«Ich habe das Alien in mir aushungern lassen»

Von Sulamith Ehrensperger/aes

11.2.2021 - 06:35

Rear View Of Sad Woman Leaning On Wall
Wenn das Erbrechen zum Alltag gehört: In der Schweiz leiden 2,4 Prozent der Frauen und 0,9 Prozent der Männer an einer Bulimie – mit steigender Tendenz.
Bild: Getty Images

Ihre Gedanken kreisten nur noch um Essen und Erbrechen. Fast 30 Jahre lang kämpfte sie mit Bulimie. Ihr Leben war fremdbestimmt von der Krankheit. Eine Betroffene erzählt.

Der erste Teil der Serie, das Interview zum Thema Essstörungen bei Erwachsenen ist am Mittwoch, 10. Februar, bei «blue News» erschienen.

«Als Kind war ich dünn. Ich habe mir nie etwas aus dem Essen gemacht. Es war mir egal und oft vergass ich auch die Essenszeiten. Das änderte sich mit Eintritt in die Pubertät.

Ich nehme an, bei mir hatte es wesentlich mit Beachtung und Nichtbeachtung zu tun. Im Gegensatz zu meinen Geschwistern funktionierte ich so, wie es von den Eltern erwartet wurde. Ich war meistens unscheinbar. Am liebsten verbrachte ich die Zeit mit meiner Mutter in der Küche, denn mich haben die Gespräche mit ihr und überhaupt den Erwachsenen immer sehr interessiert. Abgesehen von den ständigen Streitereien meiner Eltern, die mich manchmal schon belasteten, war meine Welt bis etwa zu meinem 13. Lebensjahr ziemlich in Ordnung.

Wann genau das Essen zum Problem wurde, kann ich nicht mehr sicher sagen. Ich weiss nur noch, dass ich mit 14 Jahren etwas Pubertätsspeck ansetzte, was meinen Vater dazu bewog mir mitzuteilen, dass ich doch ziemlich dick geworden wäre.

Mein damaliger Berufswunsch war Kinderkrankenschwester und Hebamme. Mit nicht ganz 17 Jahren schloss ich deshalb die Schule mit der Mittleren Reife ab. Doch schon Jahre hatte sich mein Essverhalten massiv verändert. Ich fand mich im Vergleich zu meinen Kolleginnen zu dick und hässlich. Ein Selbstbewusstsein und auch das nötige Selbstvertrauen, um diesen Gefühlen etwas entgegenzusetzen, hatte ich als Kind und Jugendliche kaum gelernt. Durch die ständigen Ablehnungen meines Vaters fühlte ich mich oft überflüssig, ungewollt und irgendwie ständig im Weg.

Bulimie war zu meiner besten Freundin geworden

Zu Beginn meiner Essstörungs-Karriere hatte ich für kurze Zeit Magersucht, doch sehr schnell glitt ich in die Bulimie ab. Ich entdeckte das Kotzen. Und das fand ich sehr praktisch, denn mit dem Erbrechen hatte ich nie Probleme. Meine ganze Kindheit hindurch wurde mir beim Autofahren übel, insofern war ich darin geübt. So wären doch alle Probleme gelöst … dachte ich. ‹Hui, ich kann essen, was und so viel ich möchte und ich nehme nicht zu.› Ausserdem – und das war noch viel besser, konnte ich meinen ganzen pubertären Frust das WC hinunterspülen. Doch es kam, wie es kommen musste: Innerhalb kürzester Zeit verlor ich die Kontrolle, die Bulimie übernahm mein Leben. Nie hätte ich gedacht, dass es so was gibt.

Meiner Mutter fiel schnell auf, dass mit mir etwas nicht stimmte. Nach jeder Mahlzeit verschwand ich aufs WC oder in mein Zimmer, wo ich dann in Plastiktüten kotzte. Mehr und mehr begann sie mich zu kontrollieren. Doch längst hatte sich die Bulimie verselbständigt und war zu meiner besten Freundin geworden. Eine Therapie wäre in diesem Stadium der Essstörung wohl ungeheuer wichtig gewesen, aber leider war in den 1970er-Jahren diese Art von Essstörung noch gar nicht beschrieben. Man kannte Bulimie noch gar nicht.

Mit knapp 17 zog ich von zu Hause aus, um mit einem Praktikum in mein Berufsleben zu starten und ab dieser Zeit konnte sich die Bulimie so richtig entfalten. Da ich kaum Geld hatte, begann ich zu stehlen: Lebensmittel. Dann begann ich meine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester in einem Diakoniekrankenhaus. Weil ich auch dort Nahrungsmittel aus den Küchenfächern meiner Mitschülerinnen stahl, wurde ich nach einem Jahr wieder nach Hause geschickt, was für meine Eltern eine herbe Enttäuschung war.

Drei, vier oder mehr Essattacken pro Tag

Nach dieser düsteren Episode begann ich als Konsequenz mit 20 Jahren einen ersten stationären Klinikaufenthalt. Drei Monate war ich dort, dann verliess mein Therapeut die Klinik. Das traf mich schwer, denn von ihm fühlte ich mich richtig ernst genommen und hatte grosses Vertrauen. Danach war ich nicht mehr bereit, mit einem anderen Therapeuten zu arbeiten und verliess die Klinik.

Die Zeit verging mit diversen Jobs und immer mit der ‹Freundin Bulimia› an meiner Seite. Bis ich 23 Jahre alt war, hatte ich es noch nicht geschafft, eine Ausbildung zu machen. Ich jobbte da und dort und verdiente so meinen mickrigen Lebensunterhalt. Zu dieser Zeit hatte ich einen Freund, mit dem ich zusammenlebte (der jedoch stark trank) und konnte so mein ganzes Geld für Essanfälle ausgeben. Für mich war diese Zeit extrem anstrengend und oft entwürdigend.

Wenn ich heute an diese Jahre zurückdenke, macht mich das immer noch sehr traurig. Wie viele Jahre habe ich mir selbst weh getan. So könnte ich niemals einem anderen Menschen weh tun. Im Schnitt hatte ich drei, vier oder mehr Essattacken pro Tag. Soviel essen konnte ich gar nicht, wie ich kotzen wollte. Auch wenn alles schlecht lief in meinem Leben, eines hatte ich nie aufgegeben: Den Wunsch, eine Ausbildung zu machen.

Das Essen bestimmte mein Leben

1985 bekam ich die Chance und lernte Zahnarzthelferin. Diese Ausbildung schloss ich nach drei Jahren mit guten Noten und einem Preis für gute Leistungen ab. Das erste Mal in meinem Leben war ich richtig stolz auf mich. Und immer noch begleitete mich die Freundin Bulimia. Oder soll ich sagen das Alien Bulimia? Mich beschlich das Gefühl, wohl immer mit der Bulimie leben zu müssen. Das Essen bestimmte mein Leben. Es bestimmte meinen Tagesablauf und meine finanziellen Möglichkeiten.

Noch während meiner Ausbildungszeit zog ich in eine kleine Wohnung, welche mir die Möglichkeit des Rückzuges gab, das Gefühl, ein Nest zu haben, wo ich mich kreativ entfalten konnte. Malen, Schreiben und Backen. Zum ersten Mal gab es tatsächlich Zeiten, in denen die Essstörung kein Thema war, weil ich mich ganz in meiner Mitte fühlte. Auch Ferien, Restaurantbesuche und andere Highlights waren für mich so kostbar, dass ich sie mir auf keinen Fall durch Essen und Kotzen verderben wollte. Und das funktionierte! Im Beisein von Freunden fühlte ich mich gut. Dann brauchte ich die Essanfälle nicht.

Die Essstörung lebte fröhlich weiter. Sie war wie ein Alien, das sich nicht aus mir herausreissen liess. Es gab gute und weniger gute Tage. Aber selten war einer mal perfekt. Perfekt bedeutete: keine Essattacke. Mittlerweile litt ich schon etwa 15 Jahre an der Bulimie. An einige Therapien hatte ich mich schon herangewagt. Ich ging in eine Selbsthilfegruppe. Die Gruppenmitglieder waren alle mehrfach süchtig: Tabletten, Drogen, Alkohol und Essstörung. Ich fühlte mich hinterher immer noch schlechter und verliess die Gruppe wieder. Dann ging ich ambulant in eine Essstörungstherapie der Uniklinik Freiburg. Auch das war ziemlich schräg. Die Therapien waren erst im Aufbau, deswegen kam ich in eine Versuchsreihe.

Das gab mir den Rest

Die nächste Station in meiner Therapie-Odyssee war eine Gesprächstherapie bei einer ehemals selbst Betroffenen. Sie war nur wenig älter als ich, doch bei ihr fühlte ich mich zum ersten Mal ernst genommen. Mit ihrer Hilfe getraute ich mich Dinge und Menschen loszulassen, die mir nicht guttaten. Mich selbst zu akzeptieren, mich selbst wenigstens ein bisschen zu mögen und mich auf Dinge zu und an ihnen zu freuen, die gut für mich sind. Trotz dieser Weisheiten war ich noch Lichtjahre davon entfernt, die Bulimie aufzugeben. Die Bulimie war mein Anker, meine Sicherheit, meine Kontrolle über mich selbst und meine Gefühle.

Mit 31 Jahren war ich mehr als bereit für einen stationären Klinikaufenthalt. Durch das viele Erbrechen hatte ich Unfälle erlitten. Dreimal bekam ich eine Dissektion (Riss) der Halsarterien. Ich hatte Angst vor mir selbst, deswegen wollte ich in die Klinik. Ohne Überweisung eines Arztes meldete ich mich an und fuhr hin. Der zuständige Arzt teilte mir nach einem Interview mit, dass ich für einen stationären Aufenthalt leider schon zu alt sei. Je älter jemand sei, desto aussichtsloser wäre die Prognose. Das gab mir den Rest. Ich gab auf, wollte nichts mehr machen und habe mich auch nie mehr um eine Therapie bemüht. 

Mit 33 heiratete ich einen Mann, der selbst grosse Probleme hatte. Er hängte sich an mich und lebte in jeder Beziehung auf meine Kosten – mental, finanziell und sexuell. Ich war seine Lebenskrücke. Einerseits wollte ich keine Zwänge mehr, begab mich jedoch in immer stärkere Abhängigkeiten. Eigentlich dachte ich immer, ich wünschte mir, frei zu sein. Nie war ich frei, weil ich mich selbst einsperrte. In ein Gefängnis namens Bulimie. Und nur ich konnte mich daraus befreien. Nach vier Jahren wurden wir geschieden.

Ich hatte viele Engel in Menschengestalt

In meinem 39. Lebensjahr lernte ich den Mann meines Lebens kennen. Die Liebe meines Lebens. Wegen ihm verliess ich Deutschland, meine Arbeit, die ich liebte, eigentlich auch meinen Bekanntenkreis und meine geliebte Wohnung in den Weinbergen Freiburgs. Das Alien nahm ich mit. Ich übersiedelte in die Schweiz, bekam eine Arbeit und war – zunächst – glücklich. Er war Alkoholiker, wir heirateten, er war kokainabhängig, ich wurde schwanger. Es war eine Katastrophe! Ich verlor das Kind. Er verlor seinen Job, ich verlor deswegen auch meinen Job. Er war mein Chef.



Dann begab ich mich sechs Monate in die Klinik Wysshölzli. Dort durchlebte ich eine radikale Zäsur, habe alles aufgeschrieben, malend mein ganzes Leben durchlitten und habe viele dunkle Seiten meines Lebens gesehen. Danach war nichts mehr wie zuvor. Nach vier Jahren Zusammenleben, Ehe und Hölle stieg ich aus und habe bei null wieder angefangen. 

Ich bekam in einem Spital eine Stelle als Teamleiterin. Das war eine riesengrosse Herausforderung für mich, aber mit der sagenhaften Unterstützung meiner Vorgesetzten, die wirklich an mich glaubten, einigen Weiterbildungen und einem wunderbaren Kollegenteam schaffte ich das. Sechs Jahre war ich dort und in dieser Zeit habe ich meine Bulimie besiegt. Ich wollte nicht mehr, konnte nicht mehr und hatte gar keine Zeit mehr für meine Essstörung. Ich habe sozusagen das Alien in mir aushungern lassen.

Insgesamt kann ich auf eine fast 30-jährige Essstörungskarriere zurückblicken. Der Gegenwert war: ruinierte Zähne, drei Dissektionen der Halsarterien, einen schweren Sturz und infolgedessen einen Schlüsselbeinbruch (Dehydrierung durch das Erbrechen und dadurch Ohnmacht), eine Magenschleimhautentzündung, eine Abtreibung, zwei Aborte, heute keine Kinder und ein Reizdarmsyndrom. Ich hatte aber auch viele Engel in Menschengestalt, immer wieder die Kraft aufzustehen.

Ich habe mir alles verziehen, hatte und habe immer Zuversicht und Hoffnung, auch in dunkleren Momenten, bin unendlich dankbar für das Glück, das ich hatte und jetzt habe und vor allem: Ich lebe


Die «Biografie einer Essstörung» ist im Jahresbericht 2019 der Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen AES erschienen. 


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