Yoga: So erobert die Bewegungslehre die Welt

Kerstin Degen

20.6.2018 - 13:39

Sogar die deutsche National-Elf tut es: Yoga. Die indische Bewegungslehre erobert Schritt für Schritt die Welt. Millionen interessieren sich dafür und feiern am 21. Juni den dritten Weltyogatag. Worin liegt der Reiz dieser jahrtausendealten Lebensphilosophie?

Absolute Yoga-Greenhörner gibt es kaum noch, denn die traditionsreiche Lehre, oder zumindest die dazugehörigen Körperübungen (Asanas), kennt jeder. Sogar kleine Kinder nennen neben Chihuahua und Schäferhund auch den «heraubschauenden» und «nach oben schauenden Hund». Dennoch steckt hinter der Bezeichnung Yoga weit mehr, als in der westlichen Welt gemeinhin bekannt ist.

Um das weltweite Augenmerk auf die Vorzüge der Yoga-Praxis zu richten, wandte sich der indische Premierminister Narendra Modi im Dezember 2014 mit folgenden Worten an die Vereinten Nationen:

«Yoga ist ein unschätzbares Geschenk uralter indischer Tradition. Diese Tradition ist 5000 Jahre alt. Es verkörpert die Einheit von Körper und Geist, Gedanken und Handlung, Begrenzung und Verwirklichung, Harmonie zwischen Mensch und Natur und einem ganzheitlichen Ansatz für Gesundheit und Wohlbefinden.

Es geht weniger um körperliche Übungen als um die Entdeckung des Eins-Seins mit Sich-Selbst, der Welt und der Natur. Eine Veränderung unseres Lebenswandels und das Schaffen eines harmonischeren Bewusstseins, kann uns helfen mit dem Klimawandel zurechtzukommen. Lasst uns daher an der Einführung eines 'Internationalen Yoga-Tages' arbeiten.»

Und seine Bitte fand Gehör, alle 177 Staaten, die an der Generalversammlung anwesend waren, nahmen die Resolution an, ein überwältigendes Resultat. Und seither feiert eine stets wachsende Zahl begeisterter Yogis am 21. Juni nicht nur den längsten Tag des Jahres, sondern eben den Internationalen Tag des Yoga.

Samãdhi: Absolute Glückseligkeit

Während hierzulande vor allem Asana (Yogaposen, körperliche Disziplin), Pranayama (Kontrolle des Atems) und Dhyana (Meditation) bekannt sind, gibt es im Ursprungstext der Yoga-Lehre, der rund 400 Jahre vor Christus vom indischen Gelehrten Patañjali verfasst wurde, 8 Pfade bis zum letztendlichen Ziel, der völligen Ruhe des Geistes.

Dieser achtgliedrige Leitfaden ist auch unter dem Namen Yogasutra bekannt, und beinhaltet unter anderem das Ehren von Werten wie Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Disziplin oder Zufriedenheit. Erreicht man die höchste Stufe, Samãdhi, erwartet einen ein Zustand absoluter Glückseligkeit, eine innere Freiheit, eine Verschmelzung von Gegenstand und Geist.

In wenigen Wochen feiert Tao Porchon-Lynch ihren 100. Geburtstag: Die älteste Yogalehrerin der Welt wurde am 13. August 1918 in Französisch-Indien geboren. Seit ihrem 8. Lebensjahr praktiziert sie täglich Yoga. obschon dies im Jahre 1926 für Mädchen noch verpönt war.
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Wer nun in westlicher Manier anstrebt, den achtgliedrigen Pfad als Checkliste abzuarbeiten, wird jedoch wenig Erfolg haben. Denn das Geheimnis des Lebens steckt nicht in einer To-Do-Liste. Die Seele will erleben, fühlen, trauern, sich freuen – und genau dabei bieten Patañjalis Verse auch heute noch sehr lebensnahe Vorgehens- und Verhaltensweisen.

Lebenshaltung oder Kult?

Besonders in westlichen Grossstädten nimmt Yoga bisweilen kultartige Formen an. Praktiziert wird in stylishen Outfits auf hippen Yogamatten in noch hipperen Yoga-Studios. Muskulöse und braungebrannte Instagram-Yoginis posieren graziös in den ausgefallensten Verrenkungen an den aussergewöhnlichsten Orten.

Davon sollten sich Neulinge aber nicht abschrecken lassen, denn Yogalehrer weltweit sind sich einig: «Egal wie alt, wie unbeweglich, dick oder dünn, solange man atmen kann, steht Yoga als Weg zu Stille, Freiheit im Geist und körperlicher Zufriedenheit jedem zur Verfügung.»

Und dafür gibt es eindrückliche Beweise: In wenigen Wochen feiert die Yogalehrerin Tao Porchon-Lynch ihren 100. Geburtstag – und unterrichtet noch immer sechs- bis achtmal pro Woche. Kraft gibt der rüstigen Dame ihr Lebensmotto, das sie seit ihrem 8. Lebensjahr begleitet: «Ich glaubte an die Natur und ans Atmen. Ich wollte nicht zu jemandem irgendwo da draussen beten, sondern zu etwas in mir drin.»

Und dieses Mantra verleiht ihr unerschöpfliche Energie. Porchon-Lynch maschierte mit Mahatma Ghandi, stand mit Marlene Dietrich vor der Kamera, lief für die bekanntesten Modehäuser Frankreichs über den Laufsteg und begann im Alter von 87 Jahren mit Gesellschaftstanz. Ein leidenschaftliches Hobby, das ihr bis heute mehrere Auszeichnungen eingebracht hat. 

Körper und Geist in Einklang

Irgendwas muss also dran sein, an der Kraft die man aus seinem Inneren ziehen kann, wenn es einem gelingt Körper und Geist in Einklang zu bringen.

Das Yoga viel mehr als nur Sport ist, erlebe ich selbst immer wieder am eigenen Körper. Denn die grösste Herausforderung beim Yoga sind nicht die akrobatischen Posen, sondern der Versuch, die Alltagsproblemchen während der Übungen aus dem Kopf zu verbannen und sich voll und ganz auf das «Hier und Jetzt» einzulassen.

Um die indische Bewegungslehre in seinem Alltag einzubauen, braucht es also nicht zwingend eine Matte und auch die Kleiderwahl ist zweitrangig. Yoga sollte man so ausführen, wo und wie man sich am wohlsten fühlt, für die einen sind das die eigenen vier Wände, für andere eine idyllische Waldlichtung oder eben das angesagte Yoga-Studio.

Und anfangen kann man jederzeit. Also halten Sie doch zum Internationalen Yoga-Tag einfach mal inne, schliessen Sie die Augen und atmen Sie ein paar Mal tief durch, ein winziges Ritual, das sich leicht in das tägliche Chaos einbauen lässt, und damit ein guter Anfang.

Namasté!

Yoga-Lehrerin Tao Porchon-Lynch: «Lebe jeden Tag, als gäbe es kein Morgen.»

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