Herr Zumbrunnen, warum verkaufen Sie geschmacklose Erdbeeren?

Bruno Bötschi

19.2.2020 - 10:58

Fabrice Zumbrunnen ist seit Januar 2018 Migros-Chef.
Bild: Keystone

Wir haben erst Februar, aber in der Migros gibt es bereits Erdbeeren zu kaufen. «Bluewin»-Redaktor Bruno Bötschi kaufte vergangene Woche ein Kistchen. Und wurde, einmal mehr, enttäuscht.

Lieber Herr Zumbrunnen

Am Samstag habe ich in der Migros-Filiale Wengihof in Zürich Erdbeeren gekauft. Widerwillig, das gebe ich zu. Ich bin Thurgauer, also im Erdbeer-Paradies der Schweiz gross geworden.

Ja, ich bin ein Mostindianer. Und ja, ich liebe Erdbeeren über alles, also wenn ihr Geschmack süss und aromatisch ist.

Erdbeeren im Winter? Die Schweizer Detailhändler, also nicht nur die Migros, werden deswegen immer wieder kritisiert: In puncto Saisonalität, Arbeitsbedingungen oder Düngemitteleinsatz reagieren Konsumentinnen und Konsument bei den roten Früchten äusserst sensibel (siehe auch den unten stehenden Facebook-Post).

Facebook-Post von einem enttäuschten Migros-Kunden.
Bild: Facebook

Lieber Herr Zumbrunnen, ich habe Ihnen schon im Februar 2019 geschrieben, damals über meinen Twitter-Account: «Als ‹nachhaltigste Detailhändlerin der Welt› will die Migros doch ihren Kundinnen und Kunden nur gute und vor allem gut schmeckende Lebensmittel verkaufen. Aber wieso, lieber Herr Zumbrunnen, verkaufen Sie in Ihren Läden im Winter geschmacklose Erdbeeren?»

Sie haben mir damals nicht geantwortet. Ich weiss schon, Sie haben viel zu tun. Dafür antwortete mir Ihre PR-Abteilung dies: «Wir haben auch schon gehört, dass die Erdbeeren ziemlich gut sind und alles andere als geschmacklos.»

Vergangenen Samstag war dann der Zeitpunkt gekommen, den Geschmack der Migros-Erdbeeren auf Herz und Niere neuerlich zu prüfen. Ich kaufte also ein 500-Gramm-Kistchen Erdbeeren, geerntet im spanischen Moguer.

Reife Erdbeeren erkennt man an ihrer Farbe. Sobald sie tiefrot leuchten, sind sie am besten, am süssesten. Erdbeeren, bei denen noch viel weiss zu sehen ist, schmecken nicht so aromatisch. Die spanischen Erdbeeren waren noch zu einem Fünftel weiss.



Ich weiss, Herr Zumbrunnen, als Grossverteiler wollen Sie dem Kunden vor allem harte, gut haltbare Früchte in ihren Gestellen anbieten. Sieht ja auch schöner aus. Das ist aber gerade bei den Erdbeeren ein Problem: Süss und aromatisch geht nun mal auch mit weich und druckempfindlicher einher.

Sie haben deshalb im letzten Jahr reagiert und mit dem WWF zusammen gespannt. Mit einem Projekt für umwelt- und sozialverträgliche Produktion sollen die spanischen Migros-Erdbeeren nachhaltiger werden.

Momoll, das ist ein Anfang. Immerhin. Mich habe sie damit aber noch nicht wirklich überzeugt. Die spanischen Erdbeeren, die ich letzten Samstag gekauft habe, waren zwar fest und haltbar (ich habe erst die Hälfte gegessen), aber ein schöner Anblick sind sie nicht, und aromatisch sind sie eben auch nicht.

Und deshalb, lieber Herr Zumbrunnen, wird der Kauf am letzten Samstag ein einmaliger Ausrutscher bleiben. Stattdessen werde ich künftig wieder sehnsüchtig auf den Monat Mai warten und dann erst Erdbeeren kaufen.

Genau, wenn das Wetter mitspielt, sind es schon Erdbeeren aus dem Thurgau.

Aromatischer Gruss 

Bruno Bötschi

Regelmässig gibt es werktags um 11.30 Uhr bei «Bluewin» die Kolumne am Mittag – es dreht sich um bekannte Persönlichkeiten, mitunter auch um unbekannte – und manchmal wird sich auch ein Sternchen finden.

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