Bewegungssüchtige: «Ich habe trotz Lungenentzündung trainiert»

Sulamith Ehrensperger

12.2.2020 - 07:12

Immer länger, immer mehr. Bewegungssüchtige können sportliche Aktivität nicht reduzieren. Auch bei Verletzungen oder Krankheit trainieren sie weiter. 
Bild: Getty Images 

Einen Tag ohne Sport? Undenkbar für die 59-jährige A. – sie ist süchtig nach Bewegung. «Bluewin»-Redaktorin Sulamith Ehrensperger hat im Wortlaut notiert, wie es für A. ist, mit dieser Abhängigkeit zu leben.

Der erste Teil zum Thema erschien am Dienstag, 11. Februar, und kann hier gelesen werden. 

«Bluewin» hat A. zum Spaziergang getroffen – und sie einfach reden lassen. Ihre Antwort auf die Frage, wie es ist, sportsüchtig zu sein, sei hier wortgetreu wiedergegeben: 

«Sport ist mir sehr wichtig und ein extrem grosser Bestandteil meines Lebens. Ich trainiere täglich. Wenn nicht, geht es mir gar nicht gut – und meiner Umwelt auch nicht. Ich werde unleidig, bin ungeduldiger und unruhig, schlafe weniger gut, fühle mich unwohl und habe das Gefühl, es geht mir schlechter.

Für mein Grundwohlbefinden muss ich mich zwangsläufig bewegen können. Bewegung macht mich glücklich, mein Geist kommt ein bisschen zur Ruhe. Nach dem Sport fühle ich mich ausgeglichener, kreativer und belastbarer. Als Bauingenieurin und Projektleiterin arbeite ich meist unter Zeit- und Kostendruck. Aus dem Sport beziehe ich eine Gelassenheit, um besser damit umgehen zu können.



Also verzichte ich lieber auf einen Apéro als auf mein Training. Natürlich ist das Kalorienverbrennen nicht unwichtig, weil ich durchaus ein Genussmensch bin und keine Kalorien zählen will. Schliesslich möchte ich bei Einladungen auch mal ein Stück Torte essen. Ich trainiere jeden Tag um die zwei Stunden. Ich liebe jegliche Art von Fitness, Tae Bo, Functional Training und Crossfit, in meiner Freizeit wandere ich und fahre überall mit dem Velo hin. Und probiere immer mal wieder etwas Neues aus.

Ich gebe zu, manchmal muss ich mich zum Sport überwinden. Je älter ich werde, desto mehr. Auch früher habe ich mir kaum trainingsfreie Tage gegönnt. Mein Mann und ich waren aktiv und als Trainer intensiv im Basketball tätig, später war ich auch Trainerin beim Kinderfussball. Ich gebe zu: Meine Sportgewohnheiten passen nicht mit dem überein, was ich als Coach gepredigt habe. Als ehemalige Trainerin weiss ich, dass Trainingspausen wichtig wären.

Das Schlimmste, was ich mal gemacht habe, war, mit Lungenentzündung zu trainieren. Das würde ich heute vielleicht nicht mehr tun. Zum Glück bin ich selten krank, ich habe auch kein Fieberthermometer. Eher machen mir orthopädische oder muskuläre Probleme einen Strich durch meine Trainingspläne.

Ja, ich bin ein sehr disziplinierter Mensch und eine Planerin. Ich liebe Listen, Pläne, Stundenpläne und Ordnung. Früher habe ich mir viel Gedanken zu Trainingsplänen gemacht, in meiner Rolle als Coach sowieso. Ich glaube, ich bin da etwas lockerer geworden. Ich stelle mir jeweils einen Wochenplan zusammen und ziehe den auch durch. Von ihm abzuweichen, kostet mich Überwindung. Aber wenn ich das Gefühl habe, der Körper meldet roten Alarm, kann ich inzwischen von meinem Ziel abweichen.

Die Vernunft ist schleichend gekommen, vor zirka fünf Jahren. Bis dahin war ich noch im Wettkampfmodus, hätte alles und überall mitgemacht. Ich muss mir eingestehen, dass ich auf einem manischen Trip war. Heute kann ich zu mir sagen: Ok, es tut wirklich was weh, jetzt machst du das nicht! Dann gehe ich stattdessen mal zum Tai-Chi oder aufs Velo. Ich glaube, ich bin auf gutem Weg – und bleibe in Bewegung.»

«Sport extrem»: Der erste Artikel zum Thema  «Sportsüchtige geraten wirklich in einen Teufelskreis» – gibt es Hilfe? ist am Dienstag, 11. Februar, erschienen. 

Bilder des Tages

Zurück zur Startseite