Interview Da haben wir den Salat: Warum das Gemüse kein Mittagessen ist 

Von Sulamith Ehrensperger

4.9.2019

Ein Salat ist fein. Als Mittagessen kann er aber dazu führen, dass der Hunger schneller zurückkehrt als einem lieb ist. 
Ein Salat ist fein. Als Mittagessen kann er aber dazu führen, dass der Hunger schneller zurückkehrt als einem lieb ist. 
Bild: iStock

Es heisst, beim Salat könne man so richtig zulangen, ohne zuzunehmen. Das stimmt nicht ganz, wie der Ernährungsdiagnostiker Jürg Hösli «Bluewin» erklärt.

Herr Hösli, Salat ist vitaminreich, gesund und macht schlank. Dennoch gibt es einen Haken. In welchen Fällen haben wir den Salat mit dem Salat?

Leider in so vielen Fällen, denn Salate haben oft nicht den Vitaminbedarf, der ihnen vermeintlich zugeschrieben wird. Ein Kilo Salat enthält gerade einmal zehn Prozent der tagesüblichen Dosierung für einen Nichtsportler an Magnesium, Calcium, Niacin, Linolsäure sowie die Vitamine E und B1. Treiben wir aber Sport oder müssen im Alltagsstress die Welt retten, dann liegt der Bedarf noch einmal deutlich höher.

Das tönt so, als ob Salat als Gesundheitsbooster überbewertet ist.

Salat ist schon gut, aber er macht uns nur für kurze Zeit satt. Der Magen hat zwei Wächter: Der erste «zählt» die Kilokalorien, der zweite die Menge. Erst wenn beide zufriedengestellt sind, sind wir längerfristig satt.

Warum ist ein Salatteller kein adäquates Mittagessen für Sie?

Salat als Essen zu bezeichnen, ist grundsätzlich falsch. Es ist maximal eine Beilage. Ersetzen wir ein Mittagessen durch einen Salat, überfällt uns spätestes um drei bis vier Uhr die Lust auf Süsses überdimensional. Wir bemerken, dass die Atmosphäre im Büro etwas zickiger wird und beruhigen uns mit Schokolade. Haben wir am Nachmittag einen besonders hohen Stress, verschiebt sich der Heisshunger auf den Abend. Dies ist noch ein bisschen ungünstiger, weil dann mehr Körperfett im Bauchraum aufgebaut wird – also dort, wo das Körperfett besonders ungünstige Auswirkung auf den Stoffwechsel hat.

Gönnen wir uns zu wenig, überfällt uns später die Lust auf Süsses oder Deftiges umso mehr.
Gönnen wir uns zu wenig, überfällt uns später die Lust auf Süsses oder Deftiges umso mehr.
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Viele denken: Ich habe zum Zmittag ja «nur» Salat gegessen, kann mir also ein richtiges Abendessen gönnen … Vor allem Frauen tappen in die «Salat-Falle». Warum?

Wenn eine Frau ihren Energiebedarf über Kopfsalat decken möchte, wären es rund 13.6 Kilogramm pro Tag – mit einem Deziliter Salatsauce inklusive wohlgemerkt! Da hilft auch das Joghurt und der halbe Apfel am Morgen nicht viel. Das wäre wie, wenn wir beim Autofahren aufs Benzin verzichten und am Ziel dann doppelt tanken würden. Das gibt nichts anderes als eine Sauerei. Das Gleiche passiert eben auch mit unserem Körper, nur dass die Sauerei bei uns in der Bauchregion liegen bleibt.

Warum ist es ein Problem, wenn wir am Abend richtig zulangen? 

Wenn die Hauptmahlzeit am Abend grösser ist, wächst eben der Bauch gleich mit – und über den Tag haben wir zu wenig Energie. Wer dann noch zusätzlich die «bösen» Kohlenhydrate am Abend verbannt, dürfte mit Schlafstörungen zu kämpfen haben.

Frauen sind nicht nur anders als Männer, sie essen und trinken auch anders, oft strukturierter. 
Frauen sind nicht nur anders als Männer, sie essen und trinken auch anders, oft strukturierter. 
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Keine Kohlenhydrate oder Salat ohne Sauce: Frauen planen und essen meist strukturierter und strikter als Männer, wie Studien immer wieder zeigen. Warum ist Scheitern so vorprogrammiert?

Eine Frau muss doch in der heutigen Zeit alles können. Sie muss die umfassende Weltretterin sein, sportlich und die perfekte Figur haben. Einige Frauen denken, dass dies mit Salat geht – meist angespornt von einigen fehlgeleiteten Influencern oder unprofessionellen Ernährungsportalen. Wer schöne Bilder zeigt und grosse Versprechen macht, dem wird heute halt oft mehr geglaubt. Wir sehen in unseren Beratungen, dass Frauen meist wesentlich zielstrebiger sind als Männer. Sie beurteilen sich auch deutlich emotionaler. Erreichen sie ihr gestecktes Mindestziel nicht, wird der Körper vom Kopf «zum Glück» gezwungen.

Die einen zählen zwanghaft Kalorien, andere folgen einer strikten Ernährungsphilosophie. Wie gross ist aus Ihrer Sicht der Leidensdruck beim Essen?

Wenn Sie in einer Kantine je gesehen haben, wie Frauen einander auf den Teller schauen – vor allem wenn diese etwas dünner oder dicker ist – erkennen Sie den emotionalen Druck, welcher in unserer Gesellschaft auch in der Ernährung herrscht. Doch Leisten ohne Energie geht nun einmal nie ohne Nebengeräusche des Körpers. Darum sollten wir es nicht so weit kommen lassen, dass wir so lange weitermachen bis wir unter Unverträglichkeiten, Hautproblemen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Erschöpfungszuständen oder massiver innerer Unruhe leiden.

Jürg Hösli ist Ernährungswissenschaftler und greift gerne kontroverse Themen aus Sport, Psychologie und Ernährung auf. Er ist Begründer der Ernährungsdiagnostik und der Schule für Ernährungsdiagnostik erpse in Winterthur und Zürich.
Jürg Hösli ist Ernährungswissenschaftler und greift gerne kontroverse Themen aus Sport, Psychologie und Ernährung auf. Er ist Begründer der Ernährungsdiagnostik und der Schule für Ernährungsdiagnostik erpse in Winterthur und Zürich.
Bild: erpse

In Sachen Salat kommt vielleicht noch ein gewichtiger Aspekt dazu: Nicht alles, was am Salatbüffet zu finden ist, ist auch automatisch gesund. Welches sind denn die grössten «Salat-Fallen»?

Ein Kartoffelsalat von der Tankstelle mit XXL-Portion Mayo und Sauce hat zum Beispiel über 800 Kilokalorien. So wird es natürlich nichts mit der kleineren Hosengrösse. Genau darauf sollten Sie auch am Buffet schauen. Auch hier gibt es Salate, die im Dressing oder in der Mayo schwimmen. Das mag vielleicht für junge Sportler, die noch deutlich an Gewicht zulegen sollten, ok sein. Hingegen dürften gewichtssensitive Frauen beim nächsten Schritt auf die Waage eher einen Rückwärtssalto machen als einen Freudensprung.

Was tun, wenn der Appetit nach dem Salatteller schneller und heftiger zurück als einem lieb ist?

Iss mal was «Richtiges». Jeder Teller sollte rund zu einem Drittel aus Stärkebeilage, Eiweissportion und Gemüse bestehen. Als kleines Dessert eine Frucht oder auch mal ein kleines Stück Kuchen. Etwas essen für die Seele darf auch sein, dann meldet sich auch der Heisshunger später umso weniger.

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