«Das Suchtmittel ist überlebenswichtig»

Sulamith Ehrensperger

10.2.2021 - 07:45

Junge Frau deprimiert, traurig, verzweifelt, mit leerem Teller, Essstörung
Einsamkeit und Essstörungen nehmen in der Corona-Krise zu.
Bild: Getty Images/Maskot

Für Betroffene bedeutet jede einzelne Mahlzeit Stress. Essstörungen sind längst keine Pubertätskrankheit mehr – und sie nehmen in der Pandemie zu. Ein Gespräch über ein Suchtmittel, das überlebenswichtig ist.

Sarah Stidwill ist Ernährungsberaterin und arbeitet als Fachberaterin bei der Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen AES, die Menschen mit Essstörungen und Essproblemen informiert und unterstützt.

Frau Stidwill, die meisten denken bei Essstörungen an magersüchtige Mädchen. Warum sind Essstörungen keine Pubertätskrankheit?

Es sind nicht nur Teenager, die Essstörungen entwickeln. Viele Betroffene sind schon erwachsen. Eine Essstörung ist eine Strategie, um etwas zu bewältigen, deshalb kann sie in jedem Lebensalter auftreten. Zudem betrifft es nicht nur Frauen. Es melden sich immer wieder auch Männer bei uns. Essstörungen sind leider für alle da, egal welches Alter, Geschlecht oder Herkunft. Sie sind nicht immer auf den ersten Blick sichtbar, wie das viele meinen. Betroffene führen oft nach aussen hin ein normales Leben. 

Warum entwickeln sich Essstörungen?

Die Essstörung ist nicht einfach: «Ich wollte abnehmen, dann bin ich da reingerutscht.» Sie entwickelt sich zwar häufig in der Jugendzeit, wenn sich der Körper verändert und man sich fragt, wer man ist. Das kann jedoch auch im Erwachsenenalter ein Thema sein: beispielsweise in der Menopause oder einer krisenreichen Lebensphase, vielleicht wenn die Kinder ausziehen, eine Beziehung zu Ende geht oder bei Jobverlust. Man muss sich neu orientieren und fragt sich: Wer möchte ich sein? Dabei spielt auch das Aussehen eine Rolle. Unsere leistungsorientierte Gesellschaft gibt einem ja das Gefühl, wir könnten immer wie 20 aussehen, schlank und erfolgreich sein, wenn wir uns nur genug anstrengen.

In der Corona-Krise sind laut Experten Menschen, die schon einmal unter einem gestörten Essverhalten gelitten haben, derzeit besonders gefährdet. Was beobachten Sie?

Zur Person: Sarah Stidwill
Sarah Stidwill ist Ernährungsberaterin, hat einen Bachelor in Psychologie und arbeitet als Fachberaterin bei der Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen AES
zVg

Sarah Stidwill ist Ernährungsberaterin, hat einen Bachelor in Psychologie und arbeitet als Fachberaterin bei der Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen AES. Die AES informiert und unterstützt Menschen mit Essstörungen und Essproblemen, ihre Angehörigen und Bezugspersonen sowie Fachleute, die mit dem Thema Essstörungen zu tun haben.

Wir beobachten eine massive Zunahme in unseren Beratungen. Der zwangsläufig veränderte Alltag, fehlende Strukturen und Emotionen wie Angst oder Stress können vorhandene Essstörungen verstärken oder sogar neue Essstörungen hervorrufen. In einer Zeit, die für die meisten Menschen viele Ängste und wenig Kontrolle mit sich bringen, sind Ernährung, Gewicht und Bewegung etwas, das man selber bestimmen und kontrollieren kann. Es melden sich Betroffene bei uns, die sagen, dass es ihnen hilft, in Gesellschaft zu essen, nun sind sie ständig allein im Homeoffice, essen nicht mehr oder sind immer vor dem Kühlschrank. Manche verlieren wegen Corona die selbst auferlegte Kontrolle über ihr Essen – etwa, weil sie im Homeoffice unter stärkerer Beobachtung der Familie sind oder nicht mehr so oft zum Fitness können, wie sie wollen.

Mich dünkt, dass in den sozialen Medien viel mehr gezeigt wird, wie man die Krise zur Selbstoptimierung nutzen kann. Setzt das Menschen, die mit ihrem Körperbild kämpfen, zusätzlich unter Druck?

Ja. Diesen Druck habe auch ich bemerkt. Vor allem während des Lockdowns haben die Leute andauernd gepostet, wie sie gesund essen oder permanent Sport treiben. Manche Influencer geben ja auch Ernährungstipps weiter oder zeigen, wie sie aus einer Essstörung herausgefunden haben. Wenn man jemandem folgt, bekommt man dann Vorschläge für weitere ähnliche Profile – so geht das immer weiter. Diese ungefilterte perfekte Welt macht etwas mit uns und kann auch das Essverhalten beeinflussen, das merken wir in den Beratungen. Allerdings muss man dazu sagen, dass eine schwere Krankheit wie eine Magersucht nie nur durch einen einzigen Faktor ausgelöst wird.

Vor allem zur Magersucht gibt es viele Klischees. Zum Beispiel: Betroffene würden in Orangensaft getränkte Watte essen. Welches stört Sie am meisten?

Ich finde es etwas vom Schlimmsten, wenn Betroffene zu hören bekommen: «Reiss dich zusammen, du willst dich ja nur wichtig machen.» Manchmal ist das Gegenteil der Fall, dass Betroffene gar nicht sichtbar sein wollen und ihnen nicht wohl ist, wenn sie zu viel Raum einnehmen. Ein weiteres Beispiel: Sport dient Menschen mit Essstörungen oft als Kompensationsmassnahme. Wenn Betroffene sich öffnen und sagen, dass sie bewegungssüchtig sind, bekommen sie nicht selten zu hören: «Ach, das will ich auch» oder «Eine Sportsucht könnte ich auch brauchen». Das würde man bei einer anderen Suchterkrankung nie sagen und zeigt, dass es nicht ernst genommen wird.

Jeder hat sein Essverhalten, seine Vorlieben und Eigenarten. Wie merke ich, dass ich eine Essstörung habe?

Essstörungen 

Entsprechend den Symptomen werden drei Hauptformen von Essstörungen unterschieden: Magersucht (Anorexia nervosa), Bulimie (Ess-Brechsucht) und das Binge-Eating-Syndrom. Daneben gibt es allerdings noch zahlreiche Mischformen und nicht genauer bezeichnete Arten der Essstörung. Diese können schwerwiegende körperliche, psychische und soziale Konsequenzen für die Betroffenen haben, die im Extremfall zu Invalidität und Tod führen. Eine Studie zu Essstörungen in der Schweiz (2012) zeigt: 3,5 Prozent hatten in ihrem Leben mit einer oder mehreren der drei Essstörungen zu tun. Damit liegt die Schweiz über dem europäischen Durchschnitt von 2,5 Prozent.

Auffälliges Essverhalten ist schwer abgrenzbar vom Übergang in eine Essstörung. Für Letztere gibt es gewisse Diagnosekriterien, die man für eine Therapie oder Krankenkasse braucht. Von Essstörungen Betroffene beschäftigen sich gedanklich fast ständig mit diesem Thema und stehen unter grossem Leidensdruck. Ihr Essverhalten ist zwanghaft und sehr rigide. Betroffene berichten, dass sie bis zu 80 Prozent der Zeit nur ans Essen denken: Habe ich zu viel oder zu wenig gegessen, wie kann ich es wieder ausgleichen oder wie schaffe ich es, damit es nicht auffällt, dass ich nicht richtig esse. Bei Essstörungen erinnert viel an eine Sucht. Das Problem: Das Suchtmittel ist überlebenswichtig. Betroffene müssen sich mehrmals täglich mit ihrem Suchtmittel auseinandersetzen. Dazu kommt, dass Essen auch sehr viel mit Zusammensein und Genuss verbunden ist. Wer eine Essstörung hat, zieht sich deshalb immer mehr zurück.

Wie kann man aus einem schwierigen Essverhalten ausbrechen?

Die Muster verfestigen sich je länger, je mehr. Je früher man etwas angeht, desto einfacher lässt sich die Verhaltensweise ändern. Im Idealfall würde man mit jemandem sprechen, der einem nahesteht: «Ich merke, dass ich nicht mehr das esse, worauf ich Lust habe, sondern das, was am wenigsten Kalorien hat.» Es hilft, darüber zu sprechen und sich, wenn nötig, an eine Fachperson zu wenden. Genauso wie Atmen und Schlafen sind auch Essen und Trinken wichtig, damit man durch die Krise kommt.

Wenn ich das Gefühl habe, eine Freundin oder ein Freund ist gefährdet, wie kann ich helfen?

Mit Ansprechen – beispielsweise: Ich mache mir Sorgen um dich. Oder ich beobachte, dass du dich zurückziehst. Oder ich frage mich, ob es dir gut geht. Willst du mal darüber reden? Es hilft, von den eigenen Beobachtungen auszugehen und zu signalisieren, dass man für Gespräche offen ist. Das ist im Moment vielleicht schwieriger, weil man sich weniger sieht. Aber gerade, wenn man sich gut kennt, merkt man, wenn sich jemand weniger meldet, weniger von sich erzählt oder weniger lacht. Und das kann man ansprechen.

Werden aus Ihrer Sicht Essstörungen von unserer Gesellschaft unterschätzt?

Ich glaube schon, dass vor allem bei der Magersucht manche denken: «Diese jungen Frauen sollten nur ein bisschen mehr essen, dann ist wieder alles gut.» Dass Essstörungen nicht so richtig ernst genommen werden, hängt auch damit zusammen, dass Essen für die meisten Menschen ganz normal und alltäglich ist. Essstörungen sind aber mit erheblichem Leidensdruck und schweren gesundheitlichen Folgen verbunden, deshalb darf die Krankheit nicht unterschätzt werden. Es ist wichtig, dass wir über Essstörungen reden und der Thematik das nötige Gewicht geben.

Der zweite Teil dieser Serie «Biografie einer Essstörung» erscheint am Donnerstag, 11. Februar, bei «blue News». 



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