So bemerke ich, dass mein Kind depressiv ist

dpa/rre

22.11.2019 - 14:43

Stimmungsschwankung oder Depression? Oft gelingt es nur Fachpersonen, den Unterschied zu erkennen. 
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Nicht nur die Veranlagung ist verantwortlich – auch Stress, Mobbing oder Schicksalsschläge können eine Depression auslösen. Ob ein Kind daran erkrankt ist, lässt sich oft nur schwer feststellen. 

Innere Unruhe, nagende Selbstzweifel, kaum Energie: In der Schweiz ist jede zehnte Person von einer Depression betroffen. Damit ist sie hierzulande die am häufigsten auftretende psychische Erkrankung. Im Vergleich zu Männern erkranken Frauen deutlich öfter. Junge Menschen erhalten eher eine solche Diagnose wie Personen ab einem Lebensalter von 65. 

Doch nicht nur Erwachsene werden zu Opfern der psychischen Erkrankung. Man geht davon aus, dass zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen zwölf und 17 Jahren an einer Depression erkrankt sind. Bei unseren nördlichen Nachbarn sieht es ganz ähnlich aus. Fast zwei Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland haben gemäss einer Studie der DAK-Krankenkasse unter ihren Versicherten eine diagnostizierte Depression.

Für ihren aktuellen Kinder- und Jugendreport hat die Kasse dazu die Abrechnungsdaten von mehr als 370'000 Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 17 Jahren für das Jahr 2017 ausgewertet. Demnach diagnostizierten Ärzte bei 1,9 Prozent der Schüler eine zumeist mittelschwere depressive Episode und bei 2,2 Prozent eine Angststörung.

Mädchen häufiger betroffen

Mädchen waren nach den Kassendaten deutlich häufiger wegen Depressionen beim Arzt als Jungen. Fast jeder sechste junge Patient (17 Prozent) bekam 2017 ein Antidepressivum verordnet, zumeist von Fachärzten. Bis zu acht Prozent der betroffenen Kinder und Teenager kamen zur Behandlung einer Depression in eine Klinik, durchschnittlich mehr als einen Monat lang (39 Tage).

«Im Report sehen wir nur die Spitze des Eisbergs», kommentierte Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, den Bericht. «Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.» Es gebe viele Kinder, die an Depressionen litten und erst spät in die Praxen kämen.

Dass Depressionen nicht allein ein Thema für Erwachsene sind, ist bekannt. «Wir gehen von etwa zwei betroffenen Kindern pro Schulklasse aus», sagt Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Der Psychiater schätzt die Zahlen der Kasse als realistisch ein.

Für Deutschland gibt es Studien, nach denen rund acht Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren im Laufe eines Jahres an einer anhaltenden depressiven Störung erkranken. Das sind rund fünf Millionen Menschen.

Genetisch bedingt oder auch erworben

Eine Depression könne sowohl genetisch bedingt sein, als auch zum Beispiel durch Traumatisierungen oder Missbrauchserfahrungen erworben werden, erläutert Hegerl. Fachleute seien sich heute einig, dass die Neigung zu Depressionen in Deutschland nicht steigt. Vielmehr gebe es mehr Diagnosen, weil Ärzte das Leiden besser erkennen und mehr Menschen als früher bereit sind, sich Hilfe zu suchen.

Bei Teenagern kann es für Laien schwer sein, Anzeichen für eine Depression vom normalem «Pubertieren» mit heftigen Stimmungsschwankungen zu unterscheiden. Für Fachleute sei es jedoch recht gut möglich, zum Beispiel Gefühle von innerer Versteinerung zu erkennen, so Hegerl.

Kranke Eltern als Auslöser

Die Zahlen der Kasse zeigen Zusammenhänge, die ähnlich bereits in anderen Studien belegt wurden: So steigt laut Report das Depressionsrisiko bei Kindern und Teenagern, wenn bereits Elternteile psychisch oder anders chronisch erkrankt sind. Auch eine eigene chronische Erkrankung, Adipositas, Diabetes, Asthma und Schmerzen können das Depressionsrisiko bei jungen Leuten laut Bericht erhöhen.

Die eigene Familie scheint Kinder umgekehrt auch vor erworbenen Depressionen schützen zu können: Besonders ausgeprägt zeigte sich das in den Kassendaten von Akademikerfamilien. Vermutlich könnten sie ihren Kindern Bildung, ein gutes Netz und soziale Sicherheit bieten, heisst es von der DAK. Das mache den Nachwuchs vielleicht widerstandsfähiger gegen psychische Leiden.

Symptome bei Kindern und Teenagern

Fachärzte können die Anzeichen einer Depression bei Kindern und Jugendlichen oft erkennen. Für Eltern, Lehrer oder Erzieher ist das nicht immer einfach. Denn vorübergehende Symptome wie Traurigkeit und Niedergeschlagenheit sind zum Beispiel auch ein Teil der Pubertät. Die Deutsche Depressionshilfe listet Besonderheiten in der Symptomatik nach Altersgruppen auf:

Kleinkinder zwischen einem und drei Jahren:

Vermehrtes Weinen, ausdrucksarmes Gesicht, erhöhte Reizbarkeit, überanhänglich, Kind kann schlecht alleine sein, selbststimulierendes Verhalten wie Schaukeln des Körpers oder exzessives Daumenlutschen, Teilnahmslosigkeit, Spielunlust oder auffälliges Spielverhalten, gestörtes Essverhalten, Schlafstörungen.

Vorschulalter von drei bis sechs Jahren:

Trauriger Gesichtsausdruck, verminderte Gestik und Mimik, leicht irritierbar, stimmungslabil, auffällig ängstlich, mangelnde Fähigkeit, sich zu freuen, Teilnahmslosigkeit und Antriebslosigkeit, introvertiertes Verhalten, vermindertes Interesse an motorischen Aktivitäten, innere Unruhe und Gereiztheit, unzulängliches oder auch aggressives Verhalten, Ess-und Schlafstörungen.

Schulkinder zwischen sechs und zwölf Jahren:

Verbale Berichte über Traurigkeit, Denkhemmungen, Konzentrationsschwierigkeiten und Gedächtnisstörungen, Schulleistungsstörungen, Zukunftsangst, Ängstlichkeit, unangemessene Schuldgefühle und unangebrachte Selbstkritik, psychomotorische Hemmung wie langsame Bewegungen und eine in sich versunkene Haltung, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Suizidgedanken.

Pubertäts-und Jugendalter von 13 bis 18 Jahren:

Vermindertes Selbstvertrauen, Selbstzweifel, Ängste, Lustlosigkeit, Konzentrationsmangel, Stimmungsanfälligkeit, tageszeitabhängige Schwankungen des Befindens, Leistungsstörungen, das Gefühl sozialen und emotionalen Anforderungen nicht gewachsen zu sein, Gefahr der Isolation und des sozialen Rückzugs, psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Gewichtsverlust, Schlafstörungen und Suizidgedanken.

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