«Sportsüchtige geraten wirklich in einen Teufelskreis» – gibt es Hilfe?

Sulamith Ehrensperger

11.2.2020 - 00:00

Menschen, die an Sportsucht leiden, verlieren nach und nach jegliches Gespür für das richtige Mass an Bewegung. Das exzessive Trainingsverhalten führt zu körperlichen und seelischen Beschwerden.
Bild: iStock

Sportsüchtige können nicht mehr ohne Training, sonst drohen Entzugssymptome. «Betroffene trainieren, um Glücksgefühle zu erleben – und wollen immer mehr davon», sagt Flora Colledge. 

Frau Colledge, Sie forschen zur Bewegungssucht und verbringen als Triathletin fast jede freie Minute mit Trainieren. Wie oft werden Sie gefragt, ob Sie sportsüchtig sind?

(Lacht) Das werde ich sehr oft gefragt. Ich bin aber nicht sportsüchtig. Neben meinem 80-Prozent-Pensum als Wissenschaftlerin trainiere ich zwar viel – manchmal dreimal am Tag und bis zu 25 Stunden pro Woche –, aber Erholung ist für mich als Triathletin genauso wichtig.

Bewegung ist doch gesund. Kann man wirklich süchtig und krank werden davon?

Ja. Wir sprechen von einer Sportsucht, wenn man ohne Training unter physischen wie auch psychischen Problemen leidet. Sportsüchtige trainieren, um Glücksgefühle zu erleben – und wollen immer mehr davon. Das ist vergleichbar mit einer Drogensucht.

Kann man sagen, dass Sportsüchtige sich abrackern, um Glücksgefühle zu erleben?

Es ist noch nicht abschliessend erwiesen, warum Sport zu diesen Glücksgefühlen führen kann. Aber Sportsüchtige geraten wirklich in einen Teufelskreis. Sie trainieren nicht, um einen Wettkampf zu gewinnen. Sie haben kein sportliches Ziel, sondern wollen positive Gefühle erleben. Doch je mehr man trainiert, desto schwieriger wird es, diese zu erleben.

Flora Colledge gewinnt den Patagonman 2019 in Chile. Das Rennen gehört zur «Extreme Triathlon»-Serie: Es besteht aus 3,8 km Schwimmen in 10 Grad kaltem Wasser, 180 km Radfahren und einem Marathon über 42,2 km.
Bild: Wagner Araujo 

Bewegung macht also glücklich. Wann aber ist die Grenze zur Sucht überschritten?

Eine Sportsucht ist vorhanden, wenn die Sportgewohnheiten zu Problemen im Alltag führen. Trotzdem sind Betroffene nicht in der Lage, ihr Training zu reduzieren oder zu pausieren. Sie wollen oder schaffen es nicht, weil sie Angst vor Entzugssymptomen oder ein extrem schlechtes Gewissen haben. Das Trainingsvolumen allein ist kein Indikator, entscheidend ist das Verhältnis zum eigenen Sport. Wir hatten einen Probanden mit einem Vollzeitjob, der ohne Wettkampfziele 35 Stunden pro Woche trainiert. Seine Beziehung leidet darunter, weil er dafür eigentlich keine Zeit hat.

Es soll Sportsüchtige geben, die so lange rennen, bis ihre Füsse bis auf den Knochen abgetragen sind.

Das sind bekannte Beispiele, die man in der wissenschaftlichen Literatur findet. Sportsüchtige laufen trotz mehrfacher Ermüdungsbrüche oder Muskelfaserrisse weiter. Manche trainieren trotz hohem Fieber, andere können kaum einen langen Flug oder schon gar nicht eine Trainingspause aushalten, weil eine Bewegungspause extreme Angstzustände auslöst. Die Entzugserscheinungen können schwerwiegend sein – bis hin zu Suizidgedanken.

Welche weiteren Symptome sind typisch für einen Entzug?

Es gibt gewisse Parallelen zu substanzgebundenen Süchten. Toleranzentwicklung etwa, man muss immer mehr trainieren, um die gleichen positiven Gefühle zu erleben. Die sozialen Kontakte oder beruflichen Pflichten werden vernachlässigt. Auch Entzugssymptome wie Schlafstörungen, depressive Stimmungen, Angstzustände oder ein unangenehmes Gefühl im Körper sind häufig.

Bewegungssüchtige steigern ihre Trainingsumfänge und -intensitäten zwanghaft, um die gewünschten Effekte zu erreichen wie auch Entzugserscheinungen zu lindern.
Bild: Getty Images 

Ich kenne Hobbysportler, die sich bei der Ferienplanung zuerst das Fitnessangebot ansehen – und dann, was das Hotel sonst zu bieten hat.

Genau, und das hat Priorität gegenüber dem, was der Partner oder die Kinder möchten. In den Ferien stehen sie dann um fünf Uhr morgens auf, damit es für das ganze Trainingsprogramm reicht.

Manche entdecken in einer Lebenskrise die Liebe zum Sport. Was kann ein solches Suchtverhalten auslösen?

Häufig sind es Personen, die sehr fokussiert sind, ein stark strukturiertes Leben führen und auch unter Perfektionismus leiden. Was wir in unserer Studie bisher festgestellt haben, ist, dass bei Sportsuchtbetroffenen die Depressions- und Angstwerte höher waren. Auch schlechte Erlebnisse, Probleme oder Trauma in der Kindheit können tiefe Effekte auf viele Lebensparameter wie auch das Selbstwertgefühl haben. Wir haben höhere ADHS-Werte beobachtet – da gibt es bisher wenig Forschung dazu –, aber es könnte sein, dass Betroffene diese überschüssige Energie ausnutzen möchten und in der Folge einer Sportsucht verfallen.

Wer ist eher Sportsucht gefährdet: Marathon laufende Männer in einer Midlife-Crisis oder ‹Generation unschlüssig›, also junge orientierungssuchende Menschen, die im Sport ihre Erfüllung suchen?

Laut den meisten Studien sind Männer häufiger betroffen als Frauen – eben dieses klassische Midlife-Crises-Beispiel. Auch jüngere Frauen und Menschen, die unter starkem Perfektionismus leiden, sind eher gefährdet. Sportsucht tritt oft auch in Zusammenhang mit anderen Erkrankungen wie etwa Essstörungen und Depressionen auf – das erschwert eine Differenzierung.

Flora Colledge ist Sportwissenschaftlerin und Triathletin. Am Departement für Sport, Bewegung und Gesundheit (DSBG) der Universität Basel leitet sie eine Studie über «Bewegungssucht».
Bild: Universität Basel

Sportsucht ist in den 70er-Jahren per Zufall entdeckt worden. Und doch ist dieses Phänomen unzureichend recherchiert und charakterisiert. Weshalb wird dem Thema nicht mehr Aufmerksamkeit gewidmet?

Der Übergang von einem gesunden zu einem suchtartigen Verhalten erfolgt häufig fliessend. Sport ist gesund, und so denken viele, Sportsucht sei ein Luxusproblem. Im Fokus der Forschung ist mehr das Übergewichtsproblem, da viele sich zu wenig bewegen. Es braucht eben Zeit für verschiedene Bewegungssucht-Studien in verschiedenen Ländern. Weil es zu wenig erforscht ist, wissen wir noch nicht, wie verbreitet sie ist und welche Folgen sie haben kann.

Durchtrainierte Körper und sportliche Höhenflüge wohin unser Auge reicht – könnte die idealisierte Bilderwelt in den sozialen Medien die Sportsucht beflügeln?

Es gibt auf jeden Fall Korrelationen zwischen Social-Media-Konsum und dem eigenen Körperbild. Noch ist es zu früh zu sagen, welchen Einfluss Fitnessposts auf die mögliche Entwicklung einer Sportsucht haben könnten.

Wie kann man Bewegungssüchtigen aus dem Teufelskreis helfen?

Auch wenn Sportsucht bis dato nicht als eine offiziell anerkannte Krankheit oder Störung gilt: Betroffene brauchen professionelle Hilfe. Suchterkrankungen im Allgemeinen sind therapierbar, obwohl der Prozess häufig lang und komplex ist. Ähnlich wie bei anderen Verhaltenssüchten, etwa Kauf-, Sex- oder Internetsucht, werden auch Sportsüchtige lernen müssen, mit ihrer ‹Droge› gesünder umzugehen. Denn wir müssen und sollen uns ja schliesslich alle bewegen.

«Sport extrem»: Der zweite Artikel zum Thema «Bewegungssüchtige: Ich habe trotz Lungenentzündung trainiert» ist am Mittwoch, 12. Februar erschienen.

Kurztest: Sind Sie sportsüchtig?

Die folgenden Fragen sind ein Anhaltspunkt, ob Sie betroffen sein könnten (Anmerkung der Redaktion: Das ist keine offizielle Diagnose):

1. Ich würde immer eher Zeit mit dem Training verbringen als mit der Familie oder Freunden.

2. Ich trainiere trotz wiederkehrender körperlicher Probleme oder wenn ich Fieber habe.

3. Ich habe kaum aushaltbare negative Gefühle, wenn ich ein Training auslasse.

Zusatzfrage: Verfolgen Sie zurzeit ein wichtiges sportliches Ziel?

Wie viel Bewegung ist noch gesund? Die Sportsucht zählt zu den substanzunabhängigen Verhaltenssüchten wie Kaufsucht oder Spielsucht.
Bild: iStock

Auswertung: Wer eine oder mehrere Fragen mit Ja beantworten konnte und kein sportliches Ziel verfolgt, dem empfiehlt Flora Colledge, seine Sportgewohnheiten zu überdenken und sich zu fragen, weshalb man so gern Sport treibt.

Zur Studie

Weitere Informationen finden Sie auf der Seite «Bewegungssucht» von Flora Colledge. Am Departement für Sport, Bewegung und Gesundheit DSBG der Universität Basel leitet sie die Studie über «Bewegungssucht» in Zusammenarbeit mit den UPK (Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel). Ziel ist es, das Phänomen grundlegend zu untersuchen, denn bislang ist es weder als Krankheit noch als Störung anerkannt.

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