Wenn gesundes Essen krank macht

Sulamith Ehrensperger

17.10.2019 - 18:00

Gesunde Ernährung wird zum Lebensinhalt:  Orthorektiker beschäftigen sich aussergewöhnlich stark mit gesundem Essen und dessen Wirkung. 
Bild: iStock

Fastfood-Stände sind ein Horrorkabinett; Bioläden ein Schlaraffenland. Wer an Orthorexie leidet, isst nur Gesundes. Doch die Fixierung auf gesundes Essen kann krank machen, wie Nils Binnberg aus eigener Erfahrung weiss.

Gesunde Ernährung hat ihn krank gemacht. Acht Jahre lang war Nils Binnberg ein «Ernährungssnob», wie er sich selbst bezeichnet: «Ich war der Regisseur meines eigenen Food-Pornos.»

Essen und Einkaufen wurden zum Lebensinhalt. Er folgte 20 verschiedenen Ernährungslehren: Low-Carb, Paleo, Clean Eating, glutenfrei, laktosefrei, oder vegan. Hauptsache gesund.

Zum Schluss bleiben nicht mehr viele Lebensmittel übrig, die er sich zugestand. «Ich habe nur noch diese fünf gegessen: Räucherlachs, Avocado, Fleisch, Salat und ein paar Nüsse», sagt der 43-jährige Journalist.



«Ich fühlte mich wie ein Selbstmörder»

Er verbrachte täglich mehrere Stunden mit Recherche zu Wirkung und Qualität von Nahrungsmitteln – im Internet und im Supermarkt. Er hielt sich für besonders gesundheitsbewusst, für einen tugendhaften Mann, der auf sich achtet. Widersprüche habe er ausgeblendet, denn er glaubte daran, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. «Vegan zu essen, schien mir wie der Weg zur Unsterblichkeit.»

Binnberg war regelrecht süchtig nach gesundem Essen. Seine Gedanken kreisten den ganzen Tag darum. Oder besser gesagt: darum, was er nicht essen soll. Er fühlte sich «beschmutzt» und hatte das Gefühl versagt zu haben, wenn er sich nicht an sein Ernährungskorsett hielt. «Ass ich alltägliche Nahrungsmittel, überkam mich Panik. Ich fühlte mich wie ein Selbstmörder.»

Low-Carb-Diät als Einstiegsdroge

Zum Schluss war er abgehungert, hatte keine Energie mehr, dafür Angst- und Erschöpfungszustände. Auf dem Tiefpunkt seiner Sucht, wog er noch 68 Kilogramm bei einer Körpergrösse von 1,85 Meter.

Nils Binnberg arbeitet als Autor, Redaktor und Texter für Verlage und Unternehmen. 
Bild: René Fietzek

Angefangen hatte alles mit einer Low-Carb-Diät. «Sie war wie eine Einstiegsdroge in meine Krankheit, in eine Selbstoptimierungssucht.» Binnberg wollte erst vier, fünf Kilo abnehmen.

Er ging zum Sportmediziner, der ihn über seine Essgewohnheiten ausfragte und ihm schliesslich eine kohlenhydratreduzierte Ernährung sowie ein Sportprogramm verschrieb. Die Kilos purzelten. Binnberg jedoch wollte mehr – war getrieben davon, immer schlanker zu werden.



Verabredungen zum Essen schwänzte er

Zu Anfang erntete er Bewunderung für sein Abnehmen und seine Willensstärke, und auch für sein Ernährungswissen. «Ich hatte den Charme eines Ernährungsgurus und habe die Leute bezirzt.»

Bei Einladungen philosophierte er am Essenstisch über Darmbakterien und Stoffwechselvorgänge. Mit der Zeit zog er sich immer mehr zurück. Verabredungen zum Essen schwänzte er.

Erst als er in der «New York Times» über den Begriff «Orthorexia nervosa» las, also der Sucht nach gesunder Ernährung, wurde ihm bewusst, dass sein Verhalten krankhaft ist.

Auf seinen Esszwang habe ihn niemand angesprochen. Das hätte auch nichts gebracht, so Binnberg: «Das ist wie bei einem Drogenabhängigen – sagt man einem Orthorektiker, iss doch mal wieder, funktioniert das einfach nicht.»

Ausdruck eines löcherigen Selbstwertgefühls

Die Buddha-Bowl, das XXL-Steak oder die Blumenkohlpizza: Ernährung ist im Zeitalter von Social Media omnipräsent geworden.

Und für manche auch eine Art Ersatzreligion: «Wir folgen Ratschlägen von selbsternannten Experten, die behaupten, man könne sich durch bestimmte Ernährungsweisen gesund essen – das ist fatal», gibt Binnberg zu bedenken.



Heute weiss er, dass hinter einer Essstörung noch viel mehr steckt: «Sie ist auch Ausdruck eines löcherigen Selbstwertgefühls». Seine Sucht hat er inzwischen überwunden – mit einer Verhaltenstherapie wie auch einem Buch.

Seine Geschichte aufzuschreiben, habe ihm zu sehen geholfen, welchen Mythen er jahrelang nachgejagt sei. Heute könne er wieder das essen, worauf er Lust habe, ohne gross darüber nachzudenken. An den meisten Tagen gelinge ihm dies auch.

Nils Binnbergs Buch ist auch eine Abrechnung mit allen Ernährungsgurus.
Bild: Suhrkamp 

Nils Binnbergs Buch «Ich habe es satt – Wie uns Ernährungsgurus krank machen» ist im Suhrkamp Verlag, 18.90 Franken, erschienen.

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