperaturen von minus 30 Grad gewohnt. Bei fünf Grad minus wähnt er sich im Frühling – und blüht. Aber es müssen nicht zwangsläufig Pollen für die Beschwerden verantwortlich sein, denn es könnte auch eine Hausstaubmilbenallergie dahinterstecken. Hier reagiert der Allergiker im Speziellen auf den Kot dieser kleinen Spinnentiere, die sich bei für sie guten Lebensbedingungen zu Zigtausenden vermehren.

«Beschwerden im März und April deuten auf eine Baumpollenallergie hin», sagt der Leiter der Allergologie des Universitätspitals Zürich, Peter Schmid-Grendelmeier. 
Bild: zVg

Sehr interessant, dazu später gern mehr. Zunächst: Welche Allergien sind besonders verbreitet?

Die meisten Menschen leiden unter einer «Sofortallergie». Das heisst, die Symptome treten direkt oder nur wenige Minuten nach dem Kontakt mit dem Allergen auf. Besonders häufig sind Pollen-, Nahrungsmittel-, Insektengift- oder Tierhaarallergien.

«Allergien können auch zu lebensgefährlichen Reaktionen wie dem allergischen Schock führen.»

Warum ist es wichtig, eine Allergie ärztlich abklären zu lassen?

Aus einer zunächst harmlosen Allergie mit Schnupfen und Augenentzündungen kann sich im Verlauf ein Asthma entwickeln. Besteht ein Asthma länger, kann es chronisch werden. Dann treten Symptome wie akute Luftnot auf, obwohl man gar keinen Allergenen ausgesetzt ist. Allergien, etwa auf Insektenstiche, Medikamente oder gewisse Nahrungsmittel, können auch zu lebensgefährlichen Reaktionen wie dem allergischen Schock führen.

Wie finden Experten heraus, um welche Allergie es sich handelt?

Dazu wenden wir in der Allergologie ein mehrstufiges Diagnoseschema an. Am Anfang steht die Anamnese. Die Patientin / der Patient wird nach ihren/seinen Symptomen befragt. Entscheidend ist nicht nur, in welcher Intensität, sondern auch wo und wann die Probleme auftreten. Zeigen sich die Beschwerden im März oder April, weist das auf eine Allergie gegen bestimmte Baumpollen hin. Machen sie sich eher im Mai beziehungsweise im Juni bemerkbar, ist eine Gräserpollenallergie wahrscheinlich. Hat die Patientin/der Patient ein Haustier, könnte es eine Tierhaarallergie sein. Hausstaubmilbenallergiker haben eher im Winter Probleme und besonders am Morgen mit Beschwerden zu kämpfen.

Was geschieht nach der Anamnese?

Dann müssen wir bestätigen, was der Patient während der Befragung geschildert hat. Zunächst der Prick-Test: Dabei werden in Flüssigkeit gelöste Allergene in Tröpfchenform aufgetragen und dann durch eine feine Plastikspitze in die oberste Hautschicht eingebracht. Besteht eine Allergieneigung, bildet sich an diesem Ort eine Quaddel, und die Haut ist mehr oder minder gerötet. Zudem suchen wir im Blut nach bestimmten Antikörpern des Typs Immunglobulin-E, igE. Das sind Proteine, die – kurz gesagt – allergische Reaktionen im Körper übermitteln. Werden wir fündig, ist die Allergie nachgewiesen.

Ist es möglich, dass eine Patientin Beschwerden hat, sowohl Prick- als auch Bluttest aber keine positiven Befunde liefern?

Das kommt vor, wenn auch selten. Wenn diese Untersuchungen negativ verlaufen, folgt in einem weiteren Schritt der Provokationstest. Dafür wird eine Lösung mit dem Allergen auf ein Wattestäbchen appliziert. Das Stäbchen verbleibt für wenige Minuten in einem Nasenloch des Patienten. Reagiert er zum Beispiel mit mindestens dreimaligem Niesen, gilt die Allergie als bestätigt.

Und wenn der Provokationstest auch nicht anschlägt?

Dann geht die Suche weiter. Zu anderen möglichen, aber selteneren Allergieauslösern gehören beispielsweise Zimmerpflanzen. Aber nicht immer sind Allergene für die Beschwerden verantwortlich. Gerade im Winter kann auch eine Überempfindlichkeit gegenüber Kälte allergieähnliche Symptome auslösen.

Zurück zur Hausstaubmilbenallergie. Gibt es dafür typische Symptome?

Die Beschwerden sind mit denen einer Pollen- oder Tierhaarallergie vergleichbar: Meist sind beide Augen gerötet, tränen, jucken, sind möglicherweise geschwollen, und man neigt zur Lichtempfindlichkeit. Unter Umständen ist auch nur ein Auge beziehungsweise das eine stärker betroffen als das andere. Niesen gehört auch dazu, meist mehrfach hintereinander – drei Mal oder noch häufiger. Die Nase läuft wässrig, die Nasenschleimhaut schwillt zu, was das Atmen erschwert. Halten diese Symptome länger an, kann auch der Geruchssinn beeinträchtigt sein. Bei Menschen, die an einer Neurodermitis leiden, können Allergien, etwa auf Hausstaubmilben, das Hautleiden verschlimmern.

«Bei sehr starken Symptomen müssen in seltenen Fällen auch kortisonhaltige Präparate eingesetzt werden.»

Angenommen, die Allergie wurde fachgerecht diagnostiziert. Wie sieht die Therapie aus?

Gegen akute Symptome helfen, je nach Beschwerdebild, Nasensprays, Augentropfen oder auch Tabletten mit antiallergischen Wirkstoffen, den Antihistaminika. Bei Asthmabeschwerden kommen Inhalationstherapien zum Zuge. Bei sehr starken Symptomen müssen in seltenen Fällen auch kortisonhaltige Präparate innerlich, idealerweise in Tabletten- und nicht in Spritzenform, eingesetzt werden. Im Vordergrund steht aber die Allergenkarenz, das heisst, man muss versuchen, den Kontakt zu den Allergenen nach Möglichkeit zu vermeiden.

Wie sollten Hausstaubmilbenallergiker ihre heimische Umgebung gestalten, damit sie möglichst wenig Allergenen ausgesetzt sind?

Milben fühlen sich in feuchtwarmem Klima und in dunklen Räumen besonders wohl, weshalb sie sich vorzugsweise im Bett aufhalten. Als Nahrungsquelle dienen ihnen Hautschuppen, die wir während der Nacht verlieren. Milbenallergiker profitieren von speziellen Bettbezügen, auch Encasings genannt. Sie verhindern, dass Milbenkot aus dem Duvet, dem Kopfkissen oder der Matratze gelangt und eingeatmet wird. Zudem sollte man regelmässig Stosslüften und auf eine nicht zu hohe Luftfeuchtigkeit achten. Häufiges Staubwischen mit einem feuchten Lappen ist ein Muss, und man sollte nach Möglichkeit auf Staubfänger verzichten. (Spann-)Teppiche, insbesondere solche mit langem Flor, sind Tummelplätze für Milben und für Hausstaubmilbenallergiker ungeeignet. Optimal sind glatte, leicht zu reinigende Böden. Bettwäsche sollte man wöchentlich bei mindestens 60 Grad waschen, das überleben die Tierchen nicht.

Bei gewissen Kleidungsstücken wird das schwierig …

Textilien, die man nur bei niedrigen Temperaturen waschen kann, hängt man am besten zum Trocknen an die frische Luft. Das UV-Licht tötet die Milben ab. Weil sich in der Wäsche Pollen ansammeln können, sollten Menschen, die gleichzeitig an einer Pollenallergie leiden, in den für sie kritischen Jahreszeiten wie Frühling oder Sommer davon absehen. Zudem gibt es Waschmaschinen, die über spezielle Reinigungsprogramme zur Reduktion der Milbenallergene verfügen. Auch entsprechende Luftreiniger können zumindest frei herumschwebende Allergene, etwa von Milben, Pollen oder Haustieren, in Räumen reduzieren.

Plüschtiere kann man auch in die Kühltruhe legen. Den dort herrschenden Temperaturen halten die Milben nicht stand.

Zuhause lässt sich das noch irgendwie handhaben – aber wie sieht es aus, wenn man auf Reisen ist?

Das ist tatsächlich schwierig. Wer starke Beschwerden hat, sollte seine Encasings vorsichthalber mitnehmen. Oder aber man bucht ein Hotel, das sich mit den speziellen Bedürfnissen von Hausstaubmilbenallergikern auskennt. Apropos Ferien: Sehr zu empfehlen sind Reiseziele in den Bergen. Ab einer Höhe von 1'500 bis 1'800 Metern über dem Meeresspiegel gibt es deutlich weniger Hausstaubmilben.

Wenn eine Allergie diagnostiziert wurde, aber noch kein Asthma besteht: Was können Betroffene tun, um einer chronischen Atemwegserkrankung vorzubeugen?

Zum einen ist es wichtig, dass man die Allergenexposition langfristig durch die genannten Massnahmen reduziert. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit einer Hyposensibilisierung. Dabei bekommt der Patient eine geringe Dosis des Allergens verabreicht. Die Dosis wird langsam über Wochen und Monate gesteigert, bis sich das Immunsystem an das Allergen gewöhnt hat und es toleriert. Hauptsächlich geschieht das mittels Injektionen in die Haut, ähnlich wie bei Impfungen. Heute gibt es dafür zudem auch Tabletten, die man über mehrere Monate regelmässig einnehmen muss. Die Chance, dass die Therapie anschlägt und sich die Allergiesymptome zumindest deutlich verbessern, liegt bei gut ausgewählten Patienten bei etwa 80 Prozent.

Zur Person: Peter Schmid-Grendelmeier

Prof. Dr. med. Peter Schmid-Grendelmeier ist Leiter der Allergiestation der Dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich und Mitglied des Direktoriums des Christine-Kühne-Zentrums für Allergieforschung und Lehre (CK-CARE) mit Sitz in Davos.

Weitere Informationen erhalten Interessierte und Betroffene bei aha! Allergiezentrum Schweiz oder bei der Schweizerischen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie.

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